Hintergrund

Fett ist gleich Fett – egal, ob am Bauch oder an den Hüften

Der Body-Mass-Index eignet sich besser als geglaubt für die Vorhersage von Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Messung des Bauchumfangs bringe nicht mehr und sei ungenauer.

Fett ist gleich fett: Die in den letzten Jahren propagierte Bauchumfangs-Messung sei ungenauer, sagt eine Studie.

Fett ist gleich fett: Die in den letzten Jahren propagierte Bauchumfangs-Messung sei ungenauer, sagt eine Studie.

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Der Bauchumfang ist entscheidend für die Gesundheit – nicht der aus Körpergrösse und Gewicht berechnete Body-Mass-Index (BMI). So lautet seit einigen Jahren die gängige Lehrmeinung der Mediziner und Ernährungsberater. Gefährdet sind demnach vor allem dickbäuchige Menschen mit einem apfelförmigen Körper. Wer birnenförmig ist, das Fett also vor allem an Hüfte und Oberschenkeln hat, braucht sich weniger vor Krankheiten wie Herzinfarkt, Diabetes oder Krebs zu fürchten.

Doch nun wollen Mediziner den BMI rehabilitieren. Zumindest bei der Beurteilung des Risikos für Herzinfarkte und Schlaganfälle sei dieses Körpermass praktisch gleichwertig mit den Messgrössen Bauchumfang und Taille-Hüfte-Verhältnis. Dies ist die Schlussfolgerung einer grossen Studie eines Konsortiums aus 200 Wissenschaftlern aus 17 Ländern unter der Leitung der britischen Universität Cambridge («Lancet», online). Bei der heute veröffentlichten Arbeit nahmen 220'000 Erwachsene teil. Innerhalb der knapp zehnjährigen Studiendauer kam es zu 14'000 Herzinfarkten und Schlaganfällen.

«Den BMI beibehalten»

Der BMI sei von allen drei Messgrössen am einfachsten zu bestimmen, schreiben in einem gleichzeitig veröffentlichten Kommentar die beiden Mediziner Rachel Huxley und David Jacobs von der Minnesota-Universität. Weil es zudem kaum Unterschiede in der Aussagekraft gebe, sei es deshalb am besten, den BMI beizubehalten. «Zusammen mit einem guten klinischen Urteilsvermögen ist der BMI sehr angemessen bei erwachsenen Patienten», schreiben die Kommentatoren.

Die Studie widerspricht früheren Untersuchungen, deren Resultate zum Teil bereits in medizinischen Richtlinien ihren Niederschlag gefunden haben, schreiben die Autoren. Insbesondere einer internationalen «Lancet»-Studie von 2005 mit 27'000 Teilnehmern. Diese fand, dass das Verhältnis von Taille zu Hüfte das Risiko für einen Herzinfarkt dreimal besser voraussagt als der BMI. Die Mediziner forderten, den BMI durch das Taille-Hüfte-Verhältnis zu ersetzen. Allerdings hatte die Studie einige methodische Mängel.

Wenig Auswirkungen auf die Praxis

Weitere Argumente sprechen dafür, dass die Verteilung des Fetts für das Herz-Kreislauf-Risiko stärker beachtet werden sollte. So zeigen Forschungen, dass das sogenannte viszerale Fett am Bauch einen viel aktiveren Stoffwechsel hat als Fettgewebe an anderen Körperstellen. «Wahrscheinlich wurden die Unterschiede bei den verschiedenen Fetten überschätzt», sagt Thomas Lüscher, Leiter der Kardiologie am Universitätsspital Zürich, nach einer ersten Einschätzung. «Die neuen Resultate widersprechen sicher den gängigen Vorstellungen.»

In der Praxis wird die Studie allerdings wenig Auswirkungen haben. «Bei den Überweisungen an unsere Klinik sehen wir, dass nicht viele Ärzte den Bauumfang messen», sagt Lüscher. Dass insbesondere Hausärzte die neuen Messgrössen für Übergewicht nur zurückhaltend einsetzen, ist dabei wahrscheinlich sogar ein Glück. So hat vor zwei Jahren eine Schweizer Studie gezeigt, dass auch gut geschulte Hausärzte beim identischen Patienten zu sehr unterschiedlichen Resultaten kommen. Als Folge davon schätzten sie in der Studie häufig das Herzinfarktrisiko falsch ein.

Umfang weiterhin messen

Ist nach der neuen «Lancet»-Studie jetzt Schluss mit Schlagzeilen wie «Apfeltypen leben gefährlich» oder «Bauchfett sagt mehr als der BMI»? Kaum. Denn es gibt gewichtige kritische Stimmen. So Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), der selber auf dem Gebiet forscht. «Auch in der neuen Studie haben Normalgewichtige und leicht Übergewichtige mit grossem Bauchumfang ein erhöhtes Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung», sagt der deutsche Ernährungswissenschaftler. In diesen Fällen ist deshalb seiner Meinung nach das Messen des Bauchumfangs zusätzlich zum BMI immer noch sinnvoll. Dass bei schwer Übergewichtigen der Bauchumfang kaum eine Rolle spiele, sei hingegen logisch. Das hätten bereits frühere Studien gezeigt. «Bei Fettleibigen ist ein grosser Teil des Fetts am Bauch – irgendwo muss es schliesslich hin», so Boeing.

Kritiker Harald Schneider von der Ludwig-Maximilians-Universität München ist zudem der Ansicht, dass bei der Studie ein Problem sein könnte, dass die Resultate von 58 verschiedenen Untersuchungen zusammengenommen wurden. «Aus der Studie ist nicht ersichtlich, ob die anspruchsvollen Bauchumfang- und Taille-Hüfte-Messungen überall gleich durchgeführt wurden», kritisiert er.

Body-Adiposity-Index als Alternative

Während die Diskussionen um BMI, Apfel oder Birne noch nicht abgeschlossen sind,glauben amerikanische Forscher bereits eine neue Alternative zum BMI gefunden zu haben: den Body-Adiposity-Index (BAI). Dieser lässt sich aus Hüftumfang und Körpergrösse berechnen, wie das Team um Richard Bergmann Anfang Monat berichtete («Obesity», online). Die Mediziner glauben, dass der BAI besser den Unterschieden zwischen den ethnischen Gruppen gerecht wird als der BMI. Getestet haben sie den BAI allerdings erst mit Daten von Latinos und Afroamerikanern. Hoffentlich sind die Diskussionen um BMI und Bauchumfang geklärt, bevor sich der BAI in weiteren Überprüfungen bewährt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2011, 21:20 Uhr

BMI, Bauch- und Hüftumfang

Der Body-Mass-Index (BMI) beurteilt das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergrösse. Er berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm, geteilt durch das Quadrat der Körpergrössein Metern. Eine 1,70 Meter grosse Person mit 70 kg hätte demnach einen BMI von 24. Laut WHO liegt der Normbereich bei Erwachsenen zwischen 18,5 und 25. Bei Kindern wird der BMI gleich berechnet, es gelten aber andere Normwerte. Schwierig, präzise zu messen, ist der Bauchumfang. Dazu muss ein Messband in der Mitte zwischen dem untersten Rippenbogen und der Oberkante des Hüftknochens um den Bauch gelegt werden. Und das vor dem Frühstück bei leichtem Ausatmen. Der Umfang sollte bei Männern unter 102 Zentimetern liegen, bei Frauen unter 88 – wobei auch andere Grenzwerte kursieren. Für das Taillen-Hüfte-Verhältnis braucht es zusätzlich den Hüftumfang, der an der dicksten Stelle gemessen wird. Dann wird dividiert. Das Resultat sollte bei Männern unter 1,0 und bei Frauen unter 0,85 liegen.

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