Zum Hauptinhalt springen

Die verlorene Würde von Ötzi und Tutanchamun

Frank Rühli ist einer der weltweit führenden Mumienforscher. Er untersucht so berühmte Tote wie Ötzi und Tutanchamun. Und ist fasziniert von der Würde dieser Zeugen der Vorzeit.

Der Jäger stapft durch den Schnee. Auf 3200 Metern kommt es zur fatalen Begegnung: Ein Widersacher feuert von hinten einen Pfeil auf ihn ab. Das Geschoss durchtrennt eine Arterie unter dem linken Schlüsselbein; der 45-Jährige verblutet. Die Ursache dieser Auseinandersetzung, die sich vor 5300 Jahren in den Ötztaler Alpen abgespielt hat, ist unbekannt. Das Opfer des Streits hingegen ein Star. Er ruht, in seiner eigentümlichen Verrenkung auf immer erstarrt, hinter Panzerglas im archäologischen Museum von Bozen - Ötzi, die Gletschermumie, der Mann aus dem Eis.

Kaum jemand kennt Ötzi derart in- und auswendig wie Frank Rühli, Mumienforscher an der Universität Zürich. Er hat den Steinzeitjäger mit einem Computertomografen scheibchenweise durchleuchtet. «Wir haben ein Verfahren angewandt, das die Mumie nicht verletzt», sagt Rühli. Der 36-Jährige spricht mit Respekt vom Eismann. Er lässt durchblicken, dass die Art und Weise, wie Ötzi zur Schau gestellt wird, nicht ganz in seinem Sinn ist.

«Mumien haben ihre Einwilligung nicht gegeben, dass man sie untersucht oder ausstellt», sagt Rühli. Der Zürcher arbeitet an einem Aufsatz zur ethischen Dimension seines Fachgebiets, dem sich weltweit nur ein paar Dutzend Forscher widmen.

In 18 Teile zerstückelt

Rühli interessierte sich bereits als Kind für Mumien. Nach der Matura wollte er Ägyptologie studieren, entschied sich dann aber für Medizin. Er promovierte über eine Winterthurer Mumie, wurde Privatdozent für Anatomie - und widmete sich gleichzeitig der Mumienforschung.

2005 erfolgte der Durchbruch. Rühli und seine Forscherkollegen gingen mit Computertomografie-Analysen den Todesursachen der zwei berühmtesten Mumien der Welt auf den Grund. In Bozen stellten sie den Befund, dass Ötzi an den Folgen des Pfeilschusses starb. Und in Kairo begutachtete das Team die Überreste des vor 3300 Jahren verstorbenen Pharaos Tutanchamun. Rühli wertete 1700 Computertomografie-Bilder aus. Von Angesicht zu Angesicht gesehen hat er die Mumie noch nie - das ist ägyptischen Experten vorbehalten. «Die Ägypter haben nicht vergessen, dass ihr Land während Jahrhunderten geplündert wurde», zeigt Rühli ein gewisses Verständnis. Auch bei Tutanchamun gingen britische «Forscher» rücksichtslos vor. Nach der Entdeckung der Mumie im Jahr 1922 wurde der Körper in 18 Einzelteile zerstückelt, damit man an den Grabschmuck gelangen konnte.

Rühlis Berichte und Vorträge katapultierten den zurückhaltenden Forscher auf die Titelseiten der Weltpresse – erst recht, als er erwähnte, Tutanchamun sei womöglich an den Folgen eines Sturzes vom Streitwagen gestorben. «Dabei habe ich nur eine von zahlreichen Möglichkeiten genannt», sagt Rühli.

Bis heute wird über die Todesursache gerätselt. Dank Rühlis Bildanalysen ist jedoch klar: Tutanchamun hatte einen offenen Unterschenkelbruch. «Womöglich ist er dann an einer Infektion gestorben», sagt Rühli. Nichts hält er von Theorien, wonach Tutanchamun erschlagen, von der Pest dahingerafft oder überfahren wurde. Einer seiner Träume ist es, die Organe des Pharaos zu untersuchen: «Vielleicht findet man dann etwas, was alle Theorien über den Haufen wirft.»

Verkalkung bei den Ägyptern

Neben der weltweiten Forschungstätigkeit ist Rühli Ko-Leiter des «Swiss Mummy Projects», das die in Schweizer Museen lagernden Mumien untersucht. Was aber bringen solche Studien überhaupt? «Wir erfahren mehr über alte Kulturen. Und es ist durchaus möglich, dass Patienten von solcher Forschung profitieren», sagt Rühli. Seine Studien lieferten Beiträge zur Erforschung des Langzeitverlaufs von Krankheiten: «Heute gilt Verkalkung als Zivilisationskrankheit. Nun stellt sich aber heraus, dass bereits die alten Ägypter darunter litten.»

Der Forscher spricht mit Faszination von seinem Fachgebiet: «Das Angesicht einer Mumie strahlt etwas Würdevolles aus. Das berührt mich jedes Mal.» Leidenschaft sei für gute Wissenschaft unabdingbar. Doch dürften Emotionen nicht überhand nehmen - und der Arbeit womöglich einen esoterischen Anstrich geben. Neben seriösen Wissenschaftlern beschäftigen sich auch Fantasten und Verschwörungstheoretiker mit Rühlis Fachgebiet. Als etwa die Entdecker Tutanchamuns kurz nacheinander starben, war vom «Fluch des Pharaos» die Rede. Neuerdings wird auch bei Ötzi von einem «Fluch» gesprochen - dessen Entdecker, zwei Forscher sowie ein Journalist und zwei Bergführer, die mit Ötzi zu tun hatten, sind in den letzten 15 Jahren verstorben.

Keine Freude an «Fluch»-Theorien

Rühli selbst erfreut sich bester Gesundheit und hat für solche Theorien nichts übrig. Immerhin will er sich nun den 1932 gedrehten Kinoklassiker «The Mummy» mit Boris Karloff ansehen. Nicht weil ihn der Streifen wirklich interessiert - sondern weil der Mumienforscher immer wieder auf den Gruselhit angesprochen wird. Und sich dann jeweils bewusst wird, wie ausgefallen sein Fachgebiet für die meisten Menschen ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch