Eine Diagnose stellt alles auf den Kopf

Pamela Munster ist Expertin für Brustkrebsforschung in San Francisco. Plötzlich wurde die Schweizer Medizinerin selbst zur Patientin. Ein Erfahrungsbericht.

«Krebs macht das Leben zur Achterbahn zwischen Hoffnung und Verzweiflung», sagt Pamela Munster. Foto: Nicola Pitaro

«Krebs macht das Leben zur Achterbahn zwischen Hoffnung und Verzweiflung», sagt Pamela Munster. Foto: Nicola Pitaro

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Es war ein Morgen wie viele andere ­zuvor. Während ich mit einem Kollegen einen komplizierten Fall diskutierte, fing mein Handy an zu vibrieren. Als ich die Nummer von der radiologischen Abteilung der Universität sah, wusste ich, dass es erneut einen besorgniserregenden Befund gegeben hatte. Ich fragte mich, um welche meiner Patientinnen es sich wohl dieses Mal handeln würde. Und überlegte mir bereits, dass ich wieder eine schlechte Nachricht übermitteln müsste. Es machte mich traurig.

Die Stimme am anderen Ende der ­Leitung klang vertraut. Es seien fünf kleinere Unregelmässigkeiten gefunden worden — vermutlich nichts Schlimmes. «Um welche Patientin handelt es sich, bitte?», fragte ich die Radiologin. Erstauntes Schweigen. Nach einer kurzen Pause sagte sie stockend: «Hier geht es um deine letzte Mammografie.» Schlagartig wurde mir klar, dass sie mich ja ­direkt mit meinem Vornamen angesprochen hatte und nicht wie sonst üblich mit «Guten Morgen, Doktor Munster». Ich hätte eigentlich sofort erkennen müssen, dass es gar nicht um eine ­Patientin von mir ging. Nein, es ging um mich. Ein abnormaler Befund also.

Mein Herz raste. Ich wusste nicht mehr, wie mir geschah. Jede Menge Zahlen schwirrten mir durch den Kopf. Dann beruhigte ich mich wieder, die Statistik war bestimmt auf meiner Seite. Brustkrebs tritt zwar häufig auf, aber nicht oft vor dem 50. Lebensjahr. Ich war mit 48 noch relativ jung. Keiner der bekannten Risikofaktoren traf wirklich auf mich zu. Denn ich war topfit, schlank, sportlich, rauchte nicht und ernährte mich ausgewogen. Hinzu kam, dass auch in meiner Familie Krebs bisher kein Thema war. Abgesehen von meiner Grossmutter väterlicherseits, die zwanzig Jahre mit der Krankheit recht gut lebte und im Alter von 85 Jahren starb.

Konnte das wirklich stimmen?

Nach dem Telefonat fühlte ich mich wie benommen und irgendwie wie in einem falschen Film. Aber dann packte ich es an. Anders als bei den meisten meiner Patienten waren in meinem Fall die medizinischen Entscheidungen darüber, welche Behandlungen zu wählen waren und wie das beste medizinische Team zu finden war, im Prinzip einfach. Schliesslich arbeitete ich schon seit mehr als 15 Jahren als Brustkrebsexpertin. Dennoch war das Gefühl, Patientin zu sein, für mich völlig unbekannt. Es gab sehr viele Momente des Haderns und Zweifelns. Und ich merkte, dass es so viel einfacher ist, Expertin als Patientin zu sein.

Die Tumore lagen so, dass ein einfaches Ausschneiden nicht ging und nur eine Mastektomie infrage kam. Doch was war mit der anderen Brust? Sollte ich sie auch gleich entfernen lassen?

In meiner Rolle als Onkologin war ich oft gefragt worden: «Was würdest du tun?» Ich habe jeweils geantwortet: «Ich bin nicht in deiner Situation, und medizinisch gibt es kaum einen Grund, die zweite Brust auch abzunehmen.» Aber im Stillen zweifelte ich nie daran, dass eine doppelte Mastektomie, also das Entfernen beider Brüste, für mich die richtige Wahl sein würde, sodass ich beruhigter schlafen könnte und nie wieder durch diese Biopsien, Mammografien und andere Tests durchmüsste. Doch als betroffene Frau sah ich es auf einmal anders und fragte mich, ob dieser Schritt vielleicht nicht doch etwas zu radikal sein würde. Musste ich denn alles, was mich als Frau identifiziert, hergeben? Ich rang mit mir selbst.

Krebs, diese tückischen Zellen, die ganz unerwartet irgendwo wieder auftauchen können. Am Ende wusste ich, dass ich diese Unsicherheit nur schwer ertragen würde. Und obwohl ich alle die Entscheidungen selber treffen konnte, war es schwierig, sich der Krankheit zu stellen. Ich versuchte, so gut es ging, damit zurechtzukommen. Körperlich waren die Operationen im Prinzip eine Kleinigkeit, aber ich war nicht darauf vorbereitet, wie schwer die Diagnose Krebs psychisch war. Es war besonders happig, da ich in meiner Funktion als Ärztin weiterhin ständig auch mit schwerstkranken Patientinnen zu tun hatte und die Grenzen zwischen Arzt und Patient dauernd verwischt wurden.

Nach fast einem Jahr mit weiteren Tests, häufigen Besuchen in der Arztpraxis und mehreren Operationen, dachte ich, es wäre nun alles endlich vorbei, ich hätte es hinter mir. Doch gerade als sich das Leben wieder normalisierte, fand ich heraus, dass ich eine Mutation auf dem BRCA-2-Gen trug. Von allen Brustkrebspatientinnen sind im Durchschnitt etwa 5 bis 10 Prozent davon betroffen. Weil ein solcher genetischer Defekt vererbt wird, machte ich mir noch mehr Sorgen. Wird es auch andere Familienmitglieder treffen? Und was ist mit meiner damals 8-jährigen Tochter?

Kurz darauf stand fest, dass ich mich noch einmal operieren lassen musste. Denn das BRCA-2-Gen birgt auch ein hohes Risiko für Eierstockkrebs. Am Abend vor der Operation fragte ich meine Freundin und Patientin Lis, wie es sich anfühlen würde, wenn einem die Eierstöcke entfernt würden. Sie starrte mich fassungslos an und sagte: «Wie kann ein Dieb so vieler Eierstöcke so eine Frage stellen?»

In der Tat hatte sie recht. Ich hatte vielen Patientinnen mit einem solchen Gendefekt sowie auch anderen diese Operation empfohlen, um das Risiko, daran zu erkranken, fast vollständig zu reduzieren. Eine prophylaktische Operation, die nur etwa eine halbe Stunde dauert, aber so grosse Folgen hat.

Nun erlebte ich auch die andere Seite, all die Sorgen und Ängste. Obwohl ich die Operation und ihre medizinischen sowie auch emotionalen Konsequenzen detailliert kannte, war es völlig neu für mich, diese Situation nun aus der Perspektive einer Patientin zu erleben. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich fühlen würde, noch mehr wertvolle Körperteile zu verlieren und wie ich damit umgehen könnte, durch diesen drastischen chirurgischen Eingriff über Nacht auf einmal in die Wechseljahre zu kommen.

Ärzte leben in einer Welt von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten, und wir verwenden oft Zahlen, um Patienten zu beruhigen. Diese Zahlen fühlen sich ­anders an, wenn es sich um die eigene Tumorerkrankung handelt. Ich wusste, dass es eine Wahrscheinlichkeit von drei Prozent gab, dass man während dieser Operation auch noch Eierstockkrebs bei mir feststellen könnte. Als Ärztin habe ich den Patientinnen jedoch immer die positive Seite dargestellt und gesagt, dass die Chance, frei von Krebs zu sein, bei 97 Prozent liegt.

In meinem Fall sah ich es jetzt negativ, meine drei Prozent waren für mich sehr hoch. Wieder gab es schlaflose Nächte. Ich konnte nur noch daran denken, dass ein Arzt mir nach der Operation mit einem traurigen Gesichtsausdruck sagen würde: «Frau Munster, Sie haben Eierstockkrebs.» Ich war hin- und hergerissen. Keine der Zusicherungen des medizinischen Teams oder auch die gut ausfallenden Statistiken konnten mich beruhigen, bis mich endlich der Pathologe anrief und sagte, dass ich frei von Krebs war.

Gentest rettete meinen Vater

Im Rückblick hatte mein Gentest nicht nur schlechte Seiten. Denn auf einmal ging die Suche in der Familie los. Wo kam die Mutation her? Von wem könnte ich das defekte Gen geerbt haben? Rasch war klar, dass mein Vater, der in Sargans lebt und damals 78 Jahre alt war, sich ebenfalls untersuchen lassen müsste.

Tatsächlich fanden sie den Gendefekt und entdeckten bei den darauf folgenden, sehr gründlichen Untersuchungen Bauchspeicheldrüsenkrebs, der bisher kaum Beschwerden verursacht hatte. Doch es war allerhöchste Zeit, den Tumor schnell zu entfernen. Erst nach einer aggressiven Chemotherapie gelang es Experten im Kantonsspital St. Gallen, ihn herauszuschneiden. Heute geht es meinem Vater mit seinen 82 Jahren recht gut. Ohne den spezifischen Gentest vor vier Jahren und die darauf angepasste Behandlung des Tumors aber hätte er nicht überlebt.

Onkologen gehören zu den mitfühlendsten Ärzten, die ich kenne. Aber nur wenige von uns können den Schock und das emotionale Tief, das eine Krebsdiagnose mit sich bringt, wirklich verstehen. Krebs macht das Leben zu einer Achterbahn, in der sich Hoffnung und Verzweiflung ständig abwechseln. Man fühlt sich nie ganz sicher, ob wirklich ­alles gut ist, verliert die Zuversicht und das Vertrauen in den eigenen Körper.

Früher hatte ich mein Leben unter Kontrolle — trotz drei kleinen Kindern, einem hektischen Job und einer erfolgreichen Karriere. Doch mit der Krebs­diagnose fühlte ich mich plötzlich ausgeliefert, abhängig von dem Geschick und den Fähigkeiten der anderen Mediziner. Ich musste lernen, mich dem Schicksal zu fügen und vieles nicht mehr direkt beeinflussen zu können. Zudem liess mich das beklemmende Gefühl nicht mehr los, dass Krebszellen immer noch irgendwo in meinem Körper lauern und jederzeit wieder Unheil anrichten können.

Mitgefühl beim Leid anderer

Als Ärztin versuche ich das Beste zu geben. Wir verbringen Jahre damit, unsere Fähigkeiten zu verbessern. Doch Ärzte sind auch Menschen mit Gefühlen und begrenzten Ressourcen. Es ist daher viel einfacher und sicherer, sich als Selbstschutz hinter Fakten und Fachbegriffen zu verstecken. Denn schwierige Gespräche sind sehr anstrengend, und es braucht Mut und Kraft, das Leid anderer sehr nah an sich herankommen zu lassen. Hinzu kommt, dass mich früher immer das Gefühl beschlich, ich hätte persönlich versagt, wenn jemand starb.

Meine Erfahrung mit Krebs hat mich nun dazu gezwungen, Unsicherheiten und Ängste zu akzeptieren. Ich habe gelernt, dass die Patienten keine Wunder von mir erwarten, sondern vielmehr ­Offenheit und Mitgefühl. Und ich weiss es zu schätzen, dass ich grosses Glück habe, dank der Unterstützung meiner Freunde und Familie weiterhin mit den tollsten und mutigsten Patienten sowie auch sehr engagierten Kollegen in der Krebsforschung arbeiten zu können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 21:17 Uhr

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Pamela Munster

Erfolgreiche Ärztin in den USA

Pamela Munster, die ursprünglich aus Sargans kommt und an der Universität Bern Medizin studierte, lebt seit 25 Jahren in den USA. Die 52-jährige Professorin für Medizin ist Abteilungsleiterin für experimentelle Krebstherapeutika an der University of California in San Francisco. In dieser Funktion hat sie ­engen Kontakt zu Krebspatienten und gleichzeitig zu den Entwicklern neuer Medikamente. Seit 2016 leitet sie mit dem Molekularbiologen Alan Ashworth auch das BRCA-Forschungszentrum. Ein Defekt auf einem der beiden BRCA-Gene beeinflusst die DNA-Reparaturfähigkeit der Zellen und erhöht dadurch stark das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs und unter anderem auch das Risiko für Prostatakrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Männern. (bry)

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