Überzuckert

Alain Berset bremst die süsse Schweiz. Klar, wir sind ja auch eine Zuckerinsel.

Wird seit 2008 staatlich subventioniert: Die Herstellung von Zucker.

Wird seit 2008 staatlich subventioniert: Die Herstellung von Zucker. Bild: Keystone

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An der Expo in Mailand möchte sich die Schweiz kulinarisch im besten Licht präsentieren. Dafür haben sich die Verantwortlichen gar ein kreatives Wortspiel ausgedacht: Confooderatio Helvetica. Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln wird dabei propagiert.

Etwas passt allerdings nicht so recht ins Bild der kulinarisch fortschrittlichen Schweiz: Der hiesige Zuckerkonsum. Gemäss der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) belegt die Schweiz im Ländervergleich einen Spitzenplatz. Nur knapp hinter den USA, die – kaum überraschend – mit 166 Gramm Zucker pro Kopf und Tag den Rest der Welt unrühmlich in den Schatten stellt.

Kein Ende in Sicht: Der rasante Anstieg des weltweiten Zuckerkonsums. (Quelle: FAO)

In der Schweiz sind es mit 159 Gramm nur unmerklich weniger. Die Zahl fällt umso mehr ins Gewicht, weil der Zuckerkonsum in den Nachbarländern um einiges geringer ist: Deutsche und Österreicher verspeisen täglich 131 Gramm, während die Franzosen 103 und die Italiener gar nur 80 Gramm zu sich nehmen. Eindrücklich präsentiert sich auch der Blick zurück: Gemäss dem historischen Lexikon der Schweiz wuchs der durchschnittliche Jahresverbrauch pro Person wie folgt:

  • 1850: 3 kg
  • 1890: 16 kg
  • 1932: 32 kg
  • 1960: 44 kg
  • 2009: 40 kg

Der Bundesrat sagt nun der Schweiz als innereuropäische Zuckerinsel den Kampf an: In den nächsten vier Jahren sollen Schweizer Lebensmittelproduzenten den Gehalt an Süssstoff in Joghurts und Frühstücksflocken reduzieren. Darauf hat sich gestern Innenminister Alain Berset (SP) mit Vertretern der Nahrungsbranche auf der Expo in Mailand geeinigt. Feierlich wurde ein sogenanntes «Memorandum of Understanding» unterzeichnet – ein freiwilliges Aktionsversprechen.

Wollen es weniger süss: Alain Berset und Vertreter der Schweizer Nahrungsmittelbranche an der Expo in Mailand. (Foto: Keystone)

Alleine mit einem weniger süssen Zmorgemüesli ist dem Problem allerdings nicht beizukommen. Die Vertreter der Nahrungsmittelindustrie in die Pflicht zu nehmen, ist aber folgerichtig. In den meisten Fertigprodukten wird Zucker gerne als kostengünstiger Geschmacksverstärker eingesetzt. So gelangt der Süssstoff über Wege in unseren Körper, die nicht gerade offensichtlich sind. Das deutsche Magazin «Stern» liess vor vier Jahren Dutzende Lebensmittel auf ihren Zuckergehalt untersuchen. Das Resultat verblüfft: So stecken etwa in einer Flasche Ketchup 61 Würfelzucker oder in einer Tiefkühlpizza deren acht.

Salzige Zuckerbombe: Die Tiefkühlpizza. (Foto: Keystone)

Zucker in der Schweiz entwickelte sich also vom importierten Edelstoff zum Konservierungsmittel bis hin zum billigen Geschmacksverstärker. Gemäss dem historischen Lexikon der Schweiz wird heute 85 Prozent des Zuckers in verarbeiteter Form konsumiert. Vor einem Jahrhundert waren es lediglich 15 Prozent. Der Einsatz von Zucker ist derart verbreitet, dass es heute schwierig ist, dem Süssstoff zu entkommen. Gemäss der Website Eatsmarter.de beschränkt sich die Auswahl der zuckerfreien Lebensmittel auf wenige Produkte:

  • Unbehandeltes Fleisch
  • Fisch
  • Eier
  • Käse
  • Unbehandelte Milchprodukte
  • Pure Getreideprodukte

Schweizerisch und in der Regel zuckerfrei: Käse. (Foto: Keystone)

Der hohe Zuckerkonsum in der Schweiz lässt sich auch durch den kulturellen Wandel im Essverhalten erklären. In einer schnelllebigen Schweiz heisst dies: Verpflegung durch Imbiss statt selber kochen. Der Verkauf von Tiefkühlprodukten und Conveniencefood hat gemäss dem Schweizerischen Ernährungsbericht aus dem Jahr 2013 «stark zugenommen». Für Ernährungsexperte Christian Ryser gibt es noch einen weiteren Grund: «Zucker ist in der Schweiz aus ernährungskultureller Sicht ein sehr wichtiges Lebensmittel», sagt der Geschäftsführer der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung gegenüber der «Aargauer Zeitung». Zurückzuführen sei dies auf die stark subventionierte Zuckerrübenindustrie.

Als Alternative zum importierten Rohrzucker wurde in der Schweiz der Zuckerrübenanbau in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stark gefördert. Zwischen 1965 und 2007 verfünffachte sich die Produktion. Von den zahlreichen Zuckerfabriken sind bis heute nur die Werke in Aarberg BE und Frauenfeld TG übrig geblieben. Obwohl das Geschäft seit der EU-Zuckermarktreform im Jahr 2007 wenig lukrativ ist, wird es weiter aufrechterhalten: seit 2008 mittels Direktzahlungen durch den Bund.

Aus Rüben wird Zucker: Fabrik in Aarberg BE. (Foto: Keystone)

Gut möglich, dass sich das Marktumfeld für Zuckerfabriken künftig weiter erschwert. Denn der Bund setzt in seiner neuen Strategie auf den Goodwill der Lebensmittelindustrie, um den Zuckergehalt in Produkten zu reduzieren. Gemäss Bundesrat Berset habe bereits der Salzkonsum durch das «freiwillige Engagement» der Nahrungskonzerne eingedämmt werden können. Bei den gesamten konsumierten Kalorien soll Zucker aus verarbeiteten Lebensmitteln künftig nicht mehr als zehn Prozent ausmachen. So könnte das Risiko von Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Zahnverfall vermindert werden. (mrs)

Erstellt: 05.08.2015, 15:16 Uhr

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