Der Nachfolger von Remo Largo

Der Pädiater und Entwicklungsspezialist Oskar Jenni findet es gut, wenn jedes Kind anders ist. Eltern rät er zu Gelassenheit.

Oskar Jenni: «Je mehr Vielfalt, desto besser für die Gesellschaft.» Foto: Reto Oeschger

Oskar Jenni: «Je mehr Vielfalt, desto besser für die Gesellschaft.» Foto: Reto Oeschger

Barbara Reye@tagesanzeiger

Eigentlich war Oskar Jenni die Intensivstation des Kinderspitals Zürich sehr vertraut. Schliesslich arbeitete er auf der Abteilung bereits seit einiger Zeit als Pädiater. Er brachte sein medizinisches Wissen und Können dort ein, um die oft noch sehr kleinen Patienten zu unterstützen, wieder gesund zu werden. Er kannte aber auch die Grenzen der Medizin, wenn keine Hightech-Geräte oder Medikamente mehr halfen und ein Kind starb.

Doch dann stand er selbst auf der anderen «Seite» und erlebte all die Ängste, die besorgte Eltern durchmachen müssen. «Wir weinten und beteten. Und fragten uns, wann wir das überhaupt zuletzt getan hatten», erinnert sich Jenni. Denn sein erster Sohn, der 1999 auf die Welt kam, musste unmittelbar nach der Geburt genau auf die ihm so vertraute Station verlegt werden. Der Körper war blau und die Muskulatur schlaff, da er unter einem Atemnotsyndrom litt. Der herbeigerufene Arzt begann sofort mit Wiederbelebungsmassnahmen und intubierte den kleinen Patienten notfallmässig. Seine Frau, Gynäkologin von Beruf, fragte, ob das Kind überhaupt lebe, da sie keinen Schrei gehört habe.

«Die Geburt unseres ersten Kindes war ein unbeschreiblich dramatischer Moment», erzählt er bei unserem Treffen im Kinderspital Zürich. Sein Sohn lag damals in einem Säuglingsinkubator mit Beatmungsgerät, umgeben von Infusionspumpen, Kathetern und Messinstrumenten. Zum Glück brauchte er nach einigen Tagen keine künstliche Beatmung mehr, und die völlig erschöpften Eltern konnten ihn dann zum ersten Mal in die Arme nehmen.

Zwischen Leben und Tod

Dieses unerträgliche Bangen zwischen Leben und Tod, zwischen Maschinen, Schläuchen und Kabeln beschrieb Jenni vor ein paar Jahren sehr eindrücklich in einem Essay in der Medizinzeitschrift «The Lancet». Der Schock des völlig unvorhergesehenen Rollentauschs und Perspektivenwechsels führte damals dazu, dass er der Intensivmedizin den Rücken kehrte. Zuerst forschte er über das Schlafverhalten, später über die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von gesunden und kranken Kindern. Seit 2005 leitet Jenni die Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Er trat die Nachfolge von Remo Largo an, dessen bekannten Bücher, darunter «Babyjahre», zur Pflichtlektüre für viele Eltern wurden.

Auch Jenni trägt wie sein Vorgänger das Wissen zur kindlichen Entwicklung zusammen und schreibt derzeit an einem Buch, das 2020 für ein breites Fachpublikum erscheinen wird. Bei unserem Gespräch in einer alten Villa des Spitals sitzt er in einem typischen Untersuchungszimmer der entwicklungspädiatrischen Poliklinik neben einer knallgrünen Wand mit weissen, aufgeklebten Schmetterlingen, einer roten Spielzeugkiste sowie gegenüber von Babar, dem beliebten König der Elefanten, der gerade mutterseelenallein auf einer Untersuchungsliege hockt. Von draussen ist das Gebrabbel eines Kleinkindes zu hören.

Neben seiner Arbeit am Kinderspital hat Oskar Jenni kürzlich auch die von einer Stiftung finanzierte «Akademie für das Kind» an der Zürcher Falkenstrasse gegründet. Mit Vorträgen für ein breites Publikum, Kursen für Fachpersonen und einem Denkzirkel will er die gesellschaftliche Akzeptanz der Verschiedenartigkeit von Kindern erhöhen. Ganz nach dem Motto: «Jedes Kind ist anders», sagt Jenni, der selbst Vater von vier Buben im Alter von 19, 16, 15 und 11 ist. Der älteste mit dem schwierigen Start hätte sich inzwischen erfreulich entwickelt und rudere erfolgreich beim Seeclub Zürich. Der zweite will einmal Medizin studieren, der dritte sei der lebendigste, der viel Aufmerksamkeit erfordere, und der vierte eine besonders starke Persönlichkeit, eine Mischung aus den älteren Geschwistern.

Die Abteilung Entwicklungs­pädiatrie des Kinderspitals Zürich klärt jährlich 1500 Kinder und Teenager ab. Foto: Getty Images

Je mehr Vielfalt, desto besser für die Gesellschaft, findet Oskar Jenni. Wir brauchten Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die grosse Variabilität sei aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll und sichere unser langfristiges Überleben. Doch er wisse, dass die Heterogenität von Kindern für Eltern und Lehrpersonen eine enorme Heraus­forderung sei. Viel Kreativität und Flexibilität seien dabei gefragt. Mit Sorge beobachtet er allerdings, dass unsere Gesellschaft immer höhere Erwartungen an die Kinder hat und diese immer weniger Zeit zur persönlichen Entfaltung haben.

Mit Spielbeobachtungen, Motoriktests, Intelligenzprüfungen oder Verhaltensanalysen werden an der Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals jedes Jahr 1500 Kinder und Jugendliche abgeklärt. In der Schweiz haben etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder eine Entwicklungsstörung wie Autismus oder ADHS, die besondere Fördermassnahmen erfordern. Heute werde aber bereits bei leichten Entwicklungsauffälligkeiten rasch eine Therapie verordnet, und Schule und Eltern bemühten sich verzweifelt um Chancengerechtigkeit für alle. «Ein Ausgleich der Heterogenität zwischen Kindern ist aber unmöglich», sagt Jenni. Deshalb ist es wichtig, dass es vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen Bedürfnisse gibt. Und dass Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung lernen, wie sie mit eigener Kraft etwas bewirken und zum Positiven hin ändern können.

Mehr Gelassenheit

Ob ein Kind letztlich erfolgreich ist, hängt jedoch von ganz vielen Faktoren ab. Zum einen von den Eigenschaften, die das Kind selbst mitbringt, und zum anderen vom Umfeld, das wir bereitstellen, sowie von den jeweiligen Vorbildern. Allerdings lässt sich die Entwicklung eines Kindes nicht gezielt beeinflussen oder womöglich auch noch nach Wunsch steuern. So fanden auch Jenni und sein Team, dass etwa das Bewegungsverhalten oder auch die geistige Entwicklung hauptsächlich vom Kind selber, von seinem Alter, seinen biologischen und psychischen Eigenschaften kommt.

Eltern sollen darum mehr Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Kindes haben, Geborgenheit und Sicherheit vermitteln, aber auch einen Rahmen und Struktur geben. «Es gilt zu spüren, was ein Kind bewältigen kann und in welchen Si­tuationen es überfordert ist und die entsprechende Unterstützung sowie Führung benötigt», sagt Jenni. Dazu brauche es eine gehörige Portion Gelassenheit, damit man seine eigenen Ansprüche nicht einfach auf das Kind übertrage.

Dass Kinder einen jedoch immer wieder von neuem herausfordern, kennt er selbst nur zu gut. So erinnert er sich daran, wie etwa sein ältester Sohn als Baby mehrere Wochen tagsüber und nachts wie am Spiess schrie. Es sei zum Verzweifeln gewesen, sagt Jenni. Dies habe ihn aber darin bestärkt, dem Verhalten und Wesen von Kindern wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Das Erlebnis bei der Geburt seines ersten Sohnes habe ihn zudem gelehrt, wie verletzlich nicht nur Kinder sein können, sondern auch ihre Eltern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt