Brechen in Europa bald Tropenkrankheiten aus?

Bislang waren Mücken nur lästig – aber mit dem Einzug der Tigermücke sind sie nun auch gefährlich. Welche Viren sie in Europa verbreiten.

Sie lebte ursprünglich nur in Südostasien, inzwischen fühlt sie sich auch in Europa wohl: Die Asiatische Tigermücke sticht zu. Foto: Getty Images

Sie lebte ursprünglich nur in Südostasien, inzwischen fühlt sie sich auch in Europa wohl: Die Asiatische Tigermücke sticht zu. Foto: Getty Images

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Eine einzige Tigermücke ging in diesem Sommer in eine der Fallen, die der Biologe Andreas Rose auf einem Friedhof in Erding aufgebaut hatte. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: In anderen Teilen Deutschlands war es nicht so ein ruhiger Mückensommer und schon gar nicht in Südeuropa. Sardinien, Korsika, Mallorca waren teilweise in dichte Wolken aus Tigermücken gehüllt.

Und nicht nur die drei Mittelmeerinseln wurden von Aedes albopictus, so der wissenschaftliche Name der Asiatischen Tigermücke, heimgesucht. Fährt man über den Brenner nach Italien, kann man bereits kurz hinter der Grenze im Radio hören, was jeder selbst gegen die Ausbreitung der Tigermücke tun kann. Die Plage hat Österreich erreicht, auch in Deutschland gibt es Aedes-Krisenregionen, aus Freiburg und Heidelberg kamen in den vergangenen Wochen erschreckende Berichte über massenhafte Mückenangriffe.

Wäre die Lage nicht so ernst, könnte man jetzt, wo der Sommer längst vorbei ist, vielleicht schon darüber lachen, wie einen die Blutsauger neulich noch gepiesackt haben. Doch etwas hat sich grundlegend verändert. Bislang waren die Mücken in Deutschland nur lästig. Seit diesem Jahr sind sie auch gefährlich.

Das liegt an zwei Dingen. Erstens breitet sich mit der Asiatischen Tigermücke eine neue Art aus, die ursprünglich aus Südostasien stammt. Wenn alles für sie passt und es warm genug ist, kann sie eine Reihe von Krankheiten übertragen, die von Chikungunyafieber über Dengue und Gelbfieber wahrscheinlich bis hin zu Zika reicht. Zweitens: Mit dem West-Nil-Virus ist ein neuer Krankheitserreger in Deutschland aufgetaucht, der nicht einmal die Tigermücke braucht, um sich auszubreiten. Das schaffen auch die heimischen Arten.

Im Durchschnitt erleidet nur einer von 150 Infizierten schwere Komplikationen.

Seit Wochen sterben überall in Deutschland Vögel an diesem Virus. Es kann Vögel und Säugetiere befallen, Mücken übertragen die Viren zwischen den verschiedenen Wirten. Seit Anfang des Sommers haben sich in Europa 1402 Menschen mit dem Virus infiziert, die meisten davon in Italien, Griechenland und Rumänien.

Im August wurden während einer Woche mehr Fälle an das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gemeldet als in den vergangenen fünf Jahren zusammen. Zuletzt wurde auch ein Fall in Deutschland bekannt, ein Tierarzt, der das Virus sehr wahrscheinlich nicht durch den Stich einer infizierten Mücke bekam, sondern sich vermutlich bei der Obduktion eines infizierten Bartkauzes angesteckt hat.

Die meisten Infizierten merken gar nichts von der Tropenkrankheit. Jeder Fünfte zeigt die Symptome einer Sommergrippe mit Fieber, Abgeschlagenheit, Erbrechen, Kopf- und Muskelschmerzen. Im Durchschnitt erleidet nur einer von 150 Infizierten schwere Komplikationen, die bis zum Tod führen können. In EU-Ländern sind in dieser Saison bislang 154 Menschen an dem Virus gestorben.

«Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Mücken Krankheitserreger verbreiten.»Doreen Walther, Mückenexpertin

Fachleute wie Helge Kampen haben lange damit gerechnet, dass West-Nil-Viren auch nach Deutschland kommen. Der Infektiologe vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald beobachtet beruflich, wie sich Seuchen ausbreiten, doch das West-Nil-Virus hat ihn überrascht: «Es zirkuliert seit Jahrzehnten in Südeuropa und seit einigen Jahren auch in Osteuropa. Wir wissen nicht, warum es hier nicht früher aufgetaucht ist.»

Kampen und seine Kollegen gehen davon aus, dass der West-Nil-Erreger nur den Anfang macht. «Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Mücken Krankheitserreger in Deutschland verbreiten und auch Würmer», sagt die Mückenexpertin Doreen Walther vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Kaum jemand kennt die blutsaugenden Insekten besser als sie. Zehntausende von ihnen betrachtet sie jedes Jahr im Labor unter der Lupe und bestimmt ihre Art. Sie pflegt mit ihren Mitarbeiterinnen den «Mückenatlas», der verzeichnet, wo in Deutschland welche Mückenarten leben.

Mückenjagd an Autobahnen und Friedhöfen

Hätte es den Atlas damals bereits gegeben, hätte sie im Jahr 2007 in der Nähe von Bad Bellingen in Baden-Württemberg eine Markierung gesetzt. Dort waren auf einer Autobahnraststätte zum ersten Mal Tigermückenlarven gefunden worden. Vier Jahr später fanden Mückenjäger das erste erwachsene Tigermückenweibchen – nur wenige Kilometer weiter südlich und ebenfalls an einer Raststätte.

Die Asiatische Tigermücke reist gerne auf der Autobahn. In südlichen Ländern verfolgt sie Menschen bis ins Auto hinein und verlässt ihre Mitfahrgelegenheit beim ersten Stopp wieder. Deswegen suchten Doreen Walther, Helge Kampen und ihre Mückenjäger zuerst auf Rastplätzen dicht hinter der Grenze. Und auf Friedhöfen, weil dort mit den vielen Blumengefässen, in denen Wasser steht, ideale Brutbedingungen für Mücken herrschen.

«2006 war das Jahr, das uns die Augen geöffnet hat», erzählt Walther. Damals hatte es in Deutschland einen riesigen Blauzungenausbruch gegeben, eine gefährliche Viruserkrankung, die Wiederkäuer befällt. Niemand hatte damit gerechnet. Man glaubte, die übertragenden Gnitzen würde es in Deutschland nicht geben. «Irgendwann kam uns die Erkenntnis, dass die Viren die eigentlichen Vektoren gar nicht brauchen», sagt Walther, «die heimischen Arten sind ebenfalls in der Lage, den Erreger zu verbreiten.»

Es besteht mittlerweile eine Meldepflicht für West-Nil-Infektionen und andere neue Krankheitserreger.

An dem Punkt habe auch die Regierung aufgehorcht, sagt Walther, «die Frage lag in der Luft: Was können eigentlich die einheimischen Stechmücken alles übertragen?» So entstand Walthers Mückenatlas, um überhaupt erst mal zu erfassen, welche Mücken wo leben.

Kollegen wie Helge Kampen versuchen derweil herauszufinden, welche blutsaugenden Insekten was für Krankheitserreger übertragen können. «Eine wahnsinnig schwierige Aufgabe», wie Walther sagt. Man muss die Tiere dazu im Labor züchten und verschiedenen Viren und Parasiten aussetzen. Man muss untersuchen, ob sich die Erreger auch ausreichend in den Insekten vermehren können und ob sie bei einem weiteren Stich auch auf das Opfer übertragen werden. Kampen und seine Kollegen müssen nachholen, was über Jahrzehnte in Deutschland verschlafen wurde.

Inzwischen ist auch die Politik aktiv geworden, etwas zumindest. Geld für den Mückenatlas im Jahr 2011 markierte den Anfang. Es besteht mittlerweile eine Meldepflicht für West-Nil-Infektionen und andere neue Krankheitserreger. Das Bundesgesundheitsministerium erklärt auf Anfrage, dass es die Entwicklungen um das West-Nil-Virus «sehr genau» beobachte und mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin in engem Kontakt stehe, «um die Situation in Deutschland fortlaufend zu beurteilen». Zudem bestehe Austausch mit dem Landwirtschaftsministerium und der Nationalen Expertenkommission «Stechmücken als Überträger von Krankheitserregern», um die Lage «gesundheitspolitisch auszuwerten».

Nun gehe es darum, die Zahl der Mücken wenigstens möglichst klein zu kriegen.

Das klingt nicht nach konzentrierter Aktion gegen Mücken und Viren – und ist es auch nicht. Anders als etwa in den Niederlanden ist Mückenschutz in Deutschland Sache der Bundesländer, entsprechend unterschiedlich fällt er aus. «Wir hinken in Deutschland mit der Mückenbekämpfung hinterher», sagt Helge Kampen, der wie Doreen Walther sowie sieben weitere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Mitglied der Expertenkommission ist. «Das liegt vor allem daran, dass es hier so lange keine Erreger gab.»

Vor ein paar Jahren haben er und seine Kollegen noch geglaubt, man könne die Tigermücke wieder aus Deutschland vertreiben. «Diese Hoffnung haben wir aufgegeben.» Nun gehe es darum, die Zahl der Mücken wenigstens möglichst klein zu kriegen, denn je mehr hungrige Stechinsekten es gibt, desto höher sei auch das Risiko, «dass mal was passiert», dass also eine Mücke einen Menschen sticht, der gerade von einer Fernreise kommt und einen Erreger in seiner Blutbahn mitgebracht hat. Und hat diese Mücke ihre Blutmahlzeit verdaut, sucht sie sich den nächsten Menschen, dem sie dann den Erreger weiterreicht.

Deshalb ist es so wichtig, dass die Verantwortlichen in den Gesundheitsbehörden wissen, wo welche Mücken leben. Nur dann können sie angemessen reagieren, wenn sie erfahren, dass in der Nachbarschaft ein Urlaubsheimkehrer wohnt, der einen Erreger von seiner Reise mitgebracht hat. Und Ärzte müssen verstehen, dass man sich auch in Deutschland mit Krankheiten infizieren kann, die man bislang nur aus fernen Ländern kannte.

Sehr wahrscheinlich kam die Mücke in einem der Camper über die Alpen.

Dass man den Mücken nicht vollkommen ausgeliefert ist, zeigt das Beispiel Erding. Nur weil die Behörden dort entschlossen gegen die Insekten vorgegangen sind, fand der Mückenbekämpfer Andreas Rose vom Regensburger Unternehmen Biogents dort in diesem Jahr lediglich das eine Tigermückenexemplar. Mit Pressemitteilungen und Aushängen bat das Ordnungsamt Friedhofsbesucher, Blumengefässe sorgfältig zu säubern. Mitarbeiter rückten ebenfalls aus, um die Brutstätten der Insekten trockenzulegen und eventuell vorhandene Eier oder Larven zu bekämpfen.

Solche einfachen Massnahmen reichen mitunter schon. Über den Winter hat es in Erding wahrscheinlich keine einzige Tigermücke geschafft, anders als etwa in Heidelberg oder Freiburg. Die eine Mücke verfing sich erst im Juli in einer Falle, «das spricht dafür, dass sie eingeschleppt wurde und nicht dort aufgewachsen ist», sagt Rose, der die Mücken dort im Auftrag der Stadt beobachtet.

In der Nähe der Falle ist ein Stellplatz für Wohnmobile. Sehr wahrscheinlich kam die Mücke in einem der Camper über die Alpen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.11.2018, 11:01 Uhr

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