Als Dietikon von Betonbunkern befreit wurde

Die «Zeitbilder»-Reportage zeigt, wie die massiven Militärbauten im befestigten Dietikon wieder zertrümmert wurden. Überreste der Anlage finden sich noch heute im Zentrum.

Illustrierte Wochenbeilage «Zeitbilder» vom 18. Mai 1946: Die Kriegsinfrastruktur in den Dorfzentren wird wieder beseitigt. Reproduktion: Raisa Durandi

Illustrierte Wochenbeilage «Zeitbilder» vom 18. Mai 1946: Die Kriegsinfrastruktur in den Dorfzentren wird wieder beseitigt. Reproduktion: Raisa Durandi

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«Die grossen Betonblöcke, einst bestimmt, einen Feind aufzuhalten, werden mit Druckluftbohrern zerkleinert. Das Rattern der Maschinen erfüllt den friedlichen Ort.»

Männer mit Pickel und Bohrern hacken auf den baren Beton ein, die verschwitzten Hemdsärmel hochgekrempelt. Ein Arbeiter mit Hut steckt eine Sprengladung in die massive Wand eines Bunkers. Noch steht die Sperrmauer mitten im Dorf, doch bereits ist sie wieder dem Abbruch geweiht. Wie ein Aufatmen nach dem Krieg mutet die Bildreportage vom 18. Mai 1946 an. Jetzt nehmen die Zivilisten wieder das Heft in die Hand.

Die Arbeiter zerstörten ein nur sechs Jahre altes, Millionen Franken teures Bauwerk der Schweizer Armee, das im Prinzip nicht einmal einen Tag lang seinen Zweck erfüllte: die Befestigung von Dietikon. Sie war Teil der Limmatstellung, welche die Schweiz gegen allfällige Angriffe Nazi-Deutschlands hätte schützen sollen.

Limmatstellung als zentrales Abwehrbollwerk

Die Frage, wie die Schweiz zu verteidigen sei, sorgte bei den Militärs bereits vor dem 2. Weltkrieg für heisse Köpfe. War die Armee früher an eine flexible Kampfführung mit Vorstössen und Rückzügen gewohnt, wurde ab Mitte der 1930er-Jahre der Verteidigungskampf mit gebauten Stellungen zur Maxime erhoben. Frankreich hatte seine berühmte Maginot-Linie hochgezogen, Deutschland baute ab 1938 den Westwall. Die «Landesbefestigung wurde zum Allheilmittel gegen Panzer und Flugzeuge», schreibt der Militärhistoriker Hans Senn im Buch «Die Geschichte der Schweizer Landesbefestigung».

Erst sollte die gesamte Grenze geschützt werden, mit Bunkern und Festungen von Basel über den Bodensee bis ins Hochrheintal. Doch bald wurde klar, dass die Kräfte der Armee dafür zu klein waren. Nach Kriegsbeginn wurde die gesamte Nordostschweiz quasi entblösst. General Guisan legte mit seinem Operationsbefehl Nr. 2 vom 4. Oktober 1939 eine neue Verteidigungslinie von Sargans über die Linth bis Baden und Basel fest. Dabei wurde die Limmatstellung zum zentralen Abwehrbollwerk gegen einen Einfall oder Durchmarsch Deutschlands. Auf den Hügeln südlich der Limmat wurden überstürzt Geschützbunker in den Wald gebaut.

Dietikon galt dabei als Tor zur Innerschweiz, namentlich zum Gotthard. Über 6000 Soldaten der «Gruppe Dietikon» erstellten von Dezember 1939 bis Juni 1940 einen äusseren Sperrring mit Panzersperren und rund 20 Geschützbunkern und stampften eine massive Kernbefestigung mitten im Dorf aus dem Boden. Es entstand eine 890 Meter lange massive Betonmauer mit sieben Bunkern. Die Kommandozentrale wurde in einem verstärkten Keller des Schulhauses eingerichtet, die gesamte Munition lagerte in einem Raum unter der Turnhalle. Die Kommunikation zwischen den Bunkern wurde mithilfe von Sprachrohren gesichert, die im Fuss der 3,2 Meter hohen Mauern eingebaut wurden.

Innerschweizer «Zahnlose»

Die Bauregimenter waren hauptsächlich Wehrmänner aus der Zentralschweiz. Allzu stressig schien die Arbeit für sie nicht gewesen zu sein. «Gemütlich, ausgesprochen langsam und immer wieder längere Pausen einschaltend, stampften sie den Beton zwischen die starken Eisenarmierungen, denn für sie war Dietikon weit weg von ihrer eigentlichen Heimat», schrieb Sekundarlehrer Karl Klenk in sein Tagebuch, der die Arbeiten mit seinen Schülern vom Schulzimmer aus beobachtete. «Diese Innerschweizer und die vielen ‹Edentaten› trugen ihrer angenehmen Arbeit Sorge und zogen sie offensichtlich in die Länge, um möglichst nicht exerzieren zu müssen.»


Bilder: Die versteckten Gefechtsstände von Zürich


Der Begriff «Edentaten» ist ein altes Wort für zahnarme Säugetiere wie Ameisenbären und Faultiere. In der Armee bezeichnete er sozusagen die Schlaumeiertruppe: Bauernsöhne aus der Innerschweiz, die sich vor dem Einrücken die Zähne ziehen liessen, um dispensiert zu werden. Doch die Aushebungsoffiziere durchschauten den Trick und stellten eigens eine «Edentaten»-Kompanie mit eigenem Militärzahnarzt zusammen, der den «Zahnlosen» Prothesen verpasste. Die Truppe hatte sogar ein offizielles Abzeichen, das eine Kappeler Milchsuppe zeigte.

Ob die Befestigung militärisch Sinn ergab, ist selbst unter Sicherheitsexperten umstritten. Zur Haltung der Limmatstellung war die 1. Division vorgesehen, die jedoch in der Westschweiz stationiert war. Sie wurde aus «neutralitätspolitischen» Überlegungen nie in den Raum Dietikon verlegt. Im Ernstfall, falls also Hitlers Truppen über Schaffhausen, Kreuzlingen und Winterthur vorgeprescht wären, hätten die Romands in einer Gewaltsübung aus der Waadt an die Limmat verschoben werden sollen. Dafür waren erst sechs bis zehn Nächte vorgesehen, später hätte das gemäss Planung in zwei Tagen gelingen sollen.

Preisgabe des Mittellandes

Der Ernstfall trat nicht ein, Hitler überrannte Frankreich im Frühsommer 1940 unter Umgehung der Maginot-Linie im Norden, und Italien trat in den Krieg ein. Die Schweiz war von Achsenmächten umschlossen. Erst jetzt ordnete General Guisan das nicht unumstrittene Réduit an, den Rückzug der Armee in den schweizerischen Zentralraum, der unter allen Umständen zu verteidigen war. Das bedeutete auch die Preisgabe des gesamten Mittellandes. Zurück blieben Zerstörungsdetachements, die im Ernstfall Strassen, Brücken und sogar Fabriken gesprengt hätten.

Das Fort mitten in Dietikon blieb eine halb fertige Kernbefestigung, die Truppen wurden ins Reduit abgezogen. Ausser für einzelne Übungen wurden die Anlagen nie mehr besetzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 17:52 Uhr

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Mehr Infos: Ortsmuseum Dietikon, www.stadtverein.ch, geöffnet jeweils So, 10–12 Uhr und 14–16 Uhr.

Serie Zeitbilder (4)

Bis 1963 gab der «Tages-Anzeiger» die «Zeitbilder» heraus, einen Vorgänger des heutigen «Magazins». Die Bildreportagen aus der Nachkriegszeit widerspiegeln die Ereignisse einer Welt, die aus einem Albtraum erwachte. In einer losen Folge zeigen wir, was die Menschen damals bewegte und worüber sie staunten.(mma)

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