Hoffnung, Bestürzung und ein Rekord

Die Wissen-Redaktion hat Ereignisse in der Welt der Wissenschaft zusammengestellt, die in diesem Jahr Geschichten schrieben.

Der insektenfressende Neuntöter lebt in den selten gewordenen niedrigen Dornhecken. Er gehört zu jenen Vogelarten, deren Bestand stark abgenommen hat. Foto: Alamy

Der insektenfressende Neuntöter lebt in den selten gewordenen niedrigen Dornhecken. Er gehört zu jenen Vogelarten, deren Bestand stark abgenommen hat. Foto: Alamy

Wo bleibt das Gezwitscherauf dem Acker?

Der Neuntöter, die Dorngras­mücke, der Baumpieper oder das Braunkehlchen sind in der Schweiz nur noch selten anzutreffen, weil ihnen mehr und mehr die Nahrung fehlt. Seit 1990 ist der Bestand an insektenfressenden Vögeln im Kulturland um knapp zwei Drittel zurückgegangen. Schuld daran ist vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft. Denn sie zerstört nicht nur wichtige Biotope, sondern tötet durch den Einsatz von Pestiziden viele Insekten.

Wie der aktuelle Brutvogel­atlas berichtet, liesse sich jedoch mit einer extensiven Bewirtschaftung und mehr naturnahen Oasen neben den Feldern viel erreichen. So gibt es jenseits der Schweizer Grenze auf der deutschen Seite des Rheins pro Kilometerquadrat mehr Vogelarten und höhere Dichten als hierzulande, da es mehr Kleinstrukturen wie Gehölze, Hecken oder Obstbäume hat.

«Bei uns wird jeder auch noch so kleine Flecken Land irgendwie genutzt und krumme Bäume, feuchte Stellen und Krautsäume wegen des landwirtschaftlichen Perfektionismus sofort entfernt», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach. Die Bestandsaufnahme der Vögel in dem jeweiligen Habitat sei wie ein Börsenindex für die Natur. Sie sei eine Art Gradmesser für Umweltqualität. Wenn es den Vögeln in dem Lebensraum gut gehe, sei es dort auch für den Menschen gut. (bry)

Zwei genveränderte Babys sorgen für Aufregung

Ende November brüskierte ein bislang kaum bekannter chinesischer Forscher die globale Öffentlichkeit. In einem Video kündigte He Jiankui an, in Shenzhen seien zwei gesunde Mädchen auf die Welt gekommen, deren Erbgut er bei einer künstlichen Befruchtung mit der Genschere Crispr/CAS manipuliert habe. In den Embryonen habe er ein Eiweiss ausgeschaltet, das der Aids-Erreger HIV braucht, um Immunzellen zu infizieren, erklärte He.

He Jiankui will menschliches Erbgut verändert haben. Foto: Getty Images

In der Fachwelt stiess die Ankündigung auf grosses Unverständnis, ja Entsetzen. Es sei viel zu früh für solche Eingriffe, sagten Experten unisono, da die Technologie noch immer ein viel zu grosses Risiko für ungewollte Genveränderungen habe. Der Eingriff sei daher vor allem ethisch nicht zu vertreten, denn der potenzielle Schaden, den die Genchirurgie anrichten kann, ist viel höher zu gewichten als der angebliche Nutzen. Zumal es viel günstigere und risikoärmere Methoden gibt, sich vor einer HIV-Ansteckung zu schützen.

Was He getrieben hat, bleibt im Dunkeln. Angeblich haben ­einige Wissenschaftler von seinen Plänen gewusst – und ihm dringend abgeraten. An einer Podiumsdiskussion an der ETH Zürich outete sich kürzlich ein chinesischer Wissenschaftler als Bekannter von He. Er sagte, He sei an der Uni Shenzhen sehr geschätzt gewesen. Mittlerweile ist He allerdings suspendiert und ist untergetaucht. Und bislang hat er auch noch keinen Beweis geliefert, dass es die beiden Mädchen tatsächlich gibt. (nw)

Vier Millionen Franken für Gentherapie

Anfang November liess Novartis die Bombe platzen: Eine neuartige Gentherapie gegen eine erbliche Form von Muskelschwund soll bis zu vier Millionen Franken kosten, wenn sie voraussichtlich Mitte 2019 auf den Markt kommen wird. Die Therapie sei nicht teurer als vergleichbare Behandlungen seltener Krankheiten, so die Begründung von Novartis. (nw)

Schweizer Erfolge mit neuen Therapien für Gelähmte

Zuerst meldet im November Grégoire Courtine von der ETH Lausanne, dass es drei gelähmten Patienten gelang, dank elektrischer Stimulation und Physiotherapie kurze Strecken zu gehen. Wenige Wochen später bekommt der Zürcher Neurobiologe Martin Schwab grünes Licht für die bis jetzt grösste Studie mit Antikörpern, die bei Rückenmarksverletzungen eine Regeneration ermöglichen. (fes)

Insight-Mission landet erfolgreich auf dem Mars

Die Mission Insight der US-Weltraumbehörde Nasa brachte am 26. November Instrumente auf den Mars, mit denen das Innere des Planeten gründlicher als bisher erforscht werden soll. Mit dabei ist unter anderem ein Seismometer, dessen Elektronik die ETH Zürich entwickelt hat. Es ist das erste Seismometer, das direkt auf der Oberfläche eines Planeten platziert wurde. (jol)

Einheiten mithilfe von Naturkonstanten definieren

Am 16. November hat die Zunft der Metrologen physikalische Einheiten wie die Sekunde und das Kelvin auf das stabilste Fundament gestellt, das die Physik zu bieten hat: Sieben Natur­konstanten sollen künftig die sieben Basiseinheiten (SI-Einheiten) definieren. An die Stelle des Urkilogramms tritt zum Beispiel die Planck-Konstante, eine in der Quantenphysik wichtige Grösse. (jol)

Der weltbekannte Physiker Stephen Hawking stirbt

Er war selten um eine Antwort verlegen. Äusserte sich Stephen Hawking zu Zeitreisen, zu Gott oder zum Untergang der Menschheit, spitzte die Welt die Ohren. Als Genie im Rollstuhl, das dem Tod jahrzehntelang von der Schippe sprang, umwehte ihn eine Magie, wie sie kaum ein anderer Wissenschaftler innehatte. Am 14. März, im Alter von 76 Jahren, lief seine Lebenszeit ab. (jol)

Das Dogma vom ungesunden Salz gerät ins Wanken

Jahrelang wurde uns eingetrichtert: Mehr als 5 Gramm Salz pro Tag in der Nahrung erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden. Eine internationale Studie mit über 100000 Teilnehmern widerlegte nun diese Empfehlungen. Demnach ist selbst ein Salzkonsum von bis zu 12 Gramm pro Tag unbedenklich. Den Konsum einschränken sollten einzig Herzpatienten. (nw)

Trockenheit und ein alarmierender Klimabericht

Es war ein Sommer der Super­lative. In Europa, in der Schweiz. «Wärme und Regenarmut ohne Ende», bilanziert Meteo Schweiz. Braune Felder, frühzeitige Blattverfärbungen, monatelange Trockenheit. Kein Sommerhalbjahr war seit 1864 so warm wie dieses Jahr, vor allem in den Städten. Die durchschnittlichen Temperaturen von April bis September übertrafen den bisherigen Rekord von 2003. Und das war nicht einfach eine Laune der Natur. Die Statistik der ETH Zürich zeigt einen alarmierenden Trend: Das extreme Ereignis von 2003 wäre vor 30 Jahren alle 1000 Jahre erfolgt, heute ist bereits alle 50 bis 100 Jahre damit zu rechnen. Der mittlere Temperaturwert der Sommer zwischen 1864 und 1990 steht heute für einen kalten Sommer, der nur noch selten vorkommt.

Das war einmal ein Salat, dann kam der Sommer 2018. Foto: Urs Jaudas

Der Weltklimarat IPCC zeigt in einem neuen Klimabericht im Oktober, dass eine globale Erderwärmung um 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit in vielen Regionen ökologische Folgen haben wird. Es fehlt nur noch ein halbes Grad. Die klimaschädlichen CO2-Emissionen sollten laut Bericht in wenigen Jahren das Maximum erreichen. Noch steigen sie aber so stark, dass die Erde auf eine Erwärmung um 3 Grad zusteuert. Die Klimakonferenz in Katowice hat im Dezember die Regeln festgelegt, um das Pariser Abkommen umzusetzen. Der Vertrag soll die gefährliche Erderwärmung verhindern. Wie Ernst es den Staaten mit dem Klimaschutz ist, werden die nächsten Jahre zeigen. (lae)

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