Der seine Mutter verriet

Intellektuelle, Nachbarn, sogar Verwandte stellte man an den Pranger. Ab 1966 hatte die Kulturrevolution China fest im Griff. Über 40 Jahre danach spricht Zhang Hongbing darüber, wie er seine Mutter in den Tod schickte.

«Ich werde mir niemals vergeben»: Zhang Hongbing im Interview mit dem «Guardian» (Bild: Screenshot Guardian)

«Ich werde mir niemals vergeben»: Zhang Hongbing im Interview mit dem «Guardian» (Bild: Screenshot Guardian)

Mehr als 40 Jahre lang hat er mit der Schuld gelebt und geschwiegen. Als Teenager verriet er seine Mutter, Soldaten kamen in sein Haus und brachten sie fort. Zwei Monate später wurde sie von einer Todesschwadron exekutiert. Die Kulturrevolution hatte Jugendliche wie Zhang Hongbing und ganz China eisern im Griff.

Vor kurzem brach Zhang erstmals öffentlich sein Schweigen und schilderte der Zeitung «Beijing News» die grauenhaften Ereignisse jenes Jahrzehnts. «Damals wurde jeder mitgerissen, und du konntest dich nicht entziehen, selbst wenn du gewollt hättest», sagt Zhang. Es ist ein seltenes öffentliches Bekenntnis, denn noch immer liegt in China der Mantel des Schweigens über dieser dunklen Epoche. Und es ist ein Bekenntnis, das von der regierenden Kommunistischen Partei nicht gern gesehen wird.

Die Hetze der Roten Garden

1966 entfesselte ihr damaliger Vorsitzender Mao Tse-tung die sogenannte Kulturrevolution, um seine gefährdete Machtposition zu festigen. Vorausgegangen war der Versuch, mit dem «Grossen Sprung nach vorn» China auf schnellstem Wege zu industrialisieren - was in einer der schlimmsten Hungersnöte der Geschichte endete.

Die Kulturrevolution stürzte China in ein Jahrzehnt des Chaos. Ideologisch aufgehetzte Jugendliche schlossen sich zu den Roten Garden zusammen, die Intellektuelle, Nachbarn, Verwandte an den Pranger stellten, misshandelten und deren Häuser plünderten. Ein westlicher Historiker schätzt, dass allein 1967 eine halbe Million Menschen in China getötet wurden.

«Ich werde mir niemals vergeben»

1970 lieferte Zhang seine Mutter den Schergen der Revolution aus, weil sie es gewagt hatte, Mao zu kritisieren. Nur einige Jahre nach Maos Tod wiederrief ein Gericht in seiner Heimatprovinz Anhui das Urteil gegen seine Mutter. «Ich werde mir niemals vergeben», sagt Zhang. Bislang bekannten sich in China nur wenige Menschen zu den Gewalttaten der damaligen Zeit; es sind in die Jahre gekommene Männer und Frauen, die damals als revolutionsberauschte Jugendliche die politischen Gegner terrorisierten und denen ihre Erinnerungen keine Ruhe lassen.

Wen Qingfu aus der Provinz Hunan beschrieb vor kurzem in einem Essay, wie er den Mob angeführt hatte, der das Haus einer Lehrerin stürmte. Wenn er sich jetzt nicht entschuldige, könne es bald zu spät sein, sagte er. Die Tochter der Lehrerin antwortete ihm alsbald in einem offenen Brief: «Du kannst von deiner Schuld loslassen.»

Solche öffentlichen Entschuldigungen würden von vielen Chinesen geschätzt, sagt der Hongkonger Experte für die Kulturrevolution, Ding Xueliang. Sie könnten «zu einer gemeinsamen Gewissensprüfung» führen und letztlich «zu einer Gesellschaft, die mehr auf Gesetzen fusst».

Kaum öffentliche Aufarbeitung

Doch die Partei unterdrückt eine offene Diskussion und Aufarbeitung. Dies würde zwangsläufig die Frage nach der hässlichen Rolle aufwerfen, welche die Kommunisten damals spielten. «Die Verantwortung des Einzelnen ist das eine», sagt Xu Youyu von der der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Aber die Schuldbekenntnisse «haben nicht die wesentlichen und wichtigeren Aspekte berührt».

Nach Maos Tod 1976 wurde die berüchtigte Viererbande, angeführt von Maos Frau Jiang Qing, für die Verbrechen der Revolution zur Rechenschaft gezogen. Mao jedoch habe zwar «grobe Fehler» gemacht, sein Beitrag für die Gesellschaft sei aber weitaus grösser gewesen, erklärte die Partei. Damit war die Sache in offizieller Lesart erledigt.

Im vergangenen Jahr allerdings sprach der scheidende Regierungschef Wen Jiaobao das Thema einmal kurz an: China dürfe nie wieder in solche «historischen Tragödien» zurückfallen. Dabei dürfte es sich im wesentlichen um eine Rüge für den gestürzten Spitzenpolitiker Bo Xilai gehandelt haben, der eine Rückbesinnung auf maoistische Werte propagiert hatte.

Bis heute setzt sich so gut wie kein Museum, Denkmal oder Film in China mit den dramatischen Geschehnissen der Kulturrevolution auseinander. Es gibt nur wenige, kaum bekannte Privatinitiativen wie etwa ein Museum in der südwestlichen Provinz Sichuan, das vorsichtig von einer «Roten Ära» spricht.

kpn/AFP

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