«Mit neuen Tests ist Hemmschwelle gesunken»

Dass Gentests von werdenden Eltern zur Geschlechterselektion missbraucht werden, glaubt die Ethikkommission nicht. Diese progressive Linie passt nicht allen.

«Bei solchen Anfragen läuft es mir kalt den Rücken hinunter», sagt Franziska Wirz, Stellenleiterin der Schwangerenberatungsstelle Appella. Kürzlich etwa schrieb eine Frau in einer E-Mail-Anfrage, sie wünsche sich ein Mädchen und wäre bereit, «alle Gender-Tests zu machen, um dies vor der 12. Schwangerschaftswoche herauszufinden». Das Ziel ist klar: Wenn das Kind nicht das gewünschte Geschlecht hat, könnte sie es bis zur 12. Woche im Rahmen der Fristenlösung legal abtreiben. «Es ist nicht schön, solche Sachen zu lesen.»

In der Schweiz ist die Auswahl des Kindes nach Geschlecht geächtet und verboten. Gemäss Artikel 11 des Gesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen ist es untersagt, «pränatale Untersuchungen durchzuführen, die darauf abzielen, das Geschlecht des Embryos oder des Fötus zu einem anderen Zweck als der Diagnose einer Krankheit festzustellen». Neue einfache Bluttests öffnen nun jedoch ein Hintertürchen für den Missbrauch, der aktuell kaum geahndet werden kann. Bei diesen Tests, welche vor allem Erbkrankheiten wie Trisomie 21 feststellen sollen, wird auch das Geschlecht des werdenden Kindes bekannt. Weil die Tests schon ab der 10. Schwangerschaftswoche und bald wohl auch früher machbar sind, könnte eine Frau ein Kind mit unerwünschtem Geschlecht abtreiben, solange sie dies vor der 12. Woche erfährt. Im revidierten Gesetz, dessen Entwurf laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) im nächsten Sommer vorliegt (siehe Kasten), soll deshalb den Ärzten verboten werden, ihren Patientinnen vor der 12. Schwangerschaftswoche das Geschlecht mitzuteilen, selbst wenn sie es wissen.

Vergangenen Freitag nun hat die Nationale Ethikkommission (NEK) eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie dieses Verbot infrage stellt und ablehnt. Grund: Ein Verbot sei einerseits ein Eingriff in die reproduktive Autonomie der Paare, andererseits sei in der Schweiz gar keine Praxis der Geschlechterselektion feststellbar, welche ein gesetzgeberisches Verbot rechtfertigen würde. Das Papier hat für ordentlich Wirbel gesorgt.

Letzterem Punkt widerspricht Franziska Wirz vehement. Sie erhält immer wieder solche Anfragen, eine Handvoll Mails jährlich treffen bei ihr ein. «Diese Fragen werden uns nie am Telefon gestellt», sagt Wirz. «Das zeigt doch, dass das ein grosses Tabu ist.» Ob die Frauen dann wirklich abtreiben, wenn das Kind nicht das gewünschte Geschlecht hat, weiss die Stellenleiterin von Appella nicht. «Aber aus welchem Grund sonst sollten sie das Geschlecht zu einem solch frühen Zeitpunkt wissen wollen?»

Schweizweit rund 100 Fälle

Darüber, wie viele der rund 10'000 Abtreibungen pro Jahr der Geschlechter­selektion dienen, gibt es keine Zahlen. Dass es jedoch vorkommt, bestätigt auch Daniel Surbek, Gynäkologe am Inselspital Bern und Co-Klinikdirektor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde. Er schätzt, dass schweizweit von jährlich 100 Fällen ausgegangen werden kann, in denen eine Abtreibung wegen des Geschlechts ein Thema ist. Dies betreffe mehrheitlich Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zugewandert seien, «gesellschaftlich-kulturelle Vorstellungen im Herkunftsland spielen eine wichtige Rolle», sagt Surbek. Der Gynäkologe hält die Stellungnahme der Ethiker für falsch. «Damit nimmt die Kommission eine pränatale Geschlechterselektion in der Schweiz in Kauf, auch wenn es nur wenige sein mögen, die es wirklich durchziehen.» Er verweist auf Deutschland, wo die Situation ähnlich liege und das Gesetz eine Mitteilung des Geschlechts vor der vollendeten 12. Schwangerschaftswoche verbiete.

Die nicht invasiven Bluttests sind seit etwa vier Jahren auf dem Markt. Durchgeführt werden sie von spezialisierten Labors im Auftrag des behandelnden Gynäkologen. In rund 10 bis 20 Prozent der Schwangerschaften werden sie gewünscht, vor allem um allfällige Behinderungen oder gesundheitliche Schäden auszuschliessen. Die Krankenkassen bezahlen den rund 1000 Franken teuren Check jedoch nur als Zweittest nach dem Ersttrimestertest, was meistens erst nach der 12. Schwangerschaftswoche der Fall ist.

Die Feststellung des Geschlechts ist Teil des Verfahrens. «Das Resultat geben wir immer an die Ärzte weiter, weil sie es wissen wollen», sagt Anita Rauch, Leiterin des Instituts für Medizinische Genetik der Universität Zürich, das diese Tests auch anbietet. Für die Ärzte ist die Kenntnis des Geschlechts wichtig, weil sie bei der Beurteilung des Ultraschallbildes hilft und so der Qualitätskontrolle dient. Ob dieses Wissen für die Selektion des Geschlechts missbraucht wird, können die Labors allerdings nicht wissen. Laut Rauch wird das Phänomen überschätzt: «Werdende Eltern wollen das Geschlecht ihres Kindes meistens wissen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie deswegen abtreiben.» Zudem gebe es ein praktisches Hindernis, den Test zur Geschlechterselektion zu nutzen: Die Auswertung dauert meistens 7 bis 10 Tage, weshalb die Zeit für einen Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Fristen­regel sehr knapp wäre.

Roland Spiegel, wissenschaftlicher Leiter im medizinischen Labor Genetica in Zürich, kennt das Missbrauchspotenzial für die Geschlechterselektion. «Mit den neuen einfachen Bluttests ist die Hemmschwelle sicher gesunken», sagt Spiegel. «Aber einen Trend würde ich es nicht nennen.» Sein Labor führt jährlich rund 2500 der modernen nicht invasiven Bluttests durch. Die Hälfte davon wird vor der 12. Schwangerschaftswoche durchgeführt, das sind also «Wunschuntersuchungen», welche die Paare selber berappen. Aufgrund des Auftrags ist für ihn jedoch nicht ersichtlich, ob ein Test aus anderen Gründen als zur Abschätzung der Gesundheit des Babys vorgenommen wird. «Es ist doch völlig normal, dass eine Frau möglichst frühzeitig wissen will, ob ihr Kind gesund ist», sagt Roland Spiegel. Natürlich könne es auch eine Dunkelziffer geben, bei der eine medizinische Begründung nur vorgeschoben ist. «Die wenigen Fälle von Geschlechterselektion, die uns bekannt sind, erkannten wir, weil die betreffende Person gleich nach einer ersten Schwangerschaft ohne Hinweis auf einen Spontanabort wieder einen Test verlangte», erzählt Spiegel. Darauf habe er die Verantwortlichen sofort kontaktiert und auf den möglichen Missbrauch hingewiesen. «Als Arzt und Genetiker kann ich solche Praktiken nicht gutheissen», sagt Spiegel.

Dass Fälle von Geschlechterselektion vorkommen, weiss auch die Nationale Ethikkommission. «Wir haben durchaus Kenntnis von Einzelfällen, und wir finden das auch nicht gut», sagt NEK-Vizepräsident Markus Zimmermann, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg. «Aber diese Einzelfälle rechtfertigen kein Verbot.» Ein solches bedeute eine Kehrtwende bei der Fristenregelung, die einer besonders starken Begründung bedarf. Diese sei nicht gegeben. Einerseits könne ein solches Mitteilungsverbot aus liberaler Sicht schnell weitere Verbote in einem Bereich nach sich ziehen, der bisher der freien Entscheidung der Frauen überlassen wurde.

Unter Gynäkologen umstritten

Für die Ethikkommission ist es andererseits ein grosser Unterschied, ob die Mutter als Privatperson den Entscheid zur Abtreibung fällt oder der Staat. «Ich finde es problematisch, wenn der Gesetzgeber sagt, dass man ein Kind nicht abtreiben darf, weil es ein Mädchen ist, damit aber implizit eine Abtreibung zulässt, wenn das Kind andere unerwünschte genetische Eigenschaften hat», sagt Zimmermann. «Das wäre dann ein problematisches staatliches Werturteil über menschliches Leben.»

Unter den Ärtzen, die von einem Mitteilungsverbot am meisten betroffen wären, ist die Regelung umstritten. Während sich der Berner Gynäkologe Daniel Surbek eindeutig für gesetzliche Vorgaben ausspricht, begrüsst der Zürcher Arzt André Seidenberg die liberale Stellungnahme der Ethiker. «Der Staat sollte so wenig wie möglich in die freien Entscheidungen der Bürger eingreifen», sagt Seidenberg, der selber rund 300 Abtreibungen jährlich durchführt. In einer möglichen Geschlechterselektion sieht er keine Gefahr für die Gesellschaft, weil sie ein marginales Problem sei. Ein Informationsverbot für den Arzt sei zudem prinzipiell heikel, weil Patienten ein Anrecht auf alle sie betreffenden Informationen hätten.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.03.2017, 06:41 Uhr

Rasanter Wandel

Gesetz über genetische Untersuchungen

Die umstrittene Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission kommt rechtzeitig vor der Behandlung des revidierten Gesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG), das erst 2007 in Kraft getreten ist. Gemäss Angaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) liegt ein Vorentwurf vor, der nun noch ausgearbeitet wird, bevor er im Sommer zuhanden des Parlaments verabschiedet wird. In der Überarbeitung sollen die rasanten technischen Fortschritte im Bereich der Gentests aufgefangen werden. So sind die einfachen pränatalen Bluttests (NIPT), mit denen sich das ­Geschlecht des Kindes bereits ab der 10. Schwangerschaftswoche feststellen lässt, erst seit etwa vier Jahren auf dem Markt. 2014 hat die SP-Ständerätin Pascale Bruderer in einer Motion verlangt, dass das Geschlecht eines Kindes den Schwangeren erst ab der vollendeten 12. Schwangerschaftswoche mitgeteilt werden darf, um eine Geschlechterselektion im Rahmen der Fristenregelung zu verhindern. Diese Bestimmung wurde aufgenommen und wird dem Parlament wohl so vorgelegt. In der Vernehmlassung wurden laut BAG 21 Stellungnahmen zu diesem Punkt abgegeben, wobei 7 die Vorgabe begrüssten, während sie in 14 Stellungnahmen abgelehnt wurde. (mma)

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