Der Grippe-Detektiv

Jedes Jahr sterben in der Schweiz 10 bis 20 Personen an Grippe, die sich im Spital durch Besucher oder das Personal infiziert haben. Andreas Widmer tut alles, um dies zu verhindern.

Andreas Widmer: «Die Grippepatientin bekam eine künstliche Lunge und Niere.» Foto: Raisa Durandi

Andreas Widmer: «Die Grippepatientin bekam eine künstliche Lunge und Niere.» Foto: Raisa Durandi

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Der Übeltäter heisst Yamagata. Dieser Influenza­erreger vom Typ B ist derzeit dafür verantwortlich, dass viele auch trotz einer Grippeimpfung mit Fieber, Kopfweh und Gliederschmerzen im Bett liegen. «Yamagata ist momentan ganz klar am häufigsten», sagt Andreas Widmer vom Universitätsspital Basel und holt in seinem Büro eine lange Patientenliste mit Analysen der Virentypen hervor. Wer aber die etwas teurere Vierfachimpfung erhalten habe, wie am Unispital Basel, sei gut geschützt und müsse sich keine grossen Sorgen machen. Denn im Gegensatz zum Impfstoffcocktail mit nur drei Kandidaten sei Yamagata dort mit drin.

Influenzaviren sind eine grosse, sich ständig verändernde Erregergruppe. Welche bei uns im Winter hauptsächlich zirkulieren, ändert sich von Jahr zu Jahr. Weltweit beobachten deshalb Experten in nationalen Grippezentren die jeweils gerade im Umlauf befindlichen Viren, die unter anderem auch nach ihrem Entdeckungsort – etwa Yamagata in Japan – benannt werden. So kann die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Herstellern von Impfstoffen häufig rechtzeitig sagen, welche Viren in der nächsten Saison gefährlich sein könnten. Der Haken dabei sei, erklärt Widmer, dass sie dies im Februar schon wieder entscheiden müsse. Denn die herkömmliche Impfstoffproduktion mit Hühnereiern, in denen sich die Viren dann vermehren, braucht sechs Monate Vorlauf. Viel effizienter wäre es dagegen, wenn alle Firmen in Zukunft auf Zellkulturen umstellen würden. Denn dann liessen sich die Impfstoffe viel zeitnäher an der bevorstehenden Grippeepidemie in nur drei Monaten fabrizieren, und so die Treffsicherheit erhöhen.

In Sachen Impfstoffen redet der 61-jährige Mediziner Tacheles. Seine Devise: Je mehr, desto besser. Dies betreffe nicht nur die Anzahl der geimpften Personen, sondern auch diejenige der verwendeten Virustypen im Impfstoff. «Letzteres ist ähnlich wie beim Lotto», fügt er hinzu. Wenn ich vier anstatt drei Zahlen setze, sei die Wahrscheinlichkeit, zu gewinnen, höher. Dennoch seien die Prognosen der WHO oft richtig, wenn auch nicht immer optimal.

Multiples Organversagen

Der stellvertretende Chefarzt der Abteilung Infektiologie und Leiter Spitalhygiene weiss aus seinem Klinikalltag, dass eine Grippe nicht immer harmlos verläuft. Derzeit liegt eine junge Mutter auf der Intensivstation, bei der die Influenzainfektion letztlich zu einer bakteriellen Pneumokokken-Blutvergiftung führte. Die 30-jährige Patientin muss jetzt künstlich beatmet und mit einer künstlichen Niere und künstlichen Lunge behandelt werden. Sie hatte sich mit einem Grippevirus vom Typ A angesteckt, der dafür bekannt ist, oft sehr aggressiv zu sein.

«Um Grippepatienten und vor allem auch den Erreger sofort zu identifizieren, haben wir seit ein paar Jahren ein geniales Analysegerät», sagt Widmer. Es sei einfach zu bedienen und liefere innerhalb einer Stunde rund um die Uhr ein zuverlässiges Ergebnis. Dadurch sei es möglich, Patienten mit einem besonders riskanten Erreger sofort in ein Isolationszimmer zu bringen und andere ­Spitalpatienten vor einer Ansteckung zu schützen. Denn in der Schweiz gibt es laut Schätzungen jedes Jahr 10 bis 20 Grippetote, die sich das Virus irgendwie während ihres Aufenthalts im Spital durch Besucher oder das Personal eingefangen haben. «Daher hat der Schutz des hospitalisierten Patienten höchste Priorität», sagt der Mediziner.

Widmer zieht sich nun seinen weissen Ärztekittel über, in dessen rechten Tasche ein Stethoskop steckt, geht schnellen Schrittes den Gang entlang zum Lift, vorbei an Patienten, Besuchern, Pflegenden und Ärzten, die auffällig oft eine Mundschutzmaske tragen. Auf einem anderen Stockwerk zeigt er ein leer stehendes Isolationszimmer, das eine riesige Fensterfront hat – mit Blick auf den Rhein, das Basler Münster und den 187 Meter hohen ­Roche-Turm. Widmer ist erstaunt, dass das Zimmer noch frei ist. Denn in der Grippezeit ist meist alles belegt, wenn nicht sogar überbelegt. Im letzten Winter hatten sie zum Teil 62 zusätzliche Patienten, dieses Mal zur gleichen Zeit nur halb so viele.

Würde ein Ebolapatient auch hier behandelt werden? «Nein, auf keinen Fall», sagt Widmer. Dafür brauche es die allerhöchste Sicherheitsstufe. Das Ebolavirus, das 2014 und 2015 in Westafrika wütete und an dem mehr als 10'000 Menschen starben, sei viel zu gefährlich gewesen. Deshalb bauten sie in Basel damals sogar ein Spital in einem Spital, eine völlig von der Umgebung abgeschottete Isolationsstation.

Der Aufwand für die Vorbereitung zur Aufnahme eines möglichen Patienten war enorm. «Wir mussten neun Monate jede Woche zwei Stunden für den Ernstfall trainieren, um uns an das Arbeiten in dem aufgeplusterten Ganzkörperschutzanzug mit gesicherter Atemluftzufuhr zu gewöhnen und die Abläufe zu automatisieren», erzählt er. Für das Belüftungssystem, das Abwasser aus Waschbecken, Duschen und Toiletten sowie die Müllentsorgung gab es ebenfalls besondere Vorschriften. Und für die Desinfektion der Anzüge kauften sie sogar extra eine Pferdewaschanlage, damit sich das kontaminierte Material gefahrloser aus der Ferne abspritzen lässt. Jetzt ist alles abgebaut und im Keller verstaut. Der Fall in Genf zeigte damals, dass es für die Behandlung eines einzigen Ebolakranken jeden Tag 30 bis 35 Menschen mehr an Personal braucht.

Zu hohe Spitaldichte

Widmer setzt sich jetzt auf einen Sessel am Fenster des gewöhnlichen «Grippe»-Isolationszimmers, schaut auf die Lichter des sich eindunkelnden Basel und vergleicht das Schweizer mit dem amerikanischen Gesundheitssystem. «Bei uns gibt es rund alle 15 Kilometer ein Spital», sagt er und zählt auf. Basel, Liestal, Olten, Zofingen, Sursee, Luzern, Stans, Altdorf, Biasca, Bellinzona, Lugano, Locarno. Insgesamt gibt es hierzulande 283 Spitäler. In den USA hat es dagegen zum Beispiel im Bundesstaat Iowa nur zwei Spitäler, aber für zwei Millionen Menschen. Ein Freund von ihm arbeitet an der renommierten Mayo Clinic in Rochester, dort ist allein der Flughafen des Spitals so gross wie die Stadt Basel. Letztes Jahr hat man dort 1,3 Millionen Patienten gesehen und 130'000 hospitalisiert.

Und was ist besser? Beides habe Vor- und Nachteile, antwortet Widmer, der früher drei Jahre in dem grossen Universitätsspital in Iowa City arbeitete. Aufgrund der Grösse des Bundesstaats musste dort eine Schwangere, wenn sie «in the middle of nowhere» wohnte, zwei Monate vor der Geburt in die Nähe des Zentrumspitals ziehen. Dies könne auch nicht die Lösung sein. «Doch der Kantönligeist hierzulande ist das andere Extrem, was insbesondere in Zeiten des Sparens nur noch schwer zu rechtfertigen ist», sagt Widmer. Wenn jeder ein Spital vor der Haustür haben wolle, leide dadurch die Qualität in der Medizin, oder sie müsse sehr teuer erkauft werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2018, 23:34 Uhr

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