Worauf es am Ende ankommt

Bei der Palliative Care drehe sich keineswegs alles nur ums Sterben, sagt Steffen Eychmüller. Sondern darum, was den Patienten in ihrer verbleibenden Lebenszeit am besten tut.

Mit dem eigenen Ende konfrontiert zu werden, sei eine Reifeprüfung, sagt Steffen Eychmüller. Foto: Adrian Moser

Mit dem eigenen Ende konfrontiert zu werden, sei eine Reifeprüfung, sagt Steffen Eychmüller. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist sehr ruhig an diesem Nachmittag im Palliativzentrum am Inselspital Bern. Nach dem ohren­betäubenden Lärm der riesigen Baugrube, die man auf dem Insel-Campus passiert hat, fällt die feierliche Stille im zweiten Stock des Swan-Hauses umso mehr auf. Am Empfang steht ein überdimensioniertes Blumenbouquet mit Rosen, die schon etwas verwelkt sind. Der Stuhl hinter der Glasscheibe ist im Moment verwaist. Man ist versucht zu flüstern.

Die Stimmung ändert sich, als kurz nach 16 Uhr Steffen Eychmüller die Treppe hochstrebt, in seinem Schlepptau mehrere junge Personen, die zum Palliative-Care-Team gehören. Assistenzärzte? Pflegefachpersonen? Therapeutinnen? Psychologen? Es ist schwer zu sagen, denn im Palliativzentrum wird interprofessionell gearbeitet. Doch wer die Chefrolle innehat, ist nicht zu übersehen: Steffen Eychmüller, gross gewachsen und sportlich, um den Mund einen entschlossenen Zug, strahlt eine natürliche Autorität aus. «Machen wir rasch das Bild, dann können wir reden», eröffnet er unser Treffen. Sogar die Rosen scheinen ihre Köpfe ein wenig zu recken.

Steffen Eychmüller (53) ist seit Februar 2016 Stiftungsprofessor für Palliative Care an der Universität Bern. In der Deutschschweiz ist es die einzige Uni-Professur in diesem Fach; es gibt noch ein Westschweizer Pendant an der Uni Lausanne. «Palliative Care wurde lange Zeit stiefmütterlich behandelt», sagt Eychmüller, «doch heute ist das Interesse gross.» Die Studierenden hätten beispielsweise keine Scheu, sich mit Fragen der Endlichkeit zu beschäftigen.

Definitionsgemäss umfasst Palliative Care den Umgang mit einer fortschreitenden, unheilbaren Krankheit und die Auseinandersetzung mit dem Lebensende. Doch ums Sterben allein geht es dabei nicht, wie Steffen Eychmüller betont: «Zwei Drittel unserer Patientinnen und Patienten gehen von der Station wieder nach Hause.» Im Palliativzentrum versuche man, mit dem Patienten, der Patientin und den Angehörigen einen Weg zu finden, um aus schwierigen Situationen das Beste zu machen. «Dieser Weg konzentriert sich auf die verbleibende Lebenszeit – und man plant, so gut es geht, die Sterbephase voraus.»

Ein durchaus lebensorientiertes Fach

Wenn ein Patient neu auf die Abteilung komme, werde erst einmal geredet, und zwar über Erwartungen – was ja sonst in der Medizin eher selten geschehe. «Das Einfachste, um sich der Einzigartigkeit eines Menschen zu nähern, ist, sich hinzusetzen und zuzuhören», sagt Steffen Eychmüller. «Man muss nicht immer gleich etwas tun.» Viele Patienten hätten von Palliative Care ein einseitiges Bild, sie würden sie ausschliesslich mit Endzeit, Defiziten und einer tötelnden Atmosphäre verbinden. Und seien dann überrascht, wie lebensorientiert dieses Fach im Grunde sei.

«Zuletzt zählen nur die Liebsten, bei denen man sich aufgehoben fühlt.»

Im Gespräch greift Steffen Eychmüller gern auf Metaphern zurück. Eine ist das «Sherlock-Holmes-Vorgehen». Damit meint der aus Ulm stammende Mediziner das Suchen nach Ressourcen aus verschiedenen Perspektiven in einer Situation, die auf den ersten Blick vielleicht ausweglos ist. «Ich erlebe Menschen, bei denen auf der Zell- und Organebene viel havariert ist, die Defizitlisten sind zum Teil seitenlang. In solchen Situationen versuchen wir, mit ihnen herauszufinden: Was gibt ihnen Kraft, was macht Freude? Das können Beziehungen sein, aber auch Musik, Natur oder Spiritualität. Irgendetwas, bei dem der Körper nicht im Zentrum steht. Das meinen wir mit Ressourcen.»

Auch in der Schmerzbehandlung kann das «Sherlock-Holmes-Vorgehen» eine Rolle spielen. Schmerzen zu behandeln oder zumindest zu lindern, ist einer der Hauptpfeiler von Palliative Care, und der Einsatz von Medikamenten ist sehr wichtig – aber nicht das Allein-selig-Machende, wie Eychmüller sagt. Es komme durchaus vor, dass sich eine Person bei einer Schmerzattacke am besten entspanne, wenn sie zum Beispiel ihr Büsi auf den Bauch gelegt bekomme.

«Die Reifeprüfung» ist eine weitere Metapher, die Eychmüller gern verwendet. Mit dem eigenen Ende konfrontiert zu werden, sei eine Reifeprüfung, für das Selbst ebenso wie gesellschaftlich. Und eine Gesellschaft, die konstruktiv mit dem Sterben umgehe, habe einen hohen Reifegrad erreicht. Und dann eben: «to complete the symphony» – die Sinfonie vollenden.

Diese Redewendung habe er oft von seiner Lehrerin in Sydney gehört. Steffen Eychmüller gelangte ursprünglich von der Notfallmedizin und seinem ­Interesse für Psychosomatik – übers «Tun», wie er selbst sagt – zur Palliative Care. Schliesslich ging er nach Australien, um das Fach zu vertiefen. Es waren für ihn prägende Jahre: «In Sydney und Perth habe ich erfahren, wie die pragmatische Vorgehensweise von Palliative Care weitgehend normal ist und gelebt wird», erzählt er. «Das hat mich fasziniert und in meiner Überzeugung bestärkt, wie reich ein medizinisches Konzept ist, das Spitzenmedizin und Wissenschaftlichkeit ebenso wie die Ebenen des Psychosozialen und der Spiritualität integriert.»

Ein vierter Begriff ist der «gesunde Menschenverstand». Palliative Care sei im Grunde nichts anderes als die Wiedereinführung des gesunden Menschenverstandes in die Medizin, sagt er. Fehlt dieser denn im Spitalalltag? «Mediziner sind sich gewohnt, ihren Patienten laufend etwas anzubieten. Das Gespräch dreht sich ausschliesslich um die Diagnose. Aber die wichtigste Frage – ‹Was haben Sie sich selbst überlegt, was ist Ihr Ziel?› – wird oft gar nicht gestellt. Dabei sind viele Patienten diesbezüglich sehr kompetent.»

Wenn die Sinfonie verklingt

Manchen Patienten sei es wichtig, bis zum Schluss nach jedem Strohhalm zu greifen. Oder zackig und selbstbestimmt von der Lebensbühne abzutreten. Das Ziel könne aber auch heissen, sich achtsam Ausstiegsmöglichkeiten zu überlegen – lebensverlängernde Massnahmen nicht um jeden Preis und nicht bis zuletzt zu beanspruchen, sondern besonnen den Punkt ins Auge zu fassen, an dem die Sinfonie verklingt.

Am meisten leide er, sagt Steffen Eychmüller, wenn er merke, dass jemand am Lebensende ganz allein sei. Das Palliativzentrum könne fehlende Bindungen nicht wettmachen. Wer sich jedoch sein Leben lang für gute Beziehungen interessiert habe, könne beim Schlussakkord die Ernte einfahren. «Zuletzt zählen nur noch die Liebsten, bei denen man sich aufgehoben und angenommen fühlt», sagt Eychmüller. Vor unserem Treffen sei er auf der Herz-Abteilung gewesen, bei einem Patienten, der trotz grossem Lebenswillen und einer sehr unterstützenden Familie für sich zum Schluss gekommen sei, dass er es nicht mehr schaffe. «Er hat für jedes Familienmitglied eine Rose besorgen lassen», erzählt Eychmüller. «Ist das nicht wunderbar?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 18:23 Uhr

Artikel zum Thema

Das verheerende Ärzte-Domino

Warum soll ein Doktor in Sierra Leone Ebola-Patienten behandeln, wenn er in London 20-mal mehr verdient? Die WHO stemmt sich gegen den fatalen Care-Drain. Und die Schweiz? Mehr...

Share if you Care

Die Suva macht auf die Unterstützung verunfallter Menschen aufmerksam Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gold für die Wohnung

Mamablog Ein Smartphone mit 10?

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Nichts für Gfrörlis: Ausserhalb der sibirischen Stadt Krasnoyarsk wurden Minus 17 Grad gemessen. (10. Dezember 2017)
(Bild: Ilya Naymushin) Mehr...