Wie man den Alterungsprozess austrickst

Biologin Judith Campisi hat das Geheimnis für ein langes Leben entdeckt – und gründete eines der heissesten Start-ups im Anti-Aging-Business.

«Was die Lebensdauer bestimmt, ist ein Rätsel», sagt Judith Campisi. Foto: Basile Bornand

«Was die Lebensdauer bestimmt, ist ein Rätsel», sagt Judith Campisi. Foto: Basile Bornand

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Wenn jemand das Rezept für ein langes, gesundes Leben kennt, dann Judith Campisi. Die Professorin für Biogerontologie gilt als eine der renommiertesten Altersforscherinnen weltweit, sie hat massgeblich dazu beigetragen, dass wir heute viel wissen über die Alterung von Zellen im menschlichen Körper und wie wir diesen Prozess vielleicht bald schon, zumindest teilweise, austricksen können. Auf die konkrete Frage, was ihr Geheimnis sei, um gesund alt zu werden, muss sie nicht lange überlegen: «Rauchen Sie nicht, treiben Sie Sport, essen Sie Gemüse – und wählen Sie ihre Grosseltern klug aus», sagt die 69-Jährige und lacht dabei laut.

Sie selber habe das ziemlich gut hingekriegt, ergänzt Campisi bei unserem Treffen am Rande der «Basel Life»-Konferenz im Kongresszentrum Basel, immer noch schmunzelnd. Mit ihrer zierlichen Statur, den wallenden wilden Haaren und dem Enthusiasmus, den sie im Gespräch versprüht, wirkt die US-Amerikanerin jedenfalls nicht wie eine Jungseniorin. «Meine italienischen Grosseltern väterlicherseits sind beide ziemlich alt geworden, und meine Mutter polnischer Abstammung ist jetzt 93.» Zudem gehe sie auch mehr oder weniger regelmässig ins Gym. «Manchmal drei- oder viermal pro Woche, dann monatelang wieder nicht», sagt Judith Campisi, «je nachdem, wie viele Forschungsanträge ich gerade schreiben muss.»

Sauerstoff schädigt stetig verschiedenste Moleküle im Körper

Diesbezüglich geht Campisi die Arbeit nicht aus. Zum einen leitet sie am Buck Institute for Age Research in Novato (Kalifornien) eine Forschungsgruppe mit derzeit rund einem Dutzend Wissenschaftlern, zum anderen sind in der Altersforschung noch viele grundlegende Fragen ungelöst. Zum Beispiel: Was bestimmt die maximale Lebensspanne eines Organismus? So werden Mäuse zum Beispiel maximal drei Jahre alt, Menschen dagegen rund hundert Jahre – obwohl die Gene von Mensch und Maus zu 97 Prozent identisch sind. «Es kann nicht nur an den Genen liegen», sagt Campisi. Es sei wohl ein wenig komplizierter, Netzwerke von Genen und Proteinen könnten wichtig sein. «Aber was genau die maximale Lebensdauer bestimmt, ist nach wie vor ein Rätsel.»

Dagegen weiss man über die Alterungsprozesse selber schon einiges mehr. Zum einen schädigt der Sauerstoff, den wir zum Leben benötigen, langsam, aber stetig verschiedenste Moleküle im Körper: DNA, Eiweisse, Fettsäuren. Des Weiteren würden die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, mit zunehmendem Alter nicht mehr richtig arbeiten, sagt Campisi. Und viele Dinge, die in jungen Jahren im Körper wunderbar funktionieren, können mit dem Alter nachteilig wirken. Kalzium zum Beispiel ist wichtig für die Knochengesundheit, kann aber mit dem Alter die Blutgefässe versteifen. Oder Testosteron: In jungen Jahren mache das Hormon Männer gross und stark, sagt Campisi, im Alter ist es für das Wachstum der Prostata und letztlich für Prostatakrebs verantwortlich.

Je mehr alternde Zellen in der Haut, desto runzliger wird sie. Foto: iStock

Und dann gibt es noch die sogenannten alternden Zellen im Körper, denen jahrelang wenig Beachtung geschenkt wurde. Heute weiss man aber – zum grossen Teil dank Campisis Forschung –, dass diese Zellen ein zentraler Player im Alterungsprozess sind. Alternde Zellen haben aufgehört sich zu teilen, sie verharren im Organismus, ohne abzusterben, wie griesgrämige Alte auf einer Parkbank und bombardieren das Umfeld mit unzähligen Molekülen, die sie absondern. Alternde Zellen findet man überall im Körper, Muttermale auf der Haut zum Beispiel zählen dazu.

Mäuse ohne alternde Zellen leben 25 Prozent länger

Campisi interessiert sich vor allem für die Substanzen, die von alternden Zellen an ihre Umgebung abgegeben werden. Über 400 verschiedene Moleküle hätten sie bereits identifiziert, sagt Campisi. Darunter seien auch sogenannte Zytokine, die chronische Entzündungen in den Geweben fördern und auf diese Weise noch intakte Zellen rund um die alternden Zellen langsam schädigen. Heute geht man davon aus, dass chronische Entzündungen – und damit direkt auch die alternden Zellen – für eine Vielzahl von altersbedingten Krankheiten verantwortlich sind: Arthrose, grüner Star, Herz-Kreislauf- und Demenzerkrankungen, Krebs und einige mehr. Gelänge es nun, die alternden Zellen aus dem Verkehr zu ziehen, so die Idee von Campisi, könnte man möglicherweise den Alterungsprozess verlangsamen.

Dass diese Idee nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigten Experimente des Molekularbiologen Jan van Deursen von der Mayo Clinic in Rochester, der mit Campisi zusammenarbeitet. Vor zwei Jahren berichtete Van Deursen, er habe Mäuse gezüchtet, bei denen er mit einem genetischen Trick die alternden Zellen aus dem Verkehr ziehen konnte. Die so behandelten Mäuse lebten im Durchschnitt 25 Prozent länger als normale Mäuse, und vor allem, sie blieben länger gesund.

Menschen kann man keine Genschalter einbauen, um die alternden Zellen zu eliminieren. Doch möglicherweise klappt dies ja mit Medikamenten. Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht. Denn die alternden Zellen haben durchaus ihre Aufgaben: Zum einen sind sie eine gute Vorsorge gegen Krebs – sie können sich ja nicht mehr teilen. Dann brauchen wir die alternden Zellen bei der Wundheilung, sie spielen bei der Geburt in der Plazenta eine wichtige Rolle, und selbst die Embryonalentwicklung im Mutterleib ist auf alternde Zellen angewiesen. Man müsste, so die Idee für eine Anti-Aging-Therapie, also einen Weg finden, der zwar die Zahl der alternden Zellen reduziert, sie aber nicht komplett aus dem Verkehr zieht.

Mit diesem Ziel vor Augen gründeten Campisi, Van Deursen und zwei weitere Mitstreiter vor sechs Jahren das Start-up Unity. Heute beschäftigt das Unternehmen bereits knapp 100 Mitarbeiter und testet einen ersten Wirkstoff in einer klinischen Studie, lokal gegen Kniearthrose. Unity gilt als eines der heissesten Start-ups im Anti-Aging-Business, Investoren wie Jeff Bezos oder Peter Thiel sind mit an Bord, und der Börsengang im Mai brachte zusätzliche 85 Millionen Dollar ein, sodass die Marktkapitalisierung nun insgesamt rund 700 Millionen Dollar beträgt. Campisi sagt, sie sei nicht mehr stark involviert in das tägliche Business von Unity, sie fokussiere sich lieber auf die Forschung.

Und mit ihrer Forschung würde sie liebend gerne dazu beitragen, die menschliche Lebenserwartung zu verlängern, sagt Judith Campisi. «Ich weiss nur nicht, ob das überhaupt möglich sein wird.» Ihr Ziel sei es daher primär, dass Menschen möglichst lange gesund leben können, «bis fünf Minuten vor dem Tod». Sie halte es diesbezüglich mit Thurgood Marshall, dem ersten schwarzen Bundesrichter der USA. Dieser sagte einst, er erwarte mit 110 zu sterben, erschossen von einem eifersüchtigen Ehemann. «Ich liebe dieses Zitat.»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Oktober 2018 im Tages-Anzeiger.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.10.2018, 16:41 Uhr

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