Die Sohle, die den Gang verbessert

Ein neuartiger Therapieschuh soll die zivilisationsgeschädigten Menschen lehren, wieder aufrecht zu gehen. Die Idee stammt von zwei Schweizern.

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Die ersten Gehversuche sind ernüchternd. Wer den neuen Trainings- und Therapieschuh ausprobiert, fühlt sich zwar auf Anhieb wohl: Die Zehen können sich frei bewegen, das Oberleder ist geschmeidig, keine Druckstellen. Aber beim Gehen hat der Neuling bei fast jedem zweiten Schritt das Gefühl, er trete auf eine leichte Erhebung. «Das ist völlig normal», beruhigt Tobias Schumacher. «Man muss sich zuerst an den Schuh gewöhnen.» Tobias Schumacher (44), Biomechaniker und ehemaliger Leistungssportler aus Thunstetten, hat mit dem Grenchner Physiotherapeuten Jan Swager van Dok (52) den Schuh entwickelt. Der heisst «X10D» (englisch ausgesprochen «extend», was in etwa «sich aufrichten» bedeutet). Der Name ist Programm: Der neue Gesundheitsschuh zeigt laut seinen Erfindern dem Träger auf, wie er wieder zu einem aufrechten und natürlichen Gang zurückfindet. Dafür soll die grüne, erhöhte Linie an der Sohle sorgen, die den idealen Bewegungsablauf markiert. Stabilisations- und Führungselemente lassen den Träger sanft spüren, wenn er die Ideallinie verlässt und so gewissermassen vom Pfad der Tugend abkommt. Daher manchmal das für Anfänger irritierende Gefühl, als ob sie auf eine Erhebung oder einen Widerstand träten. «Mit diesem Schuh verlässt man die Komfortzone», erklärt Biomechaniker Schumacher. «Dafür lernt man wieder richtig gehen.»

Problemfüsse im Vormarsch

Er weiss, wovon er spricht. Neben seiner Tätigkeit als Schuhentwickler betreibt Schumacher auch noch ein Sportgeschäft. «Vier von fünf Kunden haben heute einen Knick-Senkfuss», sagt er. Als Ursache sieht Schumacher den heutigen Lebensstil: Die Bequemschuhe und die in den städtischen Gebieten meist flachen und geteerten Strassen lassen die Fussmuskeln verkümmern. Dadurch wird der Gang passiver und schlechter. Folge: Die Muskulatur bildet sich zurück, Rücken- und Gelenkbeschwerden nehmen zu. Hier setzt der neue Schuh an. Er soll dem Träger wieder das natürliche Laufmuster vermitteln. Das sei heute nicht mehr selbstverständlich, weiss Physiotherapeut und Mitentwickler Jan Swager van Dok. «Wir Menschen sind eigentlich dafür gemacht, dass wir täglich zwanzig Kilometer gehen – heute sind es noch gerade mal ein paar Hundert Meter.» Und selbst bei dieser minimalen Belastung hätten viele Menschen Beschwerden, «weil sie schlicht verlernt haben, körpergerecht zu gehen».

Weniger Beschwerden

Dass die beiden Tüftler mit ihrem neuen Trainings- und Therapieschuh nicht ganz falschliegen, belegen zwei Studien, die demnächst publiziert werden: Die Fachhochschule Bern konnte nachweisen, dass sich nach acht Wochen bei 16 Versuchspersonen das Laufmuster verbessert und dem natürlichen Barfusslaufen angeglichen hat. Gleichzeitig hat sich auch die Druckverteilung von innen nach aussen verlagert. Noch konkreter das Ergebnis einer Arbeit an der Universität Osnabrück (De): Dort fanden Physiotherapiestudierende heraus, dass sich bei 15 Testpersonen mit Knieproblemen nach einem Monat die Beschwerden signifikant verringert haben.

Auch der langjährige Bieler Physiotherapeut Christoph Engel, heute noch in der Berufsbildung und der Beratung tätig, ist überzeugt vom neuen Schuh. Die Sohle sei so konstruiert, dass die ideale Abrolllinie den grössten Bodenkontakt habe, sagt er nach einem Selbstversuch. «Der Schuh kann vorbeugend, aber auch therapeutisch genutzt werden.» Schuhentwickler Tobias Schumacher warnt allerdings davor, den Schuh ständig zu tragen. «Mit unserem Schuh lässt sich das richtige Gehen trainieren – anwenden soll man es dann aber vor allem mit den normalen Alltagsschuhen.» Stefan Aerni Der neue Trainings- und Therapieschuh X10D ist im Schweizer Fachhandel erhältlich, in Bern im Orthopädie Center Orteo AG (Preis: 280 Franken). (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.06.2014, 12:05 Uhr

Ganghilfe: Die grüne Linie markiert den idealen Bewegungsablauf.

Haben den neuen Therapieschuh entwickelt: Physiotherapeut Jan Swager van Dok (links) und Biomechaniker Tobias Schumacher (rechts).

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