Der Immun-Trickser

Die Stammzelltransplantation weckt bei Multiple-Sklerose-Patienten Hoffnungen. Weltweit wird sie durchgeführt. Roland Martin möchte die Therapie auch in der Schweiz einführen.

«Seit 2011 ist weltweit kein einziger Todesfall bekannt», sagt Roland Martin. Foto: Reto Oeschger

«Seit 2011 ist weltweit kein einziger Todesfall bekannt», sagt Roland Martin. Foto: Reto Oeschger

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Ein bisschen mehr Feierlaune hätte man schon erwartet. Seit über 15 Jahren forscht Roland Martin bereits an der Stammzellbehandlung bei Multipler Sklerose (MS). Zu Beginn führte er die Therapie gemeinsam mit Transplantationsexperten erstmals bei eigenen Patienten durch. Mehr als ein Dutzend weitere sind seither gefolgt. Doch obwohl die Stammzelltransplantation weltweit bei über 2000 MS-Patienten angewendet wurde: In der Schweiz sind die Hürden bis heute zu hoch, letztlich wegen der Finanzierung.

Doch das könnte sich jetzt ändern. Die Zulassung der Stammzelltherapie von MS-Patienten ist auch in der Schweiz plötzlich in greifbare Nähe ­gerückt. Medienberichte, unter anderem im ­«Tages-Anzeiger» und im Schweizer Fernsehen, über Patienten, die auf eigene Kosten nach Russland reisen, um sich dort einer Stammzelltransplantation zu unterziehen, zeigen Wirkung. «Das hat viel Staub aufgewirbelt», sagt Martin. Seither melden sich zahlreiche Patienten, die an einer entsprechenden Studie teilnehmen wollen. Diese würde am Universitätsspital Zürich in enger Zusammenarbeit mit Urs Schanz von der Klinik für Hämatologie durchgeführt werden. Roland Martin hofft nun, dass das Bundesamt für Gesundheit die MS-Stammzelltherapie in absehbarer Zeit in den Leistungs­katalog der Krankenkassen aufnimmt. «Das wäre ein grosser Schritt», so Martin. Doch es hat schon seinen Grund, wenn jetzt noch kein Champagner aufgetischt wird, denn noch ist nichts entschieden.

Roland Martin sitzt auf einem schmalen Drehstuhl im vollgestellten Labor seiner Forschungsgruppe, im Stock H des Forschungsgebäudes am Universitätsspital Zürich (USZ). Labortische, Zentrifugen, abgeschirmte Arbeitsplätze zum sterilen Arbeiten, Truhen mit Biogefährdungszeichen – es hat kaum Platz, sich zu bewegen. Und es ist düster. Gebäude und Einrichtung sind in die Jahre gekommen, und man bekommt den Eindruck, dass Laborforschung nicht zu den Prioritäten des USZ gehört. Nichtsdestoweniger: Die MS-Forschung, die hier gemacht wird, gehört zur Weltspitze.

Radikaler Reset

Multiple Sklerose ist eine heimtückische Auto­immunkrankheit, bei der das Immunsystem körpereigene Zellen in Gehirn und Rückenmark ­angreift. Mit der Transplantation körpereigener Blutstammzellen gelingt es aber in vielen Fällen, die selbstzerstörerische Reaktion zu stoppen. Die Ärzte entnehmen dabei den Patienten die Stammzellen aus dem Blut und zerstören danach deren Immunsystem mithilfe von Medikamenten. Anschliessend werden die eigenen Stammzellen ­wieder zugeführt, damit der Körper daraus ein neues Immunsystem aufbauen kann. In den allermeisten Fällen richtet sich dieses dann nicht mehr gegen die eigenen Nervenstrukturen.

Dieser radikale Reset der Immunabwehr ist nicht ohne Risiken. Doch die anfänglich hohe Todesfallrate von rund sieben Prozent in den 90er-Jahren sank enorm. «Seit 2011 gab es weltweit keinen Todesfall unter den registrierten Patienten», sagt Martin. Trotzdem schränkt er ein: «Die Therapie eignet sich nur für Patienten mit aggressiver MS, die nicht auf herkömmliche Therapien ansprechen.» Schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Betroffenen kämen heute dafür infrage, künftig vermutlich auch mehr.

Martin findet es bei der MS-Stammzelltherapie angemessen, von «Heilung» zu sprechen. Dennoch zögert er: «Viele meiner Kollegen haben in dem Zusammenhang etwas gegen das Wort.» Tatsächlich ist der Neurologe unter den MS-Spezialisten in der Schweiz allein auf weiter Flur. Die meisten Kollegen geben sich trotz guter Resultate zurückhaltend. Das überrascht, denn Martin ist wahrlich kein Revoluzzer, sondern nüchterner Wissenschaftler. «Die Neurologie war immer schon ein konservatives Fach, obwohl sich dies in jüngerer Zeit ändert», sagt er. Manchmal würden die Ärzte die Studienlage schlechter kennen als die MS-Patienten. «Es existieren bis jetzt zwar nur relativ kleine wissenschaftliche Untersuchungen, doch alle kommen zum Ergebnis, dass die Therapie funktioniert und sicher ist», sagt Martin. Zudem wird die Methode auch bei anderen Erkrankungen, wie zum Beispiel beim Multiplen Myelom, schon lange als Standardbehandlung angewendet.

Dass die Entwicklung neuer Therapien Zeit braucht, weiss der 59-jährige Neurologe aus eigener Erfahrung. Nach seinem Medizinstudium im süddeutschen Würzburg beschäftigte er sich ab den 80er-Jahren schon bald überwiegend mit MS, als Arzt, vor allem aber auch als Forscher. 1991 wechselte er zu den renommierten National Institutes of Health (NIH). An deren Hauptsitz in Bethesda nahe der US-Hauptstadt Washington betrieb er 15 Jahre lang MS-Forschung. Die NIH haben ein Jahres­budget von 32 Milliarden Dollar, mit dem sie biomedizinische Forschung fördern. Ein Zehntel davon geht an die rund 6000 Forscher in eigenen Labors. «Im Bereich translationale Forschung in der Biomedizin sind die NIH weltweit einmalig», sagt Martin. Sie hätten ihn damals auch an den renommierten Hochschulen in Harvard, im kalifornischen Stanford und am Scripps Research Institute genommen. Doch an den NIH fand er das Forschungsumfeld am besten. «Es war wissenschaftlich eine tolle Zeit.»

«Spannende Umbruchphase»

In Bethesda lernte Martin auch seine zweite Frau kennen, die heute als Biologin das MS-Forschungslaboratorium am USZ leitet und zurzeit ihre Habilitation vorbereitet. Mit ihr hat er ein zehnjähriges Kind, vier weitere Kinder stammen aus erster Ehe und sind inzwischen erwachsen. Seine neue Partnerin war auch der Grund für Martins Rückkehr 2005 nach Europa. Anfangs nach Barcelona, wo seine Ehefrau ursprünglich herkommt. Weil die Forschungsumgebung nicht passte, wechselte er nach Hamburg und schliesslich 2011 nach Zürich. Hier ist er leitender Arzt an der Klinik für Neuro­logie, Professor und Co-Direktor des klinischen Forschungsschwerpunkts Multiple Sklerose. In der offenen, internationalen Atmosphäre von Zürich fühle er sich wohl, sagt er.

Auch wissenschaftlich geht es voran. Denn die Stammzelltherapie ist nicht der einzige Ansatz, den er verfolgt. Schon länger arbeiten er und seine Mitarbeiter an einer Behandlung, die nicht das gesamte Immunsystem neu ordnet, sondern nur auf die fehlgeleitete Abwehrreaktion gegen sich selbst zielt. Das Immunsystem soll dabei lernen, dass die attackierten Nervenstrukturen zum eigenen Körper gehören und deshalb in Ruhe gelassen werden müssen. Die Therapie wäre weniger radikal als eine Stammzellbehandlung und besonders für Frühstadien der MS geeignet. Nach ersten Tests mit Patienten ist nun eine weitere klinische Studie in Planung. «Wir befinden uns bei der Therapie von MS in einer spannenden Umbruchphase», sagt Martin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:14 Uhr

MS greift auch Gehirnzellen an. Foto: Getty Images

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