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Augen-Check im Pflegeheim

Viele Senioren sehen so schlecht, dass sie andere Personen nicht mehr erkennen. Um ihnen den mühsamen Weg zum Arzt zu ersparen, gibt es neu eine mobile Praxis.

Zur Untersuchung beim Augenmobil gehört auch das Fotografieren des Augenhintergrunds. Foto: Sabina Bobst
Zur Untersuchung beim Augenmobil gehört auch das Fotografieren des Augenhintergrunds. Foto: Sabina Bobst

«Ich hätte das noch vor dem Eintritt ins Pflegeheim machen lassen wollen», sagt die betagte Dame im Rollstuhl. Doch dann ging alles ganz schnell, und der Besuch beim Augenarzt kam nicht mehr zustande. Umso dankbarer ist die 92-Jährige nun, dass sie hier im Zürcher Pflegezentrum Bombach ihre Augen ­untersuchen lassen kann. «Ich habe schon darauf gewartet. Meine Augen ­haben so nachgelassen.»

Mindestens einmal pro Jahr kommt das Augenmobil, das die Zürcher Augenärztin ­Barbara Bachmann mit ihren ­Kolleginnen betreibt, direkt zu den ­Bewohnern in diesem Heim. «In der Praxis habe ich über die Jahre gesehen, wie mühsam es für meine betagten Patienten wird, ihre Augen untersuchen zu lassen», sagt Bachmann. Ihre Praxis ist – wie viele andere in der Schweiz – nicht rollstuhlgängig.

Ein Parcours für die Augen

Für Senioren im Pflegeheim ist der Gang zum Augenarzt oft besonders mühselig und ­aufwendig. Erstens weil ihre nachlassende Sehkraft die Orientierung erschwert, zweitens weil sie oft ­Begleitung benötigen sowie ein rollstuhlgängiges Fahrzeug mit Chauffeur und drittens weil diejenigen mit Demenz sich in der fremden Umgebung nicht auskennen und oft unruhig werden.

So kam Barbara Bachmann auf die Idee mit dem Augenmobil. Als vor zwei Jahren bessere und handliche Kameras auf den Marktkamen, um die Augennetzhaut zu fotografieren, setzte sie ihre Idee um. «Die Geräte aus der Praxis in verschiedene Pflegeheime mitzunehmen, ist nicht praktikabel. Jetzt aber entwickeln die Hersteller mehr und mehr ­kleine Untersuchungsapparate», sagt die Augenärztin, die die Untersuchungen in den Heimen nicht selbst durchführt.

Das machen ihre drei geschulten Mitarbeiterinnen. Sie sind schon in aller Früh mit ihrem Kleintransporter gekommen, haben in einem grossen Raum des Pflegezentrums die Geräte aufgestellt, justiert und einen kleinen «Augen-Parcours» geschaffen. Das Ganze erinnert an das Zirkeltraining beim Sport, nur dass hier an jeder Station eine andere Untersuchung stattfindet. Alles ist rollstuhlgängig, der Ort den Bewohnern vertraut, und die Wege sind kurz – all das vereinfacht den Ablauf.

Als Demenz diagnostiziert

Bereits im Vorfeld hatte das Augenmobil-Team die wichtigsten Informationen zu allen Patienten eingeholt, die an diesem Tag ange­meldet sind: Allergien, Medikamente, Erkrankungen, insbesondere Diabetes. Denn Menschen mit der Zuckerkrankheit laufen eher Gefahr, an den Augen zu erkranken.

«Viele alte Menschen sehen so schlecht, dass sie andere Personen nicht erkennen. Das wird dann als Demenz ausgelegt. Aber in Wirklichkeit ist es eine Sehbehinderung.»

Barbara Bachmann, Augenärztin

Die Augenuntersuchung beginnt mit der Bestimmung der Sehschärfe. «Können Sie die Buchstaben erkennen?», fragt Bachmanns Kollegin eine Heimbewohnerin, die gerade angestrengt in den Autorefrakto­meter blickt und versucht, Buchstaben und Zahlen zu entziffern. Für ­Senioren bedeute die Augen­behandlung oft einen grossen Gewinn an Lebensqualität, sagt Bachmann. «Viele alte Menschen sehen so schlecht, dass sie andere Personen nicht erkennen oder die Uhr nicht lesen können. Das wird dann als Demenz ausgelegt. Aber in Wirklichkeit ist es eine Sehbehinderung.»

Bei etwa 15 Prozent der Pflege­heimbewohner, die bisher mit dem Augenmobil untersucht wurden, habe die Brille nicht mehr gestimmt. «Das ist eher mehr als sonst in der Praxis», stellt Bachmann fest. Die Augenunter­suchung sei indirekt auch eine Sturzprophylaxe.

An der nächsten Station wird der Augendruck gemessen. «Probieren Sie das Auge gut aufzumachen, jetzt berührt ein feines Stiftli das Auge, vielleicht spüren Sie das», erklärt Bachmanns Mitar­bei­terin der Patientin den Ablauf.

OP wegen grauem Star oft sinnvoll

Zuletzt vermessen und fotografieren die Mitarbeiterinnen die Augenlinse und den Augenhintergrund. Eine speziell ausgebildete medizinische Fotografin macht von jedem Auge, den Lidern sowie dem Augenhintergrund Fotos. Alle Befunde ­werdenelektronisch direkt in Bachmanns Praxis übermittelt, wo die Augen­ärztin sie auswertet und ihren Rat per Brief verschickt.

Alles in allem dauert die Untersuchung rund eine halbe ­Stunde, etwa 12 bis 16 Heimbewohner versorgt das Augenmobil an einem Tag.

Bei ungefähr einer pro acht untersuchten Personen stellte sich bisher heraus, dass eine Operation wegen grauen Stars sinnvoll wäre. Und in Einzelfällen fand die Augenärztin etwas, das weiterer Abklärungen oder Behandlungen bedurfte, zum Beispiel einen Gefässverschluss im Auge oder eine Makuladegeneration, also einen Schaden an der Stelle im Auge, mit der der Mensch am schärfsten sieht.

Alles in allem dauert die Untersuchung rund eine halbe ­Stunde, etwa 12 bis 16 Heimbewohner versorgt das Augenmobil an einem Tag. Darunter sind zum Beispiel Menschen, die sich aus Angst seit Jahren nicht mehr getrauen, das Haus zu verlassen, oder die aufgrund ihrer Demenz sonst nur mit grosser Mühe zu untersuchen sind.

Erschreckend schlechte Sicht

«Für Heimbewohner mit Demenz ist ein Arztbesuch ausser Haus eine grosse Belastung, und für die Pflegenden bedeutet er einen grossen Aufwand. Es dauert schnell einmal zwei Stunden, um einen Bewohner dorthin zu begleiten. Die Alternative ist, dass Angehörige mitgehen, aber das ist nicht immer machbar», erklärt Gabriela Bieri-Brüning, Chefärztin Geriatrischer Dienst der Stadt Zürich.

Auch wenn jemand an Demenz leidet, ist es ein grosser Gewinn an Lebensqualität, wieder besser zu sehen.»

Gabriela Bieri-Brüning, Chefärztin Geriatrischer Dienst der Stadt Zürich

Sie findet das Augenmobil eine gute Sache. «Das ist sehr hilfreich. Wir erschrecken immer wieder, wie schlecht viele Senioren sehen. Weil die Sehkraft schleichend nachlässt, bemerkt das oft niemand. Auch wenn jemand an Demenz leidet, ist es ein grosser Gewinn an Lebensqualität, wieder besser zu sehen», sagt Bieri. Oft könne man mit wenig Aufwand eine Verbesserung erreichen. Letztes Jahr starteten Bachmann und ihr Augenmobil-Team in den Zürcher Pflegezentren Bombach und Bachwiesen einen Pilotversuch.

Zuvor mussten sie von der Gesundheitsdirektion ihr Konzept bewilligen lassen, inklusive Notfallmanagement, Informationen zur Patientensicherheit, zum Datenschutz, zur Qualitätskontrolle und zu anderem mehr. Um sich wo nötig verbessern zu können, befragten sie nach dem Pilotversuch Patienten, Patientinnen sowie Pflegekräfte zu deren Meinung. Die Zufriedenheit sei gross gewesen, so Bieri.

Bald in weiteren Kantonen

Das Ganze bewährte sich so gut, dass dieses Jahr alle acht Pflegezentren der Stadt Zürich mitmachen wollten. Nicht jeder Augenarztbesuch lasse sich damit vermeiden, aber die regelmässigen Kontrollen. «Mit dem Augenmobil bieten wir einen Basis-Check. Werden speziellere Untersuchungen oder Behandlungen nötig, weisen wir die Patienten ihrem früheren Augenarzt zu oder organisieren die nächsten ­Schritte, falls sie keinen hatten», erklärt Bachmann.

Abgerechnet wird nach Tarif, die Kosten für die Patienten sind also nicht höher als beim Besuch in einer Praxis – der Aufwand aber viel kleiner, und die Transportkosten entfallen, weil die Pflegekräfte die Patienten bringen und wieder holen. Mittlerweile hat Bachmann auch Optiker gefunden, die den ­Bewohnern im Pflegeheim die neu verordneten Brillen anpassen.

Geplant ist, die mobile Augenuntersuchung weiteren Pflegeheimen im Kanton Zürich anzubieten und den Rayon mittelfristig auch auf die Nachbarkantone auszudehnen.

Mehr Infos: www.augenmobil.ch

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