Der andere Weihnachtsmann

Geschenke, Baum, Familie – die Bräuche des Heiligabends sind gar noch nicht so alt. Guido Fuchs hat ihre Geschichte erforscht und ist auf Überraschendes gestossen.

«Vor 300 Jahren hätte niemand Weihnachten als Familienfest bezeichnet», sagt Guido Fuchs. Foto: Florian Manz

«Vor 300 Jahren hätte niemand Weihnachten als Familienfest bezeichnet», sagt Guido Fuchs. Foto: Florian Manz

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

«Der 24. Dezember ist eigentlich wie ein riesiger Orgasmus. Wochenlang wird man eingestimmt, dann entlädt sich das Fest in ein paar Stunden.» Guido Fuchs lacht. «Entsprechend schlapp sind dann alle am 25.» Der Theologe meint das nicht als Predigt, obwohl er sich manchmal schon darüber wundert, wie Weihnachten heute gefeiert wird. Fuchs, 62 Jahre alt, angenehm melodiöse Stimme, sitzt in seinem gemütlichen Büro in Hildesheim, nahe Hannover. Der Raum ist voller Teppiche und Bücher. Letztere nimmt er immer wieder hervor, um witzige Zitate vorzulesen.

Fuchs leitet das Institut für Liturgie- und Alltagskultur in Hildesheim und ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Würzburg. Er hat in einem Buch die Geschichte des Heiligabends ­erforscht und bei einer Umfrage von Hunderten Personen erfahren, wie sie Weihnachten feiern.

Am meisten überrascht hat ihn dabei, «dass viele Menschen tatsächlich nicht wissen, dass Weihnachten am 25. Dezember ist, und nicht am 24.» Früher war der 24. Dezember deshalb auch kein Feier-, sondern ein Fastentag, an dem gear­beitet und vorbereitet wurde. Ein besonderes Abendessen gab es bis ins 20. Jahrhundert nicht. Der religiöse Teil der Weihnachtsfeier durfte auch erst um Mitternacht beginnen. «Man muss sich bewusst sein», sagt Guido Fuchs, «dass es früher für die Leute sehr mühsam und gefährlich war, ihre Häuser mitten in der Nacht für Stunden zu verlassen, um zur Christmette zu gehen.» Die Strassen waren nicht beleuchtet, und während die Bewohner in der Kirche waren, konnte leicht in ihre ­Häuser eingebrochen werden.

«Das besoffene Volk»

Doch nicht nur die Diebe waren ein Problem, sondern auch die Gottesdienstbesucher selbst: «Der entsetzliche Dampf von Branntwein, Lichtern und Tabak erfüllte die Kirche», liest Guido Fuchs vor, «und erstickte fast den einzigen nüchternen Mann, den Prediger.» Die Beschreibung ist über 200 Jahre alt. Das Warten auf den nächtlichen Weihnachtsgottesdienst war damals wohl öfters Anlass zu übermässigem Trinken. Weiter steht: «Der Prediger konnte wegen des erstaunlichen Getöses nicht reden, stand still und sah von der Kanzel herab auf den Unfug der Gemeinde. Brennende Lichter, die das besoffene Volk von den Leuchtern riss, flogen in der Kirche umher.» Guido Fuchs stellt das Buch lachend wieder zurück. Natürlich hätten sich die Kirchenbesucher nicht überall so aufgeführt, doch es sei sicher mit ein Grund gewesen, warum sich der Mitternachtsgottesdienst ab der Reformationszeit in den frühen Abend verschoben habe. In den katholischen Kirchen wurde er hingegen oft auf den frühen Morgen des 25. gerückt.

Dass Weihnachten bei uns oft schon am Nachmittag des 24. gefeiert wird, ist nicht das Einzige, was von der religiösen Vorgabe abweicht. Das Tännchen etwa ist kein «Christbaum». Guido Fuchs blickt nachdenklich in die Ferne, als erinnere er sich selbst noch an Weihnachten ohne Bäumchen. Ganz so abwegig ist die Vorstellung nicht; der Baum ist als allgemeines Weihnachtsymbol erst rund 150 Jahre alt. Früher gab es sogenannte Adventsbäume, die man bereits am ersten Advent aufstellte und dann vorzu schmückte. Allerdings behängte man ihn nicht mit Süssigkeiten und Kugeln, sondern mit Zettelchen voller religiöser Sprüche und Gedichte. «Von den Kindern wurde dann erwartet, dass sie die Lieder vorsingen und die biblischen Verheissungsverse aufsagen», sagt Fuchs.

Der Weihnachtsbaum, wie wir ihn kennen, entstand in der europäischen Oberschicht. «Als die ‹Herren Offiziere› 1870 in den Deutsch-Französischen Krieg zogen, kannten sie den Brauch bereits und stellten an Weihnachten Christbäume in den Mannschaftsunterkünften auf.» Langsam übernahmen alle Schichten den vornehmen Baum, auch wenn sich die Katholiken lange dagegen sträubten. Fuchs, selbst Katholik, sagt: «Man glaubte sogar, dass Luther persönlich den Christbaum erfunden hätte.» Dieser Irrtum kam offenbar von einem ­populären Stahlstich, der Luther mit Familie und Tannenbäumchen zeigte.

Auch die Nazis wollten neue Weihnachtssymbole einführen – oder zumindest die alten zu ihrem eigenen Vorteil umdeuten. So sollte aus dem Christbaum die nordische «Jultanne» werden. «Und das Christkind versuchte man durch Balder, den germanischen Lichtgott, zu ersetzen», sagt Fuchs. Es wurde sogar ein Gegenstück zum populären Weihnachtslied «Stille Nacht» kreiert: Der Text von «Hohe Nacht der klaren Sterne» ist dementsprechend weniger besinnlich als politisch: «Heut muss sich die Erd erneuern wie ein junggeboren Kind!», heisst es. Doch Guido Fuchs bezweifelt, dass die Nazis mit der ideologischen «Besetzung» des Weihnachtsfestes wirklich Erfolg hatten. «Dafür war die Tradition schon zu fest verankert.»

Dass Weihnachten ein solch populäres Fest werden konnte, hat auch mit den generellen gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte zu tun. Durch die Reformation etwa kamen Hausandachten auf, bei denen der Vater die Rolle des religiösen Oberhaupts einnahm. Sie liegen laut Fuchs auch heute noch den Heiligabendfeiern zugrunde. «Das Weihnachtsevangelium, Gebete und Lieder bilden einen kleinen Gottesdienst.» Der Baum mit den brennenden Kerzen werde ebenso präsentiert und andächtig bestaunt wie die Hostie in der Kirche. Auch das Beharren auf der immer ­gleichen Rollenverteilung, dem traditionellen Weih-nachts­spaziergang und dem typischen Essen hat für Fuchs «quasiliturgische Züge».

Laut Fuchs stiften diese Bräuche Identität. Einerseits für die Gesellschaft, die sich einmal im Jahr kollektiv in die Häuser zurückzieht, während das öffentliche Leben mehr oder weniger stillsteht. Andererseits aber auch bei den Familien, die sich durch ihre kleinen eigenen Traditionen und Bräuche von den anderen unterscheiden.

Ein warmes Haus im kalten Winter

Die Industrialisierung spielte bei der Verbreitung des Weihnachtsfestes ebenfalls eine Rolle. Die Männer mussten raus zur Arbeit, den Frauen blieb das Haus und die Familie, in die sie nun ihre ganze Energie investierten. Das führte zu einer Aufwertung der Kernfamilie und der Kinder selbst, die als selbstständige Subjekte wahrgenommen und in den Mittelpunkt der Weihnachtfeier rückten. Sie sind nun jene, die beschenkt werden – wie man es vom Nikolausbrauch bereits kannte – und im Gegenzug artig und andächtig zu sein haben. Bei seiner Umfrage hat Fuchs oft die Antwort erhalten, dass man Weihnachten «um der Kinder willen» feiert. Ohne die «strahlenden Kinderaugen» vor dem Baum komme keine rechte Weihnachtsstimmung auf. «Heute ist das für uns selbstverständlich», sagt Fuchs, «aber vor 300 Jahren hätte niemand Weihnachten als Fest der Familie bezeichnet.»

Vielleicht, meint Fuchs zum Schluss, liege es ja an diesen urmenschlichen Sehnsüchten nach Geborgenheit und Zugehörigkeit, dass Weihnachten ein solcher Erfolg wurde. In einem warmen Haus an einem kalten Winterabend fühlen wir uns geborgen und zugehörig. Bleibt noch eine Frage an den Vater dreier Kinder: «Da ich am 24. abends jeweils an verschiedenen Orten musiziere, feiern wir von jeher am 25. Dezember», sagt Guido Fuchs. So sei man am Tag des eigentlichen Höhepunkts auch nicht total «schlapp», sondern könne ihn in Ruhe geniessen.

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