«Kalorien sind heute so billig wie nie zuvor»

Interview

Immer mehr Vielfalt in Supermärkten und Restaurants, aber nur scheinbar Abwechslung: Der Psychologe Michael Siegrist von der ETH erklärt, warum wir immer noch zu viel Zucker und Fett konsumieren.

Das bisschen Salat dazwischen: Gerade das Essen in den Restaurants besteht immer noch aus zu wenig Früchten und Gemüse, sagt der Ernährungsbericht des Bundes. (Foto: McDonald's-Restaurant in Regensdorf, 21. August 2007)

Das bisschen Salat dazwischen: Gerade das Essen in den Restaurants besteht immer noch aus zu wenig Früchten und Gemüse, sagt der Ernährungsbericht des Bundes. (Foto: McDonald's-Restaurant in Regensdorf, 21. August 2007)

Thomas Ley@thomas_ley

Herr Siegrist, gemäss aktuellem Ernährungsbericht des Bundesrats essen die Schweizer weniger Früchte und Gemüse und mehr Fett und Zucker. Haben all die Kampagnen seit dem Pausenapfel nichts gebracht?
Wir sehen nun die Folgen der Tatsache, dass Kalorien heute so billig sind wie nie zuvor. Vor hundert Jahren hätte man sich eine Ernährung wie heute gar nicht leisten können, gerade die Menge Fett oder Zucker, die wir heute konsumieren. Das hat ja auch nicht nur negative Konsequenzen: Die Leute werden heute grösser und älter als früher, weil sie genug zu essen haben. Aber andererseits konsumieren sie heute zu viele Kalorien, und das in unausgewogener Weise.

Und das liegt nur an den Preisen?
Das ist ein wichtiger Faktor. Indirekt hängen die grösseren Verpackungen damit zusammen, die heute verkauft werden. Während vor zwanzig Jahren eine «normale» kleine Cola 3,3 Deziliter mass, ist sie heute 0,5 Liter gross. Eine «grosse» Flasche misst nicht mehr nur 1 Liter, sondern 1,5 bis sogar 2 Liter. Damit verschiebt sich die als normal erachtete Konsummenge nach oben. Bei Essverpackungen stellen wir dasselbe fest. Aus «gross» wurde «maxi».

Wir Konsumenten wünschen uns das eben so: mehr Inhalt fürs Geld.
Die Industrie wünscht sich das auch so. Sie ist natürlich daran interessiert, mit grösseren Verpackungen mehr abzusetzen. Darum sind Maxi-Verpackungen überhaupt erst entstanden.

Was hat sich sonst noch gegenüber früher verändert?
Die Leute essen mehr auswärts. In Kantinen, am Imbiss, in Restaurants.

Ist das schlimm? Der Koch im Restaurant kocht ja womöglich besser als viele Bürogummis daheim.
Das kann sein. Allerdings ist das Convenience-Food der Restaurants tendenziell gemüseärmer und fettreicher als selber zusammengestelltes Essen zu Hause. Mehr Kalorien, weniger Nährwert. Was natürlich daran liegt, dass die Kunden im Restaurant auch auf den Hedonismusfaktor schauen: Wenn sie schon etwas bestellen, nehmen sie das, worauf sie Gluscht haben.

Convenience-Food gibts aber auch in den Supermärkten immer mehr.
Das stimmt. Dort ist aber die Palette oft grösser als im Restaurant. Sie reicht vom Fertigsalat bis zur Fertigpizza. Und das ist doch immer noch ein Unterschied.

Gut, wir nehmen zu viele Kalorien zu uns. Dann trainieren wir das doch weg. Die Jugendlichen turnen doch alle heutzutage, und junge Leute haben alle ein Fitness-Abo.
Gleichzeitig wird uns immer mehr Bewegung abgenommen. Schüler werden immer öfter zur Schule chauffiert, sei es von den Eltern oder per Schulbus oder einfach im ÖV. Während man früher seine Kinder zu Fuss oder per Velo schickte, traut man dem Schulweg heute nicht mehr, weil er zu unsicher sei.

Wie kann man das ändern?

Wir müssen Wege, auch für Erwachsene, so gestalten, dass man wieder mehr gezwungen ist, zu gehen. Dass Barrieren, das heisst Gefahren, beseitigt werden.

Sind die Kinder wirklich immer dicker?
Sagen wir, es werden nicht weniger übergewichtige Kinder. Der Anteil liegt seit zehn Jahren bei etwa 20 Prozent.

Aus Ihrer Sicht: Was muss getan werden, um Ernährungsgewohnheiten zu ändern? Mehr Vorschriften? Mehr Steuern?
Was Steuern angeht, bin ich etwas skeptisch. Dänemark scheint keinen Erfolg mit seinen Fettsteuern zu haben. Es zeigt sich, dass die Leute einfach ausweichen: entweder auf andere, nicht unbedingt bessere Produkte, oder ins Ausland. Die Schweiz, als ebenfalls kleines Land, würde garantiert dieselbe Erfahrung machen. Die Konsumenten würden das Fett einfach in den grenznahen Gebieten einkaufen.

Aber andere ungesunde Produkte, wie Tabak oder Alkohol, besteuert man doch auch.
Bei Nahrungsmitteln ist das nicht so einfach. Welche Art Fette besteuere ich? Welche sind unbedenklich? Und wie viel Steuern schlage ich drauf, um eine Konsumveränderung zu bewirken? Studien zeigen, dass die Preise enorm steigen müssten. 10 oder 20 Prozent reichen da nicht. Bis die Leute umsteigen vom Schokoriegel auf den Apfel, müsste der Riegel mindestens doppelt so teuer sein, wenn nicht mehr.

Dann machen Regulierungen keinen Sinn?
Es gäbe schon Ideen. Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York, schlug kürzlich vor, eine Obergrenze bei Softdrinks einzuführen. Dass es eben keine übermässig grossen Becher mit Softdrinks mehr geben soll. Er wurde dafür heftig kritisiert, aber ich finde die Idee nicht schlecht.

Und Verbote? Wieso verbieten wir nicht offensichtlichen Unsinn wie gezuckerte Nahrung und Getränke für Babys?
Ich bin immer skeptisch, wenn man sich einzelne Produkte für ein Verbot herauspickt. Die Eltern steigen dann einfach vom Zuckertee um auf Orangensaft im Schoppen. Was genauso wenig empfehlenswert ist.

Eltern sollten das nicht tun. Wer sagts ihnen?
Das ist unsere Aufgabe. Letztlich ist das der wichtigste Punkt: Die Menschen brauchen mehr Ernährungskompetenz.

Warum haben wir diese nicht schon längst? Die Magazine bringen doch ständig entsprechende Titelgeschichten, und an den Kiosken wimmelt es von Spezialmagazinen.
Ja, aber bei diesen Geschichten geht es vor allem um eines: möglichst schnell abzunehmen. Es ist parallel zur Lebensmittelindustrie eine Diätindustrie entstanden, die immer neue Diäten und Schlankheitsprodukte verkaufen will. Das meiste davon ist nicht nachhaltig, denn das liegt ja nicht im Interesse dieser Industrie. Kommt hinzu, dass die Konsumenten immer auf der Suche nach Methoden sind, mit denen sie möglichst schmerzlos viel Gewicht verlieren können. Wir spielen der Schlankheitsindustrie damit in die Hände.

Trotzdem wissen wir doch heute viel besser Bescheid über unser Essen als etwa unsere Grosseltern.
Schon, aber damals spielte dieser Mangel an Wissen keine Rolle, weil es Einschränkungen gab. Ungesundes Essen, also Schokolade, Pommes Chips und Coca-Cola, konnte man sich schlicht finanziell nicht leisten.

Was ist denn die Faustregel für bessere Ernährung?
Ausgewogenheit. Möglichst viel Abwechslung.

Wir haben doch viel Abwechslung heutzutage: montags Hamburger, dienstags Kebab, mittwochs Pizza, donnerstags Schnitzelbrot, freitags Fisch-Nuggets.
Ja, das klingt nach Abwechslung. Aber bei all diesen Menüs ist der Gemüse- oder Fruchtanteil vernachlässigbar. Doch genau dieser Anteil müsste übers Ganze gesehen am grössten sein.

Also mindestens zweimal Salatteller.

Oder Gemüseteller oder Fruchtsalat, am besten wechselt man ab.

Oder fasten. Ein- oder zweimal pro Woche aufs Mittagessen verzichten.
Na ja, letztlich ist es immer eine Frage des Masses. Ich plädiere weniger für starre Regeln als für massvolle Portionen und gute Informationen. Also auf die Eigenverantwortung. Die kann uns als Konsumenten niemand abnehmen. Denn die goldene Lösung wird es nicht geben.

DerBund.ch/Newsnet

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