Der Sonnendoktor aus dem Engadin

Der Arzt Oscar Bernhard entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts die Heliotherapie bei Tuberkulose und wurde sechsmal für den Nobelpreis nominiert. Erhalten hat er ihn aber nie.

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Er ist einer der bekanntesten Alpenmediziner, der Oberengadiner Oscar Bernhard. Mit seiner Ende des 19. Jahrhunderts im Spital in Samedan entwickelten Sonnenlichtbehandlung bei Knochentuberkulose erlangte er internationalen Ruf und wurde sogar sechsmal für den Nobelpreis nominiert. Im eigenen Land geriet er aber bald in Vergessenheit. Doch jetzt, wo die «weisse Pest» wieder im Vormarsch ist und die Medizin verzweifelt gegen antibiotikaresistente Tuberkulosebakterien kämpft, könnten seine Forschungen wieder aktuell werden.

Oscar Bernhard wurde am 24. Mai 1861 als Sohn des Apothekers Samuel Bernhard in Samedan geboren. Sein Vater war bekannt als Macher des im Engadin Kultstatus geniessenden Alpenlikörs Iva, eines Genuss- und Heilmittels in einem, hergestellt aus der aromatisch riechenden Iva-Pflanze oder Moschus-Schafgarbe, die in der Nähe der Gletscher wächst.

Bernhards Jugendzeit war von der Bergwelt geprägt. Mit 16 Jahren schoss er die erste Gams, mit 18 Jahren machte er das Bergführerpatent. «Diesem starken Verbundensein mit der Natur», so schrieb er später in seinem Lebenslauf, «verdanke ich eine Schärfung der Sinne, was mir später in meinem Berufsleben sehr zugute gekommen ist.» Von 1880 bis 1886 studierte er in Zürich, Heidelberg und Bern Medizin. Hier schloss er sein Staatsexamen ab.

1895 initiierte er das erste Spital im Engadin in Samedan, dem er zwölf Jahre als «dirigierender Arzt» (Chefarzt) vorstand. Hier begründete er seine berühmte Sonnenlichtbehandlung, die Heliotherapie für Tuberkulosekranke. Die Idee dazu holte er sich bei der Trockenfleischherstellung, wo man ebenfalls die bakterizide Wirkung der Sonne nutzt. Das Konservierungsverfahren beim Bindenfleisch müsste auch beim Menschen funktionieren, sagte sich Bernhard.

Nach einem ersten Versuch an einer infizierten und schlecht heilenden Bauchwunde wurden auch Fisteln, tuberkulöse Geschwüre und schliesslich sogar die geschlossene Knochentuberkulose behandelt. Anfänglich wurden nur die erkrankten Knochenpartien und Gelenke mittels Gipsfenster dem Sonnenlicht ausgesetzt. Später erfolgte eine Ganzkörperbesonnung.

Mehrere Stunden in der Sonne

Dass Sonnenbestrahlung nicht harmlos ist, wusste Bernhard schon damals. Die Behandlung begann erst Tage nach dem Eintreffen der Patienten, wenn diese sich ans Höhenklima gewöhnt hatten. Die entblössten Wunden wurden, nach langsamer Steigerung der Expositionszeit, bis zu mehreren Stunden täglich der Sonne ausgesetzt.

Rätselhaft erscheint, dass, obschon schliesslich weltweit Hunderttausende von Patienten besonnt worden sind, nie von Hautkrebs die Rede war, auch nicht Jahre danach als Spätfolge. Im Engadin sollen Hautkarzinome generell selten beobachtet worden sein. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln: Wurde das Problem übersehen, oder war es damals schlicht keines?

In Samedan – Tragik des Tüchtigen? – wurde Bernhard weggemobbt, sodass er 1907 nach St. Moritz ging, wo er zuerst auch nicht willkommen war. Hier baute er eine Villa mit integrierter Miniklinik, später dann – vor gut 100 Jahren – eine Privatklinik, die heute als Wohnhaus dient. Neben Einheimischen behandelte Oscar Bernhard auch viele Berühmtheiten der Nobelhotels. Doch obschon er mit seiner Klinik weltweite Berühmtheit erlangte, stoppte St. Moritz seine Zukunftspläne, oberhalb der bestehenden eine noch viel grössere Mammut-Sonnenklinik zu bauen. Man fürchtete um den guten Ruf der Tourismusdestination und übersah, dass die Knochen- und Gelenktuberkulose, im Gegensatz zur Lungentuberkulose, kaum ansteckend ist. Andere profitierten dann von seiner «Erfindung» – so etwa der Waadtländer Arzt Auguste Rollier, der in Leysin 35 Heliokliniken und Sonnenschulen baute.

Eigentlich hätte Bernhard neidisch auf Rollier sein können. Doch weil es ihm um die Sache und nicht um das eigene Prestige ging, hatte er Freude, dass wenigstens dieser seine erfolgreiche Methode im grossen Stil anwenden konnte. Umgekehrt hat Rollier in allen Publikationen korrekt deklariert, dass der Begründer der Heliotherapie nicht er, sondern Bernhard sei.

Die Heliotherapie war in der medizinischen Forschung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hoch anerkannt. Aus den Archivbeständen des Nobelinstitutes ist ersichtlich, dass Oskar Bernhard zwischen 1920 und 1932 sechsmal für den Medizin-Nobelpreis nominiert worden war. 1929 wurde er gar zweimal nominiert, unter anderem vom Frankfurter Chirurgieprofessor Franz Volhard, dem Grossvater der späteren deutschen Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Auch Auguste Rollier war sechsmal nominiert worden. Zur Ehrung reichte es aber beiden nie.

Bernhard und Rollier waren beide Assistenten beim Berner Chirurgen und Nobelpreisträger Theodor Kocher gewesen. Dieser kritisierte allerdings das Vorgehen seiner Jünger scharf. Die Methode der Wahl bei Knochen- und Gelenktuberkulose war damals die chirurgische Entfernung des betroffenen Körperteils: Patient gesund, aber «Krüppel». Anders bei der Heliotherapie: gesund und unversehrt. Drei Jahre vor seinem Tod im Jahr 1917 korrigierte sich Kocher jedoch öffentlich: «Wir müssen bekennen, dass wir nicht das getan haben, was wir hätten tun sollen. Wir zollen den Pionieren (der Heliotherapie) volle Anerkennung!»

Pionier der Bergrettung

Als in den 1940er-Jahren die Chemotherapie mit den Tuberkulostatika auf den Plan trat, hatte auch die Heliotherapie ausgedient. Oscar Bernhard, der 1939 78-jährig gestorben ist, hatte selber vorausblickend erkannt, dass die Heliotherapie der «chirurgischen» Tuberkulose nur so lange das Mittel der Wahl sein werde, bis ein besseres Medikament gefunden werde. Ein solches war einfacher, schneller und überall einsetzbar, auch dort, wo es keine Gebirgssonne gab.

Oscar Bernhard aber schuf sich nicht nur in der Medizin, sondern auch in anderen Fachbereichen einen Namen, so im Bergrettungswesen, das damals noch in den Kinderschuhen steckte. Aus seinen berühmt gewordenen, 1891 praxisnah gezeichneten 55 Lehrtafeln mit 173 Zeichnungen entstand 1896 ein Samariteralmanach, der zum Bestseller und Arbeitsinstrument der Samariterdienste, des Alpenclubs und der Armee wurde. Mit dem Bergmaler Giovanni Segantini war er eng befreundet und stand ihm bei seinem Todeskampf in der Schafberghütte ob Pontresina in der «längsten Arztvisite» fünf Tage und Nächte bei. Er war dann auch der Initiant des Segantini-Museums in St. Moritz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2015, 18:17 Uhr

Gefürchtete Tuberkulose

Schwindsucht auf dem Vormarsch

Die Tuberkulose – auf Deutsch Knötchenkrankheit oder Schwindsucht – ist eine durch Bakterien der Art Mycobacterium tuberculosis ausgelöste Infektionskrankheit, die früher auch hierzulande sehr gefürchtet war. Der Erreger kann nahezu jedes Gewebe zerstören, zurück bleiben Höhlen, Verkalkungen oder kleine Knötchen (Tuberkel). Beim Menschen werden am häufigsten die Lungen befallen, aber auch Knochen, Auge, Darm oder Haut können betroffen sein. Knochentuberkulosen sind eher selten und nicht ansteckend. Die Krankheit, früher auch «weisse Pest» genannt, wurde schon in den Mumien ägyptischer Pharaonen entdeckt. Obwohl die Krankheit kaum mehr in die Schlagzeilen kommt, ist sie laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wieder auf dem Vormarsch. 2012 starben weltweit etwa 1,3 Millionen Menschen daran. Aber auch in der Schweiz erkranken jährlich rund 500 Personen daran, die meisten davon sind Migranten. Die Therapie besteht heute aus einer Kombination verschiedener Antibiotika und dauert im Allgemeinen sechs Monate. (mma)

Heini Hofmann: Mythos St. Moritz – Sauerwasser, Gebirgssonne, Höhenklima. Montabella-Verlag, 2014, ca. 98 Fr.

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