«Ich bin von LSD überzeugt»

Peter Gasser therapiert schwer versehrte Patienten mit Halluzinogenen und sieht darin ein grosses Potenzial. Der Psychiater spricht im Interview über die Wirkung von LSD.

Peter Gasser: «Meine wichtigste Erfahrung war, Gefühle als etwas Körperliches wahrzunehmen.» Foto: Daniel Auf der Mauer (13 Photo)

Peter Gasser: «Meine wichtigste Erfahrung war, Gefühle als etwas Körperliches wahrzunehmen.» Foto: Daniel Auf der Mauer (13 Photo)

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Morgen ist es 75 Jahre her, dass der Schweizer Chemiker Albert Hofmann das LSD entdeckte – und tags darauf seinen ersten Trip erlebte. Hat seine Substanz die Welt verändert?
Sie hat die Bewusstseinsforschung verändert, und schon das halte ich für folgenreich. LSD, das übrigens kein Gift ist, wirkt schon in mikroskopisch kleinen Mengen auf das Bewusstsein ein – wir reden hier vom Zehntel eines Milligramms. Dass eine Substanz in einer derart niedrigen Dosierung eine so spezifische Wirkung auslösen kann, löste damals grosses Staunen aus.

Und noch grössere Hoffnungen.
Ja, in den Sechzigern ging man davon aus, dass LSD das Verhalten des Einzelnen verändere und dadurch auch die Gesellschaft. Viele Forscher und User hofften, eine positive Entwicklung herbeizuführen.

Was für eine naive Vorstellung.
Das sehe ich nicht so. Diese Hoffnung kam ja zunächst von der Psychoanalyse, die daran glaubte, psychische Verhärtungen mithilfe von LSD aufbrechen zu können.

Heute werden Forschung und Menschenbild von einem biologistischen Zugang dominiert.
Die Faszination an der Neurobiologie gründet in der Hoffnung, wir fänden darin ein Abbild menschlicher Vorgänge. Wenn das stimmt, muss es auch ein neurobiologisches Abbild der Persönlichkeit geben. Aber wo ist das genau? Das zeigt, dass man in mehreren Dimensionen über das Bewusstsein nach- denken muss.

Wie sehr hat das LSD auf Sie selber eingewirkt?
Ich konnte es bei meiner Ausbildung legal einnehmen, was das Reden darüber erleichtert. Meine wichtigste Erfahrung bestand darin, Gefühle als etwas Körperliches wahrzunehmen und nicht nur als kognitive Konzepte.

In Ihrer ersten Studie, die Sie vor zehn Jahren durchführten, behandelten Sie unter anderem Krebspatienten im Endzustand. Was konnte ihnen die Substanz geben, was eine herkömmliche Therapie nicht vermocht hätte?
Die LSD-Erfahrung wirkt weniger analytisch fokussierend als verbindend öffnend. So konnte eine Patientin wahrnehmen, dass sie mehr ist als der Krebs, dass also ihre Person nicht nur aus der Krankheit besteht. Diese Erfahrung machte sie gelassener, gab ihr eine gewisse Zuversicht. Nicht als Hoffnung, den Krebs zu besiegen, sondern als Möglichkeit, ihn zu bewältigen. Interessanterweise stellte sich bei den Patienten selten die Frage nach dem Tod und was danach kommt. Es ging vielmehr um die Zeit, die noch verbleibt, und die Angst vor dem Leiden. Die Substanz brachte den Patienten eine nachhaltige körperliche und seelische Entspannung. Das wäre mit einer konventionellen Therapie nicht ohne weiteres möglich gewesen.

Sie arbeiten an einer neuen Studie, wieder mit Ihrem Kollegen Matthias Liechti. Sie werden sie morgen am LSD-Kongress in Münchenstein vorstellen. Was möchten Sie herausfinden?
Was von uns erwartet wird, damit wir weiterforschen können: die Sicherheit und Wirksamkeit von therapeutischen Behandlungen mit LSD zu belegen. Diesen Beweis müssen wir erbringen. Meine Studie von 2008 war eine Pilotstudie mit zwölf Patienten, bei dieser Zahl lässt sich statistisch wenig aussagen, man kann höchstens Hinweise geben. Die neue Studie, die wir planen, sieht 40 Versuchspersonen vor. Dadurch hoffen wir, über die Wirksamkeit statistisch relevante Aussagen machen zu können.

Für jeden Rausch bezahlt man – mit einer Verstimmung, einem Kater, mit Entzugserscheinungen. Für LSD gilt das nicht, Zuversicht und Wohlbefinden sind nach einem Trip spürbar grösser. Warum?
LSD hat eine unmittelbare neurobiologisch-physiologische Wirkung, die sich im Hirn als verstärkte Vernetzung nachweisen lässt – von Bahnen, die neu hergestellt oder wieder hergestellt werden. Diese Vernetztheit nimmt man als grössere Verbundenheit wahr, die uns guttut. Viel Leid entsteht durch Abtrennung und Isolation. Aber auch LSD fordert einen Preis: Man muss diese Erfahrung integrieren, sonst bleibt sie wirkungslos. Darin liegt auch der Grund, warum diese Substanz keine Lust weckt, sie bald wieder einzunehmen.

Seit einigen Jahren mehren sich euphorische Berichte über das Micro-Dosing, also die Einnahme einer sehr kleinen LSD-Dosis. Sie mache froh, entspannt, steigere sogar die Kreativität. Was daran ist Wunsch, und was ist Denken?
Das wüsste ich auch gerne, weshalb wir diese Wirkungen unbedingt erforschen sollten. Ich glaube, dass zumindest ein Teil der Reaktionen auf einem Placeboeffekt beruht, anders gesagt: Die Wirkung könnte in der Begeisterung liegen und nicht in der Substanz selber. Aber dass etwas dran sein könnte, will ich keinesfalls ausschliessen. Ich bin gespannt, was die Forschung herausfinden wird.

Von LSD und MDMA, dem Wirkstoff von Ecstasy, erhofft man sich enorme therapeutische Wirkungen. Teilen Sie diese Euphorie?
Ich kann sie gar nicht teilen aus dem einfachen Grund, weil wir noch viel zu wenig gesichertes Wissen haben, das durch sorgfältige Doppelblind-Studien belegt ist. Das hat zum einen damit zu tun, dass solche Studien aufwendig sind und damit teuer. Und zum anderen, dass die Pharmaindustrie keinerlei Interesse hat, sie zu unterstützen.

Wieso nicht?
Erstens sind die Patente für diese Substanzen abgelaufen, also lässt sich kein Geld machen. Zweitens verwenden wir sie in der Therapie sehr gezielt, das heisst nur wenige Male, also lässt sich wieder kein Geld machen. Ausserdem stehen Halluzinogene in der Öffentlichkeit immer noch im Ruf, gefährliche Wirkungen zu haben. Also bekämen die Pharmafirmen ein Imageproblem.

Es gibt mehrere Studien, die zur Hoffnung Anlass geben. Nicht zuletzt Ihre eigene vor zehn Jahren, damals die erste LSD-Studie, die nach dem weltweiten Verbot zugelassen wurde.
Nehmen wir das Beispiel der Depressionen: Ich fürchte, dass sich mithilfe von LSD oder MDMA zwar eine kurzfristige Besserung erreichen lässt, die aber nicht anhält, weil die Patienten in ihren vorherigen Zustand zurückfallen. LSD ist keine Wunderdroge im Sinne von: Einmal nehmen, für immer gesund. Ich bin vom therapeutischen Potenzial der Substanz überzeugt, glaube aber nicht, es lasse sich damit schnell eine grosse Wirkung erzielen.

Sie haben eine Patientin mit LSD behandelt, die von ihrem Vater jahrelang systematisch missbraucht worden war. Konnten Sie ihre Symptome lindern?
Solche Erlebnisse müssen verdrängt werden, weil sie unerträglich sind. Aber dadurch bleiben sie auch unverarbeitet. Es geht bei solchen Patienten darum, das Schreckliche zuzulassen, ohne dabei die Angst zu haben, dadurch vernichtet zu werden. Hier kann LSD helfen: beim Wiedererleben des Traumas, ohne ihm so ausgeliefert zu sein wie damals, als die Patientin noch ein Kind war. Sie machte die Erfahrung, dass sie als Erwachsene überleben kann, was sie als Kind zerstört hatte. Sie hat eine sehr positive persönliche Entwicklung erlebt. Aber das Trauma verschwindet natürlich nicht aus ihrem Leben, viele seelische Narben bleiben.

Was führt zu einem Horrortrip?
Wenn Set und Setting nicht stimmen, also die mentale Verfassung des Konsumenten und die Umgebung, in der er sich befindet. Wenn sich die Person gedrängt fühlt, die Substanz zu nehmen. Wenn es hastig zugeht. Wenn die Dosierung zu hoch angesetzt ist.

Sieht man sich die internationale Forschung der letzten Jahre an, bekommt man den Eindruck einer Aufbruchsstimmung.
Das kann man so sagen. Am weitesten geht die Forschung bei MDMA, dann bei Psilocybin. Aber auch bei LSD und Ayahuasca geht es in diese Richtung. Nur in den USA bleiben die Vorurteile gegenüber LSD gross, da wird es noch eine Weile dauern, bis unsere amerikanischen Kollegen die Substanz wieder erforschen dürfen.

Die nüchterne Schweiz ist dem Rausch gegenüber offen. Warum?
Beim 100. Geburtstag von Albert Hofmann schrieben wir einen offenen Brief an den Bundesrat mit der Bitte, die wissenschaftliche Forschung mit Halluzinogenen zu ermöglichen. Zur Überraschung vor allem meiner ausländischen Kollegen antwortete Pascal Couchepin, der damalige Gesundheitsminister, ausgesprochen positiv.

Couchepin sagte: Was dem Menschen helfen kann und ethisch und medizinisch korrekt abläuft, soll erforscht werden dürfen.
Früher war es auch bei uns schwierig, eine Bewilligung für eine Halluzinogen-Studie zu erhalten, heute liegt das Problem eher in der Finanzierung und in der legalen Beschaffung der Substanzen. Bei uns läuft alles über das Sponsoring, wir bekommen noch keine öffentlichen Gelder. Trotzdem nehme ich zum Beispiel das Bundesamt für Gesundheit als ausgesprochen kooperativ wahr. Aber das passt zu uns Schweizern. Bei allem Konservatismus, den wir ja auch haben, gibt es diese überraschende Gegenmentalität.

Details und Programm zum morgigen LSD-Kongress: www.75-jahre-lsd.ch/der-kongress/ (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 08:11 Uhr

Peter Gasser

Doktor LSD

Er war weltweit der Erste, der wieder mit der Substanz therapeutisch forschen durfte – nachdem das LSD über Jahrzehnte verboten gewesen war. Bevor sich Peter Gasser der sogenannten psycholytischen Therapie zuwandte, hatte er als Oberarzt in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Solothurn gearbeitet. Seit 1997 führt er eine eigene Praxis, im selben Jahr übernahm er auch die Leitung der Schweizerischen Gesellschaft für Psycholytische Therapie. (jmb)

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