Nicht impfen – ein tödlicher Irrtum

Masern können gefährlich werden. Der Impfschutz ist immer noch unzureichend, weil es Eltern gibt, die sich mit zweifelhaften Argumenten wehren.

Das tut fast nicht weh: Die Masernimpfung ist mit weitaus geringeren Risiken verbunden als die Krankheit. Foto: Rudi Blaha (AP, Keystone)

Das tut fast nicht weh: Die Masernimpfung ist mit weitaus geringeren Risiken verbunden als die Krankheit. Foto: Rudi Blaha (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Angehustet, angesteckt und dann lebensgefährlich erkrankt? Doch nicht hier. Kinderkrankheiten, die tödlich verlaufen? Vielleicht in Afrika, aber nicht bei uns.

Viele Menschen wähnen sich in hiesigen Breiten in Sicherheit vor tückischen Erregern und bedrohlichen Infektionen. Doch der Eindruck trügt: Im Februar bestätigte das Bundesamt für Gesundheit den ersten Schweizer Masern-Toten seit acht Jahren. Letzte Woche wurde bekannt, dass kürzlich in der deutschen Stadt Essen eine 37-Jährige trotz intensivmedizinischer Behandlung an Masern starb. Offenbar war die Frau als Kind einmal geimpft worden, was den damaligen Empfehlungen entsprach. Dies reicht nach heutigem Stand jedoch nicht aus. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt für Kinder zwei Impfungen.

«Die Viren treffen das wichtigste Organ des Kindes – das Gehirn.»Florian Heinen, Kinderarzt

Die Masern werden von Viren übertragen, die das Immunsystem schwächen. Beginnend mit Fieber treten nach drei bis sieben Tagen bräunlich-rosafarbene Hautflecken auf. In der Folge kommt es leichter zu bakteriellen Superinfektionen; am häufigsten zu Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung oder Durchfall.

Umfrage

Braucht es die Masernimpfung?




«Masern sind aber nicht nur die akute Kinderkrankheit mit typischem Hautausschlag, vielmehr treffen die Viren das wichtigste Organ des Kindes – das Gehirn», sagt Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neurologie und Entwicklungsstörungen am Haunerschen Kinderspital der Uni München. «Masern können akut zur Enzephalitis führen, einer schweren Entzündung des gesamten Gehirns. Die Kinder verlieren das Bewusstsein, haben epileptische Anfälle, können sich nicht mehr bewegen, Körper und Gehirn sind schwer betroffen. Für manche ist der Ausgang tödlich, andere erholen sich komplett.»

Eine schleichende Zerstörunng

Im Rahmen jeder tausendsten Masernerkrankung kommt es zur gefürchteten akuten Hirnentzündung. Sie beginnt vier bis sieben Tage nach Auftreten der Hautflecken. Bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen endet sie tödlich, bei 20 bis 30 Prozent bleiben geistige oder körperliche Beeinträchtigungen zurück.

Noch verheerender ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine seltene Spätkomplikation, die erst sechs bis acht Jahre nach der Infektion auftritt. «Masern können nicht nur als dramatische akute Erkrankung das Gehirn des Kindes treffen, sondern es auch schleichend zerstören», sagt Kinderarzt Heinen. «Diese fürchterliche Komplikation der Masern bedeutet, dass funktionstragendes Hirngewebe durch narbiges Gewebe ersetzt wird – bis zum Verlust der kompletten Gehirnfunktion.»

Zu vier bis elf SSPE-Fällen pro 100'000 Masernerkrankungen kommt es. Das ist zwar insgesamt sehr selten; ein höheres Risiko besteht jedoch bei Kleinkindern unter fünf Jahren. Dieses wird auf 20 bis 60 Fälle pro 100'000 Masernerkrankungen geschätzt. Beginnend mit psychischen Veränderungen geht es den Kindern immer schlechter, sie leiden unter neurologischen Ausfällen. Die Krankheit verläuft stets tödlich.

«Die einzige Möglichkeit, eine solche Komplikation zu verhindern, ist die Impfung im frühen Kindesalter», sagt Heinen. Erst im April hat eine Studie aus England im renommierten Fachmagazin «Lancet» gezeigt, dass seit Einführung der Impfung 97 Prozent weniger Masern-Enzephalitiden aufgetreten sind. «Das ist ein grossartiger Erfolg für die Gesundheit der Kinder und unterstreicht, wie wichtig die vollständige Impfung ist.»

Risiken und Nebenwirkungen

Wer vor 1970 geboren wurde, ist wahrscheinlich lebenslang vor Masern geschützt. Damals gab es noch keine Impfung, fast alle Kinder haben die Masern durchgemacht. Epidemiologische Daten zeigen, dass 95 bis 98 Prozent der Kinder aus den 1960ern und 1950ern eine Immunität gegen Masern aufweisen. Sie gehören zu jenen, die damals die Krankheit folgenlos überlebt und keine Komplikation erlitten haben.

Es ist leicht, gegen Impfungen zu sein, wenn man von den anderen geschützt wird, die sich impfen lassen. Dabei ist die Impfung selbst mit weitaus geringeren Risiken verbunden als die Krankheit. Gelegentlich kann es zu Fieberkrämpfen kommen, ganz selten zu allergischen Reaktionen oder Gelenkentzündungen.

Im Vergleich dazu ist das Risiko durch die Krankheit hoch, auch in der Schweiz. Nach Angaben der WHO liegt die Sterblichkeit durch Masern zwischen 0,05 und 0,1 Prozent. In Entwicklungsländern kann sie bei fünf Prozent liegen.

Es ist nicht vernünftig, die Krankheit «durchzumachen».

Impfgegner behaupten häufig, dass es besser sei, die Krankheit «durchzumachen». Vernünftig ist das nicht. Zwar verleiht auch die Krankheit Immunität, doch davon profitiert nur, wer die Infektion ohne Komplikationen überstanden hat. Zudem wird erwähnt, dass der Impfstoff gefährlich sei. Doch Nebenwirkungen und Gegenreaktionen der Impfung werden in vielen Ländern von Behörden dokumentiert und sind äusserst selten.

Auch die Fälschung von Andrew Wakefield wirkt nach. Der Brite, der längst seine Zulassung als Arzt verloren hat, behauptete 1998, dass die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln eine chronische Darmentzündung und Autismus auslösen würde. Der Beitrag wurde zwar als vermutlich grösster Betrug der Medizingeschichte entlarvt, denn die Kinder litten bereits vor der Impfung an Autismus und Morbus Crohn. Trotzdem hat sich bei vielen impfkritischen Eltern der Irrglaube festgesetzt, die Impfung könne die genannten Krankheiten auslösen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 29.05.2017, 11:01 Uhr

Artikel zum Thema

Masern in der Schweiz stark auf dem Vormarsch

Letztes Jahr wurden insgesamt 71 Masern-Fälle gemeldet. Noch nicht mal in der Hälfte des aktuellen Jahres ist die Zahl bereits bei 69. Mehr...

Erster Masern-Toter in der Schweiz seit Jahren

Infografik In der Schweiz ist ein junger Erwachsener an Masern gestorben. Warum sich die Krankheit in Europa wieder ausbreitet. Mehr...

Masernfälle verdoppelt – hat die Strategie des Bundes versagt?

Eigentlich sollten die Masern bis Ende 2015 besiegt sein. Stattdessen nehmen die Fälle zu. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...