«Es kommt immer wieder vor, dass Krebskranke ihren Job verlieren»

Francine Jordi hat ihren Brustkrebs öffentlich gemacht. Wie gefährlich ist die Krankheit heute? Beatrice Bösiger von der Krebsliga Schweiz gibt Auskunft.

Im Mai 2017 erhielt Sängerin Francine Jordi die Diagnose Brustkrebs. Bild: Keystone

Im Mai 2017 erhielt Sängerin Francine Jordi die Diagnose Brustkrebs. Bild: Keystone

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Schlagerstar Francine Jordi hat sich dazu entschieden, ihre Krankheit nach erfolgreicher Behandlung öffentlich zu machen. Was halten Sie davon?
Genauso wie der Umgang mit einer Krebserkrankung ist auch die Kommunikation darüber sehr individuell. Grundsätzlich sollten sich Betroffene im Voraus jedoch überlegen, wem sie was zu welchem Zeitpunkt kommunizieren wollen. Das gilt insbesondere am Arbeitsplatz.

Weshalb? Ist Brustkrebs auch heute noch ein Stigma für eine Frau?
Eine Krebsdiagnose generell ist kein Stigma, das gilt nicht nur für Brustkrebs. Es kommt aber leider immer wieder vor, dass Krebsbetroffene nach einer Diagnose ihren Job verlieren. Deshalb ist es besser, sich im Voraus eine Art Kommunikationsstrategie zu überlegen, auch um sich selbst zu schützen.

Francinde Jordi hat ihre Krankheit besiegt. Ist Brustkrebs heute weniger tödlich als früher?
Die Sterblichkeit hat in den vergangenen 30 Jahren tatsächlich kontinuierlich abgenommen. Einerseits, weil die Therapie von Brustkrebs in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte erzielt hat. Mehr Frauen können erfolgreich behandelt werden oder länger mit der Krankheit leben. Gewisse Krebsarten werden damit immer mehr zu einer chronischen Erkrankung, weil sie besser unter Kontrolle gehalten werden können. Andererseits sind Früherkennungsprogramme immer verbreiteter. So lassen sich Tumore in frühen Stadien entdecken. Das erhöht natürlich die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung.

Bilder: Francine Jordis Krebsdiagnose

Trotzdem ist Brustkrebs bis heute die häufigste Krebsart bei Frauen.
Ja. In der Schweiz erkranken heute 6000 Personen pro Jahr an Brustkrebs, darunter ungefähr 50 Männer.

Welche neuen Behandlungen gibt es denn?
Eine relativ neuartige Entwicklung in der Behandlung von Krebs sind personalisierte Therapien. Diese werden auch bei der Behandlung von Brustkrebs eingesetzt. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Herceptin. Das wird zu den sogenannten zielgerichteten Wirkstoffen gezählt.

Wie findet man heraus, ob sich eine Person für eine solche personalisierte Therapie eignet?
Das kann man mittels einer Gewebeuntersuchung des Tumors nachweisen. Etwa ein Viertel aller Brustkrebspatientinnen hat einen Tumor, der darauf reagiert.

«In der Schweiz sterben immer noch jedes Jahr rund 1370 Frauen und 10 Männer an Brustkrebs.»Beatrice Bösiger, Kommunikationsbeauftragte, Krebsliga Schweiz

Wie wichtig ist Früherkennung?
Sehr wichtig. Je früher Brustkrebs entdeckt und therapiert wird, desto höher sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Durchgeführt wird meist eine Mammografie. Tumore können so entdeckt werden, bevor sie überhaupt tastbar sind oder Beschwerden verursachen. Nebst Fortschritten bei den Therapien erhöht so auch die Früherkennung die Überlebenschancen.

Gibt es bei einer rechtzeitigen Erkennung hundertprozentige Heilungschancen?
Nein. Auch wenn das Mammakarzinom in einem frühen Stadium entdeckt worden ist, gibt es keine hundertprozentige Heilungschance. In der Schweiz sterben immer noch jedes Jahr rund 1370 Frauen und 10 Männer an Brustkrebs.

Mit bildgebenden Verfahren lässt sich Brustkrebs bereits früh erkennen. Bild: Keystone

Wieso hat sich Schauspielerin Angelina Jolie ihre Brüste amputieren lassen – trotz guter Früherkennungs- und Therapiemethoden?
Laut eigener Auskunft hat sich Angelina Jolie wegen einer vererbten Genveränderung und eines damit verbundenen familiär stark erhöhten Brustkrebsrisikos ihre Brüste vorsorglich entfernen lassen. Die grosse Mehrheit der Mammakarzinome ist jedoch nicht auf Vererbung zurückzuführen. Nur bei etwa 5 bis 10 Prozent ist dies der Fall. In der Schweiz sind nur etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der Frauen Trägerinnen einer BRCA 1- oder einer BRCA 2-Mutation. Angelina Jolie hatte eine Doppelmutation.

Macht es also für alle Frauen, die eine Genveränderung in sich tragen, Sinn, sich vorsorglich die Brüste amputieren zu lassen?
Prinzipiell stehen als Alternative engmaschige Früherkennungsuntersuchungen oder medikamentöse Prävention zur Diskussion, zum Beispiel eine Antihormontherapie. Die Operation ist aber die wirksamste, jedoch auch die radikalste Prävention. Ob sich eine Frau dazu entscheidet, hängt sehr stark von ihrer individuellen Situation ab, von ihren Ängsten und Wünschen sowie ihrem Umgang mit Chancen und Risiken.

Wie findet man heraus, ob man diese Genveränderung hat?
Man kann einen Gentest machen lassen. Frauen können sich auf den Websites der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Genetik (SGMG) und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) informieren, welche Fachstellen eine genetische Beratung durchführen. Der Test, Risiken und Möglichkeiten, was bei einem positiven Resultat unternommen werden kann, sollten jedoch ausführlich mit einer spezialisierten Ärztin oder einem spezialisierten Arzt besprochen werden.

«Studien weisen auf eine leichte Zunahme von Brustkrebsfällen bei jungen Frauen hin.»Beatrice Bösiger, Kommunikationsverantwortliche, Krebsliga Schweiz

Gibt es nebst solch einer Genveränderung weitere Faktoren, die das Krankheitsrisiko erhöhen?
Es gibt eine ganze Reihe weiterer Risikofaktoren. Unter anderem auch Rauchen und Übergewicht.

In welchem Alter ist das Risiko am höchsten?
Der Grossteil der betroffenen Frauen ist zum Zeitpunkt der Diagnose über 50 Jahre alt. Das trifft auf acht von zehn Frauen zu. Es gibt zwar Studien, die auf eine leichte Zunahme von Brustkrebsfällen bei jungen Frauen in der Schweiz – Diagnose mit 20 bis 49 – hindeuten. Um eine evidenzbasierte Erklärung dafür zu erhalten, sind jedoch weitere Studien nötig. Trotz der leichten Zunahme an Diagnosen bei jungen Frauen sterben in dieser Alterskategorie weniger an Brustkrebs als früher. Auch hier sind das gut ausgebaute Gesundheitssystem in der Schweiz und wirksamere Therapien eine mögliche Erklärung dafür.

Erkrankt eine Frau an Brustkrebs, hat das aber nicht nur medizinische Konsequenzen. Was bedeutet so eine Diagnose für die betroffene Frau und für die Familie?
Eine Brustkrebsdiagnose – wie jede andere Krebsdiagnose auch – ist immer ein Schock. Zuerst für die betroffene Frau selbst, aber ebenso für die ihr nahestehenden Personen. Wie mit einer Diagnose umgegangen wird, hängt jedoch von der Person selbst ab, das ist sehr individuell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 18:16 Uhr

Krebsliga Schweiz

Anlaufstelle für Krebskranke und Angehörige

Die Krebsliga Schweiz ist ein Verein, der Menschen mit Krebs und ihre Angehörige unterstützt und berät. Bei Fragen steht unter anderem das Krebstelefon zur Verfügung. Beratung und Unterstützung bieten auch die kantonalen oder regionalen Krebsligen.

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