Die heilsame Wirkung der Gefühle

Immer mehr Verhaltenstherapeuten beschäftigen sich mit Emotionen. Elemente aus östlichen Religionen und Philosophien sollen helfen, Depressionen und Stress zu therapieren.

Mit Yoga zum inneren Gleichgewicht: Verhaltenstherapeuten setzen auf fernöstliche Praktiken, um Depressionen zu heilen.

Mit Yoga zum inneren Gleichgewicht: Verhaltenstherapeuten setzen auf fernöstliche Praktiken, um Depressionen zu heilen. Bild: Keystone

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Achtsamkeit – ein Begriff aus buddhistischen Übungswegen hält Einzug in der Verhaltenstherapie, einer häufig angewandten psychotherapeutischen Methode, die bisher nicht für spirituelle Offenheit bekannt war. Ihre Vertreter fokussierten ursprünglich ausschliesslich auf die Gesetze des Lernens. Später kam die kognitive Verhaltenstherapie dazu, bei der Wahrnehmungen und Einstellungen verändert werden sollen. In der aktuellen «dritten Welle» der Verhaltenstherapie geht es erstmals um Emotionen, respektive darum, diese durch Achtsamkeit zu regulieren.

Seit vier Jahren bietet zum Beispiel auch die Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie in Bern bei Depressionen eine auf Achtsamkeit basierende Therapie an. Während der acht wöchentlichen Treffen in der Gruppe erlernen die Patienten, in verschiedener Weise achtsam zu sein: Sie werden angehalten, im aktuellen Moment zu bleiben und in einer bequemen und aufrechten Haltung ihre Aufmerksamkeit auf Körperhaltung, Gedanken und Gefühle zu lenken. Die innere Haltung soll dabei neutral und nicht bewertend sein, während gleichzeitig das Ein- und Ausatmen beobachtet wird. Dabei sollen die Gefühle und Gedanken nicht geändert werden, sondern die Beziehung zu ihnen. Negative Gefühle werden nicht bewertet, sondern als Konstrukte erkannt; sie verlieren damit an Bedeutung.

Verantwortung übernehmen

«Mit dieser Therapie haben wir gute Erfahrungen gemacht», sagt Zeno Kupper, Psychologe und Privatdozent an der Berner Universitätsklinik. Die Therapie nennt sich Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Depression (MBCT) und wird als Rückfallprophylaxe bei Depression angeboten. Konzipiert ist das Programm für Gruppen mit maximal zwölf Teilnehmern. Diese wohnen in der Regel bei sich zu Hause, in stationärer Behandlung sind die wenigsten.

«Die noch vorhandenen depressiven Symptome und ungünstige Denkmuster nehmen während der acht Wochen eindeutig ab», sagt Kupper. «Die Patienten sind achtsamer und mehr bei sich.» Auch das Interesse der Patienten sei gross, und die Reaktionen seien oft sehr positiv: «Das ist das Beste, was ich je gemacht habe» oder «Ich sehe die Welt ganz anders» – solche und ähnliche Äusserungen hört Zeno Kupper immer wieder. Auch würden viele Teilnehmer erstmals realisieren, dass sie jeden Tag selber etwas zu ihrer Befindlichkeit beitragen, dass sie Verantwortung übernehmen können. «Mit dem täglichen Üben von Achtsamkeit und den damit verbundenen neuen Erfahrungen nimmt die Selbstwirksamkeit zu. In diesem Sinne ist MBCT wirklich komplementär zu herkömmlichen Therapien», meint Kupper. Ein «Allheilmittel» sei sie aber nicht, und oft auch kein Ersatz für Einzelpsychotherapien.

Hata Yoga und Meditation

Die Depressionstherapie wurde von britischen Forschern um Zindel Segal, Mark Williams und John Teasdale speziell für Patienten entwickelt, die drei oder mehr depressive Episoden durchlitten haben. Begründer der «dritten Welle» der Verhaltenstherapie ist jedoch John Kabat-Zinn, Molekularbiologe und Professor für Medizin an der University of Massachusetts. Er war vor allem an den Zusammenhängen zwischen körperlichen Vorgängen und geistigen Aktivitäten interessiert, als er 1979 eine Klinik speziell für Patienten mit Stresssymptomen gründete und die Intervention Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) entwickelte. In das achtwöchige Programm flocht er Elemente des Hata Yoga und Meditationspraktiken aus Vipassana und Zen. Mittlerweile nimmt das Interesse an der Methode auch in der Schweiz zu, ein entsprechender Verband und private Anbieter vermitteln Kurse und Ausbildungen.

Für die Therapie von Depressionen wurde das Stressreduktionsprogramm von Kabat-Zinn mit Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie kombiniert. So werden Stimmungsschwankungen und negative Denkmuster, die depressive Rückfälle auslösen, thematisiert. Teil des Programms sind auch Änderungen des Verhaltens: Die Teilnehmer sollen mehr freudvolle Aktivitäten unternehmen und individuelle Pläne zur Bewältigung von drohenden Rückfällen erarbeiten.

Keine schnelle Therapie

Sowohl das Stressreduktionsprogramm wie auch die Depressionsprophylaxe MBCT sind in den letzten Jahren empirisch untersucht worden. So hat eine englisch-amerikanische Studie aus dem Jahr 2008 gezeigt, dass MBCT in der Vermeidung von Rückfällen über 15 Monate hinweg genauso effektiv ist wie eine fortgesetzte Behandlung mit Medikamenten. Eine Studie der Universität Genf aus dem Jahr 2010 ergab, dass die Patienten 15 Monate nach einer MBCT-Therapie kombiniert mit Medikamenten eine dreimal längere rückfallfreie Zeit zwischen depressiven Episoden hatten, als wenn sie nur mit Medikamenten behandelt wurden. Trotz diesen Erfolgen ist die Methode unter den niedergelassenen Psychiatern noch nicht sehr bekannt. In einigen psychiatrischen Kliniken wird sie aber mittlerweile angeboten.

Einer, der MBCT schon früh eingesetzt hat, ist Daniel Hell, Leiter des «Kompetenzzentrums Depression und Angst» der Privatklinik Hohenegg und ehemaliger Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dass der Begriff der Achtsamkeit in der Psychiatrie zunehmend wichtig wird, findet er «nicht erstaunlich». Diese Öffnung hin zu Elementen aus Religion und Philosophie sei zu begrüssen, meint Hell. Er betont jedoch, dass die achtsame Haltung nicht nur dem Buddhismus, sondern allen mystischen Bewegungen eigen sei.

Daniel Hell warnt jedoch vor übertriebenen Hoffnungen: Was über ein paar Monate in der Gruppe gut gehen könne, brauche nicht unbedingt zu funktionieren, wenn ein Patient alleine und auf sich gestellt sei. «Denn diese Methoden sind nicht eingebettet in unsere heutige Kultur.» Es brauche das Nach-innen-Hören, sagt Hell. «Die auf Achtsamkeit basierenden Methoden sind keine schnellen Therapien und nicht für akute Krankheitsphasen geeignet. Sie wirken vielmehr ergänzend zu den psychodynamischen Gesprächs- und Verhaltenstherapien und zur medikamentösen Behandlung.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2012, 17:52 Uhr

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