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Alles wird besser, und doch jammern wir

Wenn sich Dinge zum Besseren wenden, verändern die Menschen ihre Massstäbe. So entsteht der falsche Eindruck, dass alles schlechter wird.

Ist es die Wolke, welche die Sonne verdeckt? Oder ist es die Sonne, die sich schon ein wenig zeigt? Alles eine Frage der Wahrnehmung. Foto: Robin Frisby (Alamy Stock Photo)
Ist es die Wolke, welche die Sonne verdeckt? Oder ist es die Sonne, die sich schon ein wenig zeigt? Alles eine Frage der Wahrnehmung. Foto: Robin Frisby (Alamy Stock Photo)

Vergangene Nacht, das Fenster im Schlafzimmer war gekippt, und das mit dem Einschlafen hat wieder eine Weile gedauert. Draussen blies der Wind, sachte zwar, aber gerade so, dass er den Sound der zwei Kilometer entfernten Autobahn bis ans Bett trug. Ein leichtes Rauschen, und trotzdem hat es genervt. Direkt nach dem Umzug in die Vorstadt war das noch anders, da fühlte es sich selbst bei geöffnetem Fenster und rauschender Autobahn an, als krieche beklemmende Stille in den Raum. Der Kontrast zur nächtlichen Geräuschkulisse im Innenstadt-Schlafzim­mer war überdeutlich. Dort hatten regelmässig die Mitglieder der Jungs-WG im Hinterhaus beim Playstation-Zocken rumgebrüllt, und die Nachbarin telefonierte gerne laut am offenen Fenster. Der Lärm war normal – doch nach nur wenigen Wochen in der stillen Vorstadt rieb schon sanftes Hintergrundrauschen einer fernen Strasse die Nerven wund.

Und damit zum Zustand der Welt: Eine banale Alltagsbeobachtung wie die aus dem Schlafzimmer kann helfen, das um sich greifende Gefühl zu analysieren, wonach es rapide bergab gehe und sich die Zustände dramatisch verschlechterten. Überall Rassisten, Sexisten, überall Flüchtlinge, Gutmenschen, überall Umweltzerstörung, Verschmutzung, überall Armut, Siechtum, Überlastung, Stress, Burn-out. Doch die apokalyptische Bestandsaufnahme trügt. In sehr vielen Bereichen haben wir so grosse Fortschritte erzielt, dass sich Sorgen, Ärger und Wut nun an Problemchen entfachen, die zuvor quasi unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lagen. Dummerweise verändert sich das Entrüstungs- und Empörungsniveau nicht, der Schaum vor dem Mund bleibt der gleiche.

Erstaunliches Experiment mit blauen Punkten

Diese Eigenart der Wahrnehmung sorgt für den Eindruck, die Menschheit sei ausserstande, Probleme zu lösen, und als entwickle sich alles zum Schlechteren. Gerade haben Psychologen um David Levari und Daniel Gilbert von der Harvard University im Fachjournal «Science» eine Studie veröffentlicht, welche die Macht dieses Wahrnehmungsfehlers eindrücklich demonstriert. Die Experimente zeigen: «Wenn sich ein Problem löst, weiten Menschen reflexartig dessen Definition aus. Wenn Probleme seltener werden, betrachten wir automatisch mehr Umstände als problematisch», sagt Gilbert. Die Ergebnisse legten nahe, dass wir immer kritischer auf den Zustand der Welt blicken, je stärker sich dieser zum Positiven entwickelt.

Die Forscher untersuchten diese gesteigerte Sensitivität, indem sie ihren Probanden eine abstrakte Aufgabe stellten. Die Versuchspersonen sollten blaue Punkte auf einem Display identifizieren und zählen. Die Färbung der Kleckse wechselte von eindeutig Lila in graduellen Abstufungen zu eindeutig Blau, eine simple Aufgabe. Sobald die Psychologen aber die Zahl der blauen Punkte reduzierten, veränderte sich die Wahrnehmung der Probanden – sie weiteten ihre Definition von Blau aus und werteten nun auch lila Punkte als Blau. Das Muster zeigte sich zudem unter verschiedenen Bedingungen: egal, ob die Zahl der blauen Punkte langsam oder auf einen Schlag reduziert wurde. Sogar wenn die Probanden gewarnt wurden, dass weniger blaue Punkte auftauchen würden und ihnen Geld als Belohnung für eine exakte Zählung versprochen wurde, änderte das deren Wahrnehmung nicht: Sie nahmen lila Kleckse nun häufig als blaue wahr.

Gilbert und seine Kollegen überprüften das Phänomen mit zwei weiteren, weniger abstrakten Experimenten. In einem mussten die Teilnehmer bedrohliche Gesichter zwischen neutralen und freundlichen identifizieren. Sobald wütende Fratzen seltener auftauchten, empfanden viele plötzlich neutrale Mienen als furchteinflössend. Das gleiche Prinzip offenbarte sich, als die Probanden in einer simulierten Kommission darüber entscheiden sollten, ob Anträge für Studien ethisch tragbar seien oder nicht. «Sobald wir die Zahl ethisch fragwürdiger Anträge verringert haben», sagt Gilbert, «bewerteten die Teilnehmer selbst unverfängliche Bewerbungen als unethisch.»

Kleine Kratzer nerven am meisten, wenn sie eine spiegelglatt polierte Fläche verschandeln.

Das alles legt nahe, dass sich viele gesellschaftliche Probleme nicht lösen lassen. Nicht etwa, weil sie nie verschwinden, sondern weil sich die Koordinaten verschieben, nach denen Probleme bewertet werden. Der Philosoph Odo Marquard hat dieses Phänomen einst als «Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste» beschrieben. Eine treffende Definition für den Umstand, dass kleine Kratzer am meisten nerven, wenn sie eine ansonsten spiegelglatt polierte Fläche verschandeln.

Für das weite Feld der Medizin hat der Psychiater Arthur Barsky das Phänomen bereits in den 1980er-Jahren als «Gesundheits-Paradoxon» beschrieben. Demnach klagen Bürger umso mehr über Beeinträchtigungen, je gesünder sie als Gesellschaften sind. Ein harmloses Bauchgrummeln lässt sich eben nun zum Symptom einer gefährlichen Allergie oder einer anderen Krankheit hochstilisieren, wenn der Magen erstens nicht chronisch leer ist und zweitens wirklich bedrohliche Leiden nicht mehr alltäglich sind. Überspitzt formuliert: Wo die Cholera wütet, klagen wohl kaum Menschen über eine Laktoseintoleranz.

Besondere Wucht kann die Penetranz der negativen Reste in politischen Auseinandersetzungen entfalten, die moralisch aufgeladen sind. Zum Beispiel in der Flüchtlingsdebatte: Die Zahlen der schutzsuchenden Neuankömmlinge mögen sinken – die Erregung im rechten Spektrum lässt dadurch aber nicht nach, im Gegenteil.

Konzept der Mikroaggressionen

Das Gleiche gibt es im linken Spektrum der Politik: Der Erregungsgrad der Feminismusdebatte legt vordergründig den Schluss nahe, dass es in den westlichen Gesellschaften noch nie so schlecht um Frauenrechte und Gleichberechtigung gestanden hat wie gegenwärtig. Die Experimente von Gilbert legen einen anderen Schluss nahe: In Sachen Gleichberechtigung hat sich so viel zum Guten entwickelt, dass zunehmend auch kleine Vergehen als sexistisch oder frauenfeindlich interpretiert und geächtet werden.

Der australische Psychologe Nick Haslam von der Universität Melbourne hat das Phänomen in einem Überblicksartikel im Fachblatt «Psychological Inquiry» auch auf Bemühungen bezogen, Rassismus einzudämmen. An amerikanischen Universitäten sei dieser noch stärker geächtet als anderswo im Land und (wie anderswo auch) über die Jahrzehnte wesentlich zurückgedrängt worden. Weil nun aber ambivalente Situationen im Sinne der Penetranz der negativen Reste negativ bewertet würden, sei an den Universitäten – sehr grob zusammengefasst – das Konzept der sogenannten Mikroaggressionen etabliert worden. Nur wenn offener Rassismus verschwunden ist, kann die Frage an einen dunkelhäutigen Menschen, woher er denn stamme, als rassistisch bewertet werden. Eine Konzeptausweitung: Geht Gewalt zurück, gelten nun zuvor harmlose Umstände als aggressiv und gewalttätig.

Empörung steigt, obwohl die Welt besser wurde

Da kommen oft nicht alle hinterher, und deshalb entzündet sich oft Streit. Zum Beispiel in der Debatte über das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule: Innerhalb der dortigen Studentenvertretung ist Sexismus vermutlich so sehr geächtet und zurückgedrängt worden, dass dadurch eine extreme Sensitivität entstanden ist. Für Beobachter ausserhalb der Studentenvertretung, die also nach leicht anderen Massstäben werten, ist der Streit über das Gedicht hingegen ein starkes Symbol dafür, dass der Feminismus nun endgültig durchdreht und eine Bewegung mit guten Absichten über das Ziel hinausläuft. Im Streit, der daraus entsteht, fühlen sich dann alle in ihrem Pessimismus bestätigt: böse Männer, böse Frauen, böse, schlechte Welt.

Dabei ist in vielen Fällen eben das genaue Gegenteil der Fall: Die Empörung ist so gross, weil sich die Dinge so gut geschüttelt haben. «Moderne Gesellschaften haben enormen Fortschritt in der Lösung zahlreicher Probleme erreicht», schreiben die Psychologen um Gilbert, «Armut, Analphabetismus, Gewalt und ­Kindersterblichkeit sind stark zurückgegangen – und trotzdem glauben die meisten Menschen, dass sich die Welt zum Schlechteren entwickelt.»

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