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Den Patienten bleibt ein ungutes Gefühl

Medtech-Hersteller wollen Ärzte nicht mehr mit Zuwendungen beeinflussen. Wirklich?

Einladungen und andere Aufmerksamkeiten: Nicht alle Ärzte und Ärztinnen profitieren in gleichem Masse davon.
Einladungen und andere Aufmerksamkeiten: Nicht alle Ärzte und Ärztinnen profitieren in gleichem Masse davon.
Gaetan Bally, Keystone

Jedes Jahr zu Weihnachten einen Lachs frei Haus, im Sommer eine Einladung ans Klassik-Open-Air, zwischendurch mal ein Opernhausbesuch. Und klar, gezahlt wird auch die einwöchige Teilnahme an einem Fachkongress in Lissabon mit Hotelübernachtung und täglichen Sightseeing-Touren im Umland inklusive Weindegustation. Selbstverständlich auf Wunsch auch mit Angehörigen. Solche Aufmerksamkeiten von Pharma- und Medtechfirmen waren früher verbreitet. Nicht alle Ärzte und Ärztinnen profitierten im gleichen Masse davon. Doch wer konnte, tat es und dachte sich nichts dabei.

Heute, so hört man, habe sich die Situation verändert. Einladungen und andere Aufmerksamkeiten seien rarer geworden. Bei grösseren Beträgen braucht es einen unterschriebenen Vertrag. Und die Pharmafirmen müssen nachfragen, ob die Zahlungen im Internet öffentlich gemacht werden dürfen – oder ob der Arzt auf Datenschutz beharrt. Diese Veränderungen sind offenbar bereits länger im Gang und haben etwas mit schlankeren PR-Budgets der Firmen zu tun. Einen Anteil daran hat aber sicher auch die zunehmend geforderte Transparenz in dem Bereich.

Pharmafirmen müssen ihre Zahlungen an Ärzte und medizinische Einrichtungen in den USA seit 2013 per Gesetz, in Europa und der Schweiz aufgrund von Branchen-Kodizes seit 2014, offenlegen. Jetzt hat auch die Medizin­technik-Industrie mit einem Ethik-Kodex nachgezogen, der in der Schweiz seit dem 1. Januar 2018 gilt. Das war überfällig, denn die oft unterschätzte Branche erzielt auch in der kleinen Schweiz Milliardenumsätze und hat damit einen beträchtlichen Anteil an den Gesundheitskosten.

400 Franken pro Arzt

Auf den ersten Blick scheint die selbst auferlegte Transparenz tatsächlich Wirkung zu entfalten. Das zeigt die überraschend geringe Summe von Pharmageldern, die in der Schweiz laut Selbst­deklaration der Branche direkt an medizinische Fachpersonen fliessen. Nämlich jährlich rund 15 Millionen Franken, was bezogen auf die 36 000 Ärzte und Ärztinnen im Durchschnitt 400 Franken pro Person ausmacht. Dafür verkauft niemand seine Seele.

Gut möglich, dass bei der Medizintechnik die Grössenordnungen ähnlich sind. Doch so wie der Medtechkodex verfasst ist, werden wir das nicht erfahren. Honorare für Vorträge oder Beratungen, Forschung oder «angemessene» Einladungen sind weiterhin möglich und müssen nicht offengelegt werden. Es bleibt weiterhin viel Raum für intransparente Zuwendungen aller Art. Und so wie bereits bei der Transparenzinitiative der Pharma, die Schlupflöcher offenlässt, ist auch der Medtechkodex kaum mehr als eine halb geglückte PR-Aktion.

Der Medtechkodex ist kaum mehr als eine halb geglückte PR-Aktion.

Klar, unter den vielen materiellen Fehlanreizen im Gesundheitswesen nehmen die direkten Zahlungen der Hersteller heute nicht den Spitzenplatz ein. Doch weil nach wie vor keine wirkliche Transparenz besteht, kennt niemand das tatsächliche Ausmass des Problems. Und so bleibt das Misstrauen. Das Bild von Ärzten, die von der Industrie gekauft sind und in deren Auftrag den Umsatz zu steigern versuchen, ist sicher nicht gerechtfertigt. Doch es ist stärker verbreitet, als einem lieb sein kann. Bei praktisch jeder Diskussion zu Sinn und Unsinn von Impfungen, überrissenen Medikamentenpreisen oder Komplementärmedizin wird dieses Bild bereits im dritten Satz bedient.

Eine ehrliche Transparenz würde dem entgegenwirken. Genauso klare Ansagen, wie die von Josef E. Brandenberg, Präsident der chirurgischen Dachorganisation FMCH, der für einen sauberen Umgang der Ärzteschaft mit der Industrie einsteht.

Die Patienten müssen sich heute fragen: Wie unabhängig ist mein Arzt oder meine Ärztin? Wie schlimm sind kleine oder grössere Einladungen und Geschenke wirklich? Klar ist, dass selbst kleine Aufmerksamkeiten Entscheidungen beeinflussen können. Das zeigen Studien immer wieder. Zum Beispiel eine Untersuchung im Fachblatt «Jama Internal Medicine», die über 60'000 Zahlungen an US-Ärzte untersucht hatte. Es zeigte sich, dass selbst eine einzige Essens­einladung im Durchschnitt dazu führt, dass ein Arzt ein Medikament häufiger verschreibt. Bei vier oder mehr Einladungen vervielfachte sich die Verschreiberate.

So bleibt bei den Patienten ein ungutes Gefühl zurück – oder sogar Verunsicherung.

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