Zu viele Medikamente bei Depressionen

Ärzte behandeln Depressionen oft mit Psychopharmaka statt mit Psychotherapie. Ein niederschwelliges Behandlungsangebot soll die Situation verbessern.

Gespräch statt  Antidepressiva: «Viele Patienten schätzen den direkten telefonischen Kontakt.»

Gespräch statt Antidepressiva: «Viele Patienten schätzen den direkten telefonischen Kontakt.» Bild: Dominic Favre/Keystone

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Psychotherapie, keine Psychopharmaka – so lauten die Behandlungsempfehlungen bei einer leichten bis mittleren Depression. Die Realität sieht anders aus: «In der Schweiz erhalten rund 60 Prozent dieser Patienten Antidepressiva und keine Psychotherapie», sagt Birgit Watzke vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Professorin für Klinische Psychologie untersucht die Versorgungssituation bei der Depression und anderen häufigen psychischen Leiden. «Es herrscht dort eine starke Fehlversorgung, nicht nur in der Schweiz, sondern in den meisten Ländern», sagt Watzke.

Niederschwellige Psychotherapieangebote könnten die Situation verbessern, ist die Psychologin überzeugt. Dazu gehören verschiedene Onlinetherapieverfahren, die in den vergangenen Jahren erprobt wurden. Patienten beschäftigen sich dabei selbstständig mit im Internet bereitgestellten Inhalten und kommunizieren online mit einem Behandler.

Infografik: Häufigkeit und Behandlung von Depressionen in der Schweiz Grafik vergrössern

Eine andere Möglichkeit ist die telefonische Psychotherapie, die Watzke und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Elisa Haller derzeit untersuchen. In einer Wirksamkeitsstudie prüfen sie die Behandlung namens TIDe (Telefon-Intervention bei Depression) bei insgesamt 200 Patienten mit einer leicht bis mittel ausgeprägten Depression. Der Vorteil der Telefontherapie sei ihre grössere Nähe und Verbindlichkeit im Vergleich zu Onlineangeboten, erklärt Birgit Watzke. «Viele Patienten schätzen den direkten telefonischen Kontakt.» Zudem merkt der Therapeut eher, wenn sein Gegenüber nicht mehr mitkommt oder nicht auf die Behandlung anspricht, und kann schnell reagieren.

Bei der medizinischen Versorgung von Patienten mit leichter oder mittlerer Depression nehmen Hausärzte eine Schlüsselrolle ein. Mit ihnen haben die Patienten meist zuerst Kontakt. Und in vielen Fällen übernehmen sie auch die weitere Behandlung. Meist kommen Patienten wegen körperlicher Beschwerden in die Praxis, und der Arzt vermutet einen psychischen Hintergrund. Mit gezielten Fragen lässt sich herausfinden, ob eine psychische Störung hinter den Schmerzen, einem Schwindel oder einer Schlafstörung stecken könnte. «Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit denen Grundversorger pragmatisch und effizient das Vorliegen einer psychischen Störung feststellen können», sagt Watzke.

Oft fehlt die Zeit

Doch den Hausärzten fehlt oft die Zeit und manchmal auch der Wille, diese zu nutzen. «Viele schrecken vor einer Abklärung zurück, weil sie damit aus ihrer Sicht ein Fass ohne Boden öffnen», sagt Watzke. Eine allfällige Diagnose muss in einem oft schwierigen Gespräch mit dem Patienten aufgefangen werden. Zudem erfordert die Behandlung durch einen Psychotherapeuten Zeit und ist auf den ersten Blick teuer.

Studien zeigen, dass Antidepressiva zwar bei schweren Depressionen helfen, bei leichter bis mittlerer Ausprägung jedoch kaum besser wirken als Placebos.

Der Griff zu Psychopharmaka ist da eine naheliegende Lösung. «Die Patienten erwarten Hilfe, und die Ärzte möchten etwas anbieten», beschreibt Watzke die schwierige Situation. Grosse Studien zeigen jedoch, dass Antidepressiva zwar bei schweren Depressionen helfen, bei leichter bis mittlerer Ausprägung jedoch kaum besser wirken als Placebos. «Gleichzeitig haben sie häufig Nebenwirkungen wie zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Unruhe oder Gewichtszunahme», so Watzke. Man solle deswegen die Medikamente nicht ohne sorgfältige Abwägung verschreiben. «Viele Patienten sind ohnehin froh, wenn sie keine Psychopharmaka nehmen müssen.»

Doch auch für eine Psychotherapie sind Patienten oft nicht zu haben. «Viele denken zu Unrecht gleich an schwer durchschaubare und lang andauernde Behandlungen», sagt Watzke. Hinzu kommt, dass die Wartelisten bei Psychotherapeuten übervoll sind. Solche Probleme könnte ein Angebot wie TIDe entschärfen. Watzke entwickelte es zusammen mit Kollegen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo sie als klinische Psychologin bis vor vier Jahren forschte. Die Behandlung basiert auf der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie, welche in den 1960er-Jahren entwickelt und seither wissenschaftlich gut untersucht wurde. Patienten sollen dabei mithilfe von Gesprächen und Übungen versuchen, krankheitsverstärkende Verhaltens- und Denkmuster zu durchbrechen.

Bereitschaft, an sich zu arbeiten

In der TIDe-Studie führen leicht bis mitteldepressive Patienten wöchentlich ein rund 30-minütiges Telefongespräch mit einem Therapeuten. Ziel ist es, dass die Patienten nach acht bis zwölf solcher Sitzungen «zu Experten für sich und ihre Erkrankung» werden, wie Haller es ausdrückt. Das soll ihnen helfen, sich selbst zu beobachten und zu merken, wie und in welchen Situationen die eigenen negativen Gefühle und Stimmungen entstehen – um dann gezielt erlernte Strategien dagegenzusetzen. Ergänzend zu den Gesprächen kommt auch ein Begleitbuch mit Informationen und Übungen zum Einsatz.

«Die Behandlung erfordert von den Patienten eine gewisse Anfangsmotivation und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten», sagt Watzke. Auch wenn dies nicht allen gegeben ist, erst recht nicht mit einer Depression, die Psychologin hat gute Erfahrungen gemacht: «Erste Tests haben gezeigt, dass die Methode funktioniert und wirksam ist.»

Die TIDe-Studie läuft seit einem Jahr und nimmt in den nächsten Monaten weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf. Interessierte Betroffene und Allgemeinärzte können sich melden bei e.haller@psychologie.uzh.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2017, 17:07 Uhr

Jeder Fünfte ist einmal betroffen

Depressionen sind zusammen mit den Angststörungen und Suchterkrankungen die häufigsten psychischen Störungen. Laut einem Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) von 2013 erkranken innerhalb eines Jahres rund 7 Prozent der Bevölkerung an Depression. Hinzu kommen 1 bis 2 Prozent mit einer bipolaren (manisch-depressiven) Störung oder einer sogenannten Dysthymie (chronische depressive Verstimmung). Bei der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012 gaben gar über 28 Prozent an, in den letzten zwei Wochen durch Depressionssymptome beeinträchtigt gewesen zu sein (siehe Grafik). Dabei handelt es sich allerdings nicht um ärztliche Diagnosen.

Das Risiko, innerhalb der gesamten Lebensspanne mindestens einmal an einer Depression oder einer ähnlichen psychischen Störung zu erkranken, beträgt rund 20 Prozent. Rund die Hälfte der Depressionen wird dabei als schwer oder sehr schwer eingestuft. Jemals behandeln lasse sich allerdings nur rund jeder zweite Betroffene, heisst es im Bericht des Gesundheitsobservatoriums weiter. Und von den Patienten, die behandelt werden, entspricht die Therapie nur in etwa der Hälfte der Fälle fachlichen Standards. So erhalten Personen mit leichteren Depressionen besonders häufig eine inadäquate Therapie mit Psychopharmaka, obwohl dies gemäss Fachempfehlungen nur bei Patienten mit einer mittleren bis schweren Depression angezeigt ist. Laut Obsan behandeln insbesondere Hausärzte leicht depressive Patienten meistens medikamentös. Überweisungen an einen Psychotherapeuten erfolgen nur sehr selten. (fes)

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