Der Eichmann-Prozess brach das Schweigen über den Holocaust

Vor 50 Jahren stand Adolf Eichmann, der Organisator der «Endlösung», in Jerusalem vor Gericht. Seither ist die politische Diskussion in Israel von der Vernichtung der europäischen Juden geprägt.

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Es war der 23. Mai 1960, als Premierminister David Ben Gurion vor dem israelischen Parlament, der Knesseth, die dramatischste Erklärung abgab, die diese je zu hören bekam. Sie bestand aus nur zwei Sätzen: «Es ist meine Pflicht, Sie darüber zu informieren, dass die israelischen Sicherheitsdienste vor kurzem einen der schlimmsten NS-Verbrecher, Adolf Eichmann, gefangen genommen haben, der zusammen mit der übrigen Nazi-Führung verantwortlich dafür war, was sie die ‹Endlösung des jüdischen Problems› nannten – in anderen Worten die Ermordung von 6 Millionen europäischer Juden. Adolf Eichmann sitzt bereits in einem israelischen Gefängnis und wird demnächst in Israel vor Gericht gestellt werden auf der Basis des Gesetzes über Nazis und ihre Kollaborateure von 1950.»

Knapp ein Jahr später, am 11. April 1961, begann der Prozess in Jerusalem. 600 Journalisten aus aller Welt hatten sich akkreditiert, die berühmteste Berichterstatterin wurde Hannah Arendt, die später das Buch «Eichmann in Jerusalem» veröffentlichte. Es war eine teils ätzende Kritik an den ideologisch-politischen Aspekten des Prozesses.

Israel brauchte Geld

Die Bundesrepublik Deutschland, deren Geheimdienst BND von Eichmann seit 1952 wusste, sah in dessen Ergreifung ein erhebliches Problem. Nichts fürchtete die Regierung Adenauer mehr, als dass im kommenden Prozess die Rolle anderer Nazis zur Sprache käme – besonders solcher, die inzwischen wieder zu Amt und Ansehen gekommen waren. Die Sorge war unbegründet. Ben Gurion war es wichtig, die Bundesrepublik nicht vor den Kopf zu stossen. Israel war dringend auf die Reparationszahlungen aus Deutschland angewiesen, und mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauss verhandelte man gerade über Rüstungskredite. So wurde im Prozess peinlich darauf geachtet, nie von «Deutschen», sondern immer nur von «Nazis» zu sprechen – nicht das Volk, nur die Führung war schuldig.

Während man in der Bundesrepublik die NS-Zeit und den Holocaust so gut es ging verdrängte, holte der Prozess dieses Menschheitsverbrechen in Israel erst richtig ins öffentliche Bewusstsein. Auch dort war der Holocaust bisher «verdrängt» worden. Über das Zurückliegende zu reden, war für die Überlebenden zu schmerzlich, und es fragte sie auch keiner. Im Vordergrund stand für alle der Aufbau eines neuen Staates und eines neuen Lebens, umgeben von einem «Meer» arabischer Todfeinde.

Die zionistische Führung hatte den «neuen» Menschen im Auge, wehrhaft und stolz. Ein Bild, dem die gebrochenen Überlebenden nicht entsprachen. Der Vorwurf, sie hätten sich «wie Schafe zur Schlachtbank» führen lassen, hing in der Luft. So war es anfänglich auch kein vordringliches Ziel Israels, ehemalige Nazis zu fangen. Alle Kräfte wurden für die Konsolidierung des jungen Staats und für die Abwehr der arabischen Feinde gebraucht. Massen von Einwanderern, vor allem aus arabischen Ländern galt es zu integrieren.

In dieser Situation erkannte Ben Gurion, dass der Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen für die Ermordung der europäischen Juden auch einen politischen und psychologischen Zweck erfüllen könnte. Ihm schwebte ein «siegreicher Moment im ewigen Kampf Israels ums Überleben» vor (so der israelische Historiker Tom Segev).

Identifikation durch den Prozess

Ben Gurion beabsichtigte, mit dem Prozess eine doppelte Botschaft zu vermitteln. Die Welt wollte er daran erinnern, dass sie nach dem Holocaust verpflichtet war, den einzigen jüdischen Staat zu unterstützen (ein Nebengedanke war, die Verbindung alter Nazis mit den arabischen Staaten, wohin nicht wenige entkommen waren, vor Augen zu führen). Der eigenen Jugend wie den orientalischen Juden, die nicht durch den Holocaust gegangen waren, wollte er diese Geschichte nahebringen – eine nationale Saga für die kommenden Generationen – und die Nation so einen und disziplinieren. Der Prozess brach das Schweigen tatsächlich. Die Nation machte kollektiv eine tiefemotionale Erfahrung, indem sie sich mit den Opfern zu identifizieren begann.

Den Zweifeln, ob Israel das Recht zu diesem Prozess hatte, setzte man das Argument entgegen, der jüdische Staat stehe stellvertretend für die Juden der Welt und also auch für die Ermordeten. Oder wie Chefankläger Gideon Hausner in seinem Eröffnungsplädoyer sagte: «Ich stehe hier, und mit mir stehen 6 Millionen Ankläger.» Hausner wurde zum «Impresario einer nationalheroischen Produktion», so Segev.

Indirekt machte Ben Gurion (der die Anklageschrift mitredigiert hatte) die Opfer nachträglich zu Zionisten – solchen, denen es nicht gelungen war, rechtzeitig nach Palästina zu entkommen. Auf diese Weise versuchte er auch den alten Vorwurf zu widerlegen, der Zionismus habe bei der Rettung der Verfolgten versagt.

Das Symbolbild des Prozesses wurde, wie Adolf Eichmann mit angestrengt-verkniffenem Gesicht und Kopfhörern vier Monate lang in einer schusssicheren Glaskabine sass, mit nervösem Zucken im Mundwinkel und mitunter unerträglichem Grinsen, verteidigt vom deutschen Anwalt Robert Servatius (für dessen Honorar der Schweizer Nazi François Genoud mit aufkam). Die Staatsanwaltschaft hatte 110 Zeugen aufgeboten. Ihre Schilderungen anzuhören, überstieg oft das Mass des Erträglichen. Doch Eichmann hielt dem offenbar mühelos stand.

Der Glaube an den Befehl

Er plädierte auf «nicht schuldig», berief sich auf «Befehle» und stellte sich als kleines Rädchen im Nazi-Getriebe dar. Wie der damals junge holländische Schriftsteller Harry Mulisch als Prozessberichterstatter schrieb, hatte Eichmann anders als etwa der Reichsführer SS Heinrich Himmler nie an Hitler geglaubt, sondern nur an den Befehl – unabhängig, von wem er kam. Auch Hannah Arendt und der Vernehmungsoffizier Avner Less erkannten Eichmanns absolute Unfähigkeit, sich seiner Taten und ihrer Folgen bewusst zu werden, als eine Form unbeschreiblicher Dummheit.

Vor Gericht erwies sich Eichmann noch einmal als der grosse Lügner und Täuscher, nun aber unter der Maske des «Biedermanns». Lügen und Täuschung hatte er auch eingesetzt, als er das grosse Morden organisiert hatte. Stolz darauf zeigte er sich auch nach Kriegsende.

Tod durch den Strang

Der Prozess endete im Dezember 1961 mit der Verkündigung des Todesurteils. Vollstreckt wurde es in der Nacht zum 1.?Juni 1962. Eichmanns letzte Worte waren: «Es lebe Deutschland. Es lebe Argentinien. Es lebe Österreich.» Für Hannah Arendt eine letzte «groteske Dummheit». Historikern, die gebeten hatten, noch mit Eichmann, einer einmaligen historischen Quelle, sprechen zu können, verwehrte man das Begehren.

In Israel nahm der Holocaust von nun an öffentlich eine immer gewichtigere Rolle ein – bis heute: Wie einst die Juden Europas ist auch der jüdische Staat von Vernichtung bedroht – so sehen es zumindest die Politiker der Rechten. Ein Nasser, ein Arafat, und in der Gegenwart natürlich ein Ahmadinejad – sie alle wurden irgendwann mit Hitler gleichgesetzt. Selbst der israelische Premier Yitzhak Rabin wurde, nachdem er den Friedensprozess mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarstaaten aufgenommen hatte, auf Plakaten als SS-Mann abgebildet. Diese Instrumentalisierung des Holocaust ist auch unter Israelis und Juden in der restlichen Welt umstritten.

Deutschland stand (nach dem Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958) der erste grosse und international beachtete NS-Prozess erst noch bevor. 1963 begannen die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Ankläger war Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt, der bei der Ergreifung Eichmanns eine zentrale Rolle gespielt hatte.

In beiden Ländern, Israel wie Deutschland, warten die Historiker noch immer auf die restlose Freigabe der Archive.

Tages-Anzeiger

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