«High Heels belasten den Fuss fünfmal so stark»

Jeder vierte Knochen befindet sich im Fuss. Was ihm wirklich guttut, erklärt Sportmedizinerin Christiane Kuropkat im Interview.

High Heels sind nicht alltagstauglich: Eine Röntgenaufnahme eines Fusses in einem Stöckelschuh. Foto: Getty Images

High Heels sind nicht alltagstauglich: Eine Röntgenaufnahme eines Fusses in einem Stöckelschuh. Foto: Getty Images

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Ist unser Fuss eine Fehlkonstruktion? Er tut doch ab und zu weh.
Er ist grandios. Ein komplexes Gebilde aus 26 respektive 28 Knochen, das …

… entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber wieso die zwei verschiedenen Zahlen?
Die Frage ist, ob man die beiden winzigen Sesambeine unten am Vorfuss mitzählen will. Jedenfalls – rund ein Viertel aller menschlichen Knochen befindet sich in den beiden Füssen. Der Fuss trägt uns die rund 80 Jahre, während deren wir herumlaufen. Und er hält das einigermassen aus.

Was ist sein Geheimnis?
Die Knochen werden von langen und kurzen Muskeln zusammengehalten. Und von Bändern. In der Kombination ergeben sich die Fussgewölbe, eines in der Längsachse des Fusses, eines in der Querachse. Sie wirken wie Stossdämpfer und verteilen das Gewicht im Wesentlichen auf drei Punkte: Vorfuss innen, Vorfuss aussen, Ferse. Wenn sich das Fussgewölbe absenkt wie beim Senk-/ Spreizfuss, funktioniert die Stossdämpferfunktion nicht mehr gut, der Druck wird nicht mehr richtig verteilt. Das führt zu Schmerzen.

Abnehmen ist demnach eine Investition in die Fussgesundheit?
Das ist einfache Physik: Je mehr auf ihn drückt, desto stärker ist der Fuss belastet.

Warum schwitzen die Füsse oft stark?
Die Fusssohlen sind besonders dicht mit Schweissdrüsen bestückt; schwitzt die Haut, ist die Haftung beim Barfussgehen besser. Das Hauptproblem ist jedoch oft, dass der Fuss in Socken und Schuhe gepackt und schlecht belüftet ist.

Sollte man mehr barfuss gehen?
Es ist gut für unsere Haut, wenn sie an der Luft ist. Auch für die Füsse. Barfussgehen ist eine gute Vorbeugung gegen Fusspilzbildung; in einem feuchtwarmen Milieu bildet sich schneller Fusspilz als in einem trockenen. Ausserdem kräftigt es die Fussmuskulatur.

Er sollte auf keinen Fall drücken: Das Röntgenbild eines Fusses in einem Wanderschuh. Foto: Getty Images

Sie tragen wie viele Ärzte weisse Schuhe. Mit Luftlöchlein.
Meine Arbeitstage sind lang. Wenn grad kein Patient da ist, ziehe ich die Schuhe kurz aus und bewege Zehen und Sprunggelenke. Im Sitzen kann man viel machen. Schon kleine Bewegungen sind Training für die Fussmuskulatur.

Die Wandersaison läuft an. Was ist zu beachten?
Das Wichtigste ist gutes Schuhwerk in der richtigen Länge und Breite und mit guter Sohle. Die Wanderschuhe dürfen weder rutschen noch drücken, was gar nicht so einfach ist. Sie müssen dem Terrain angepasst sein; in alpinem Gelände sollten sie die Knöchel decken und so schützen.

Es gibt immer mehr Turnschuhwanderer auch in den Bergen. Davon raten Sie ab?
Ja! Wichtig ist im Übrigen, dass man seine eigene Leistungsfähigkeit kennt und nicht von null auf hundert startet. Ich würde zum Beispiel nicht nach längerer Ruhephase Wanderferien buchen mit sechs Stunden Wandern pro Tag. Beginnen Sie mit Tageswanderungen. Steigern Sie sich langsam. Stretchen Sie nach der Wanderung.

Kann ich mit dem Stretchen bis zum Abend warten?
Sie können ein paar Stunden warten oder es auch am nächsten Morgen machen. Platzieren Sie die Hände an eine Wand, und stellen Sie nun den einen Fuss weit nach hinten aus mit der Ferse am Boden, bis es in der Wade zieht. Im Stehen oder Sitzen den Fuss auf einem Tennisball rollen ist auch eine gute Sache. Oder auf einem Golfball. Aber das nur, wenn Sie keine Probleme haben, so ein Golfball ist hart. Eine gute Übung ist es auch, auf der Treppe zu stretchen. Ein Fuss steht normal auf der Stufe, der andere nur mit der Fussspitze, während sich die Ferse ins Leere senkt, bis es zieht. Zum Stretching aber noch dies: Es ist in der Regel Teil eines umfassenden Trainings. Und es eignet sich nicht in jedem Fall. Reden Sie mit Ihrem Arzt!

Was halten Sie davon, dass manche statt mit Schuhen neuerdings mit einer Art Gummisocken wandern?
Das ist problematisch! Der Fuss ist in der heutigen Kultur nicht mehr auf diese Art Belastung ausgerichtet. Wenn man das machen will, sollte man es sich langsam antrainieren. Ich habe viele Patienten, bei denen es nicht funktioniert und die zum Beispiel mit Vorfussschmerzen zu mir kommen. Momentan ist der Trend aber ein wenig vorbei, scheint mir. Wahrscheinlich, weil er für die meisten Leute nicht funktioniert hat. Wir sind von klein auf gewohnt, Schuhe zu tragen. Wenn wir plötzlich ohne Schuhe wandern oder joggen, verkraftet der Fuss das nicht.

Stimmt es, dass der Fuss am Abend grösser ist?
Die Abflachung des Gewölbes durch die Schwerkraft im Lauf des Tages wirkt sich aus, der Fuss wird länger und breiter. Im Gewebe staut sich zudem Lymphflüssigkeit. Kaufen Sie also die Wanderschuhe besser am Nachmittag, damit sie nicht drücken.

«‹Verstaucht› kann alles Mögliche heissen.»

Welches ist der häufigste Fussunfall der Schweizerinnen und Schweizer?
Umknickverletzungen des Sprunggelenks. Sie passieren im Sport und im Alltag gleichermassen, wobei der Fuss häufiger nach aussen als nach innen knickt. In der Schweiz passieren solche Unfälle etwa 625-mal pro Tag. Leider wird das Problem bagatellisiert.

Wie ernst ist denn eine Verstauchung?
Ich mag das Wort «Verstauchung» nicht. Es bezeichnet bloss den Unfallvorgang, lässt aber die Diagnose im Unklaren. «Verstaucht» kann alles Mögliche heissen, Art und Ausmass der Verletzung bleiben offen. Nach einem Knickunfall muss die Bandstabilität abgeklärt werden. Und Knochenverletzungen müssen ausgeschlossen werden.

Kann ich nach dem Fehltritt nicht ein, zwei Tage warten, bis das Problem allenfalls von selber weggeht?
Wenn Sie nicht mehr auftreten können oder der Fuss dick und blau ist, ist sicher etwas kaputtgegangen; das muss schnellstmöglich therapiert werden. Die Weichteile wie Bänder und Sehnen schaut der Arzt per Ultraschall an. Im Röntgenbild zeigen sich allfällige Knochenverletzungen. Es gibt auch kleine Brüche, die schwerwiegend sein können. Bei schwereren Verletzungen ist oft ein MRI angebracht.

«Viele Leute belasten bei Bandverletzungen schon zu früh zu fest. Sie riskieren eine chronische Instabilität des Sprunggelenkes.»

Und danach?
Braucht es die richtige Therapie. Wenn Sie etwa bei Bandverletzungen eine Schiene tragen müssen, sollten Sie diese nachts anbehalten; immer wieder gibt es Leute, die sie entfernen. Nachts ist keine Körperspannung da, und der Fuss erschlafft, was Stress auf die Bänder bewirkt. Die Schiene verhindert, dass der Fuss nachts knickt. Eine solche Verletzung braucht je nach Schwere bis zu sechs Wochen, um auszuheilen. Viele Leute belasten schon vorher wieder zu fest. Sie riskieren eine chronische Instabilität des Sprunggelenkes. Das kann zu verfrühter Arthrose führen. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sind dann die Kosten am Schluss viel höher, als wenn Sie gleich eine korrekte Diagnose und Therapie bekommen.

Weitere Fussprobleme, die Sie in Ihrer Praxis oft antreffen?
Schmerzen im Vorfuss durch Überlastung. Meist stehen dahinter die Abflachung des Fussgewölbes sowie ungeeignetes Schuhwerk. Die sogenannten Mittelfussköpfchen, die Enden der Mittelfussknochen, tun weh, es kommt zu Schleimbeutelentzündungen dazwischen und zu Nervenentzündungen – das nennt man «Morton-Neuralgie». Der Hallux valgus gehört ebenfalls in dieses Kapitel, der Schiefstand des grossen Zehs.

Was soll ich tun, wenn es vorne im Fuss wehtut?
Zuerst braucht es eine Diagnose. Wenn das Problem leichter Art ist, kann man Fussgymnastik betreiben und am Aufbau der Beinmuskulatur arbeiten. Gute Schuhe sind wichtig. Sonst helfen orthopädische Einlagen. In der Akutphase kann man auch, ultraschallgesteuert, entzündungshemmende Medikamente spritzen, aber die mechanische Überlastung muss beseitigt werden.

Oft hört man das Wort «Fersensporn». Viele Leute klagen, dass es ihnen unten an der Ferse wehtut.
Am Rückfuss ist das die häufigste Beschwerde. Dahinter steht meist die Plantarfaszie. So heisst das breite Band, das sich vom Fersenbein zuunterst an der Ferse bis zu den Zehen zieht. Sie spannt das Längsgewölbe des Fusses auf und ist oft auf Fersenhöhe gereizt.

Tut nach einer sportlichen Betätigung gut: Eine Frau beim Dehnen. Foto: iStock

Was machen, wenn man betroffen ist?
Meist ist unter anderem die Wadenmuskulatur verkürzt. Stretching der Plantarfaszie selber und der Wadenmuskulatur hilft. Rollen Sie zum Beispiel den Fuss über einen Tennisball oder auch eine Flasche. Die Entzündung hat oft mit Zug zu tun, weniger mit Druck. Natürlich, wenn Sie den ganzen Tag in schlechten Schuhen auf Betonboden stehen, hat auch das eine Wirkung. Aber vor allem geht es darum, dass die Plantarfaszie zu sehr unter Zug steht, etwa durch Muskelverkürzungen und eine Abflachung des Fussgewölbes. Eine Physiotherapie kann da sinnvoll sein. Kortisonspritzen sollten die absolute Ausnahme sein, da das Bänder und Sehnen schädigt und zum Reissen der Strukturen führen kann. Bei chronischen Beschwerden sind Stosswellentherapie und Eigenblutspritzen gute Optionen.

Eigenblutspritzen – wie geht das?
Man nimmt dem Patienten Blut aus der Armvene ab. Jenen Teil des Blutes, der entzündungshemmende und wundheilende Zellen enthält, spritzt man an die entzündeten Mikroverletzungen der Plantarfaszie. Das kurbelt die Selbstheilungskräfte an.

Zahlt das die Krankenkasse?
Bis jetzt nur einige Zusatzversicherungen. Eine Pflichtleistung ist es derzeit nicht, was sich aber hoffentlich bald ändert.

«Stehen Sie öfter auf einem Bein! Etwa beim Zähneputzen. Oder im Büro.»

Tragen Sie High Heels?
High Heels führen dazu, dass der Vorfuss bis zu fünfmal stärker belastet wird. Ich trage High Heels wirklich selten, vielleicht einmal im Ausgang, wenn ich ein schickes Restaurant besuche. Oft sind Frauenschuhe jedoch auch vorn zu eng. Die Mittelfussköpfchen werden zusammengedrückt, das reizt Schleimbeutel und Nerven.

Wie sieht ein simples Fusstraining aus?
Ich rate zum sogenannten propriozeptiven Training. Es dient der Stabilisation von Fuss und Sprunggelenk, beugt also Unfällen vor.

Das Fremdwort klingt kompliziert.
Die Sache dahinter ist einfach. Es geht erstens um eine Stärkung der Muskulatur. Und zweitens um die Verbesserung der Reflexe der Nerven. Wenn bei jemandem, der das trainiert, der Fuss abzuknicken droht, reagiert das Gehirn schneller; es sorgt dafür, dass die Muskeln sich anspannen und das Abknicken verhindern. Entsprechende Standübungen kann man im Alltag machen. Stehen Sie öfter auf einem Bein! Etwa beim Zähneputzen. Oder im Büro. Oder beim SMS-Schreiben. Wenn die Unterlage wackelt und Sie die Augen schliessen, ist die Übung anstrengender und wirksamer. Sie könnten sich dafür auf die Bettmatratze stellen. Aber nicht herunterfallen! Das Balancieren kräftigt. Und es schult die Reflexe. Für ältere Leute ist das eine gute Sturzprophylaxe. Man muss es aber relativ häufig machen, drei- bis viermal die Woche für jeweils ein paar Minuten. Probieren Sie es aus!

* Dieser Artikel erschien erstmals am 3. Mai 2018 in der Schweizer Familie. (Schweizer Familie)

Erstellt: 20.06.2018, 14:11 Uhr

Sportärztin in zwei Praxen



Christiane Kuropkat ist Sportmedizinerin. In den Räumen der Fusschirurgie Zürich betreibt die 48-Jährige ihre Praxis für muskuloskelettale Sportmedizin. Dazu praktiziert sie als leitende Sportärztin in der Praxis am Bühlpark in Jona SG. Zuvor war sie unter anderem leitende Ärztin des Bundesamtes für Sport in Magglingen BE.

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