«Wir sind zwar nicht perfekt, aber ziemlich gut»

Jimmy Wales, der Mann hinter Wikipedia, war in der Schweiz. Wir haben mit ihm gesprochen.

«Wir sind zwar nicht perfekt, aber ziemlich gut», sagt Jimmy Wales. Foto: Jon Enoch / Eyevine / Dukas

«Wir sind zwar nicht perfekt, aber ziemlich gut», sagt Jimmy Wales. Foto: Jon Enoch / Eyevine / Dukas

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Ein Misserfolg nach dem anderen. «Dies ist immer auch eine Chance», sagt der berühmte Amerikaner Jimmy Wales, der sich selbst als einen pathologischen Optimisten bezeichnet. Mit der Einstellung hat er es beruflich ganz nach oben geschafft. Denn zusammen mit anderen gründete er Wikipedia im Jahr 2001 und löste dadurch eine Informations­revolution aus. Weltweit ist das legendäre Onlinelexikon oft die erste Anlaufstelle, um sich über ein Thema einen Überblick zu verschaffen. Egal, ob über den vor kurzem verstorbenen Physiker Stephen Hawking, die Olympischen Spiele 2018 oder den Action-Film «Black Panther».

Das universale Nachschlagewerk umfasst mittlerweile rund 45 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen. Weltweit liegt es auf dem fünften Platz der am meisten besuchten Websites. 2006 wurde Jimmy Wales vom «Time Magazine» zu einem der «100 einflussreichsten Menschen» in der Kategorie «Wissenschaftler & Denker» gekürt.

Der Weg dorthin war aber keineswegs geradlinig, wie Wales bei seinem Powerpoint-Vortrag an der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg gerade sehr eindrücklich schildert. Er will den Studierenden Mut machen, verschiedene Dinge auszuprobieren, offen zu sein und nicht alles nur auf eine Karte zu setzen. Denn oft klappe es nicht auf Anhieb. So ging er zum Beispiel 1996 in den USA zu verschiedenen Restaurantbesitzern, um ihnen seine Idee «Loop Lunch» schmackhaft zu machen, mit der man sein Mittagessen einfach und unkompliziert online bestellen sollte. «Sie schauten mich an, als käme ich vom Mars», betont Wales, der ursprünglich an der University of Alabama einen Master-Abschluss in Finanzwissenschaften machte. Die Zeit sei dafür noch nicht reif gewesen. Kaum einer habe damals das Internet benutzt.

«Als Jugendlicher trug ich mit dem Velo Zeitungen aus.»

Eine Bruchlandung erlitt er auch mit dem Wikipedia-Vorgänger «Nupedia», einer im Nachhinein viel zu akademisch orientierten Online-Enzyklopädie. «Ich steckte 250'000 Dollar in das Projekt, bis die ersten zwölf Artikel durch den ganzen Prozess waren», sagt Wales und lacht. Die Texte habe er immer noch neben seinem Bett liegen und lese sie jeden Abend, in der Hoffnung, damit eines Tages vielleicht doch noch Geld zu verdienen. Er klickt nun eine weitere Folie an: Jimmy Wales – riesengross auf der Frontseite des «Fast Company»-Magazins und angekündigt als Googles schlimmster Albtraum. Seine Mutter habe sofort zehn Exemplare der Zeitschrift gekauft, fügt er hinzu. Doch die innovative Mitmach-Suchmaschine Wikia Search, bei der die Suchalgorithmen offengelegt werden und die Nutzer durch ihre Bewertungen Einfluss auf die Ergebnisse nehmen, musste kurz nach der Lancierung aufgrund zu geringer Nutzerzahlen und der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 eingestellt werden.

Immer schon Lexika studiert

Nach seinem Vortrag und ein paar Selfies mit den Studenten nimmt sich der 51-jährige Wiki-Pionier Zeit für ein Gespräch in einem der Sitzungszimmer der Hochschule. Derim tiefsten Süden der USA geborene Unternehmer spricht über sich und seine Karriere mit viel Selbstironie, geradezu britischem Humor. Dies ist nicht verwunderlich, denn er lebt in London und ist seit 2012 mit der Kommunikationsexpertin Kate Garvey verheiratet, die er am World Economic Forum in Davos kennen lernte.

Gemeinsam haben sie zwei Töchter im Alter von sieben und vier Jahren. Als er früher mit ihnen länger im Flugzeug sitzen musste, empfand er das iPad als die grösste Erfindung der Geschichte. Leider führte das Tablet nicht automatisch auch zu gutem Verhalten, etwa wenn er es ihnen wieder weggenommen habe, erzählt Wales. Heute seien sie aber vernünftiger, sodass es ohne Geschrei gehe. Aus einer vorherigen Ehe hat er eine 17-jährige Tochter, die er regelmässig in den USA besucht.

Wikipedia umfasst 45 Millionen Artikel. Foto: Keystone

Der Tech-Visionär mit dem gepflegten Dreitagebart ist besessen vom Gedanken, Bildung für alle möglich zu machen. Er selbst habe als Kind leidenschaftlich viel gelesen und Lexika studiert. Seine Mutter war Lehrerin und Leiterin einer kleinen Privatschule, sein Vater ein Geschäftsführer. Später gingen seine Eltern zurück an die Universität. «Lifelong Learners», sagt Wales, der sich darüber freut.

Wikipedia hat Wales bekannt gemacht. Mit dem werbefreien und über Spenden finanzierten Onlinelexikon will er erreichen, dass jede einzelne Person auf dem Planeten kostenlosen Zugang zur Gesamtheit des menschlichen Wissens erhält. Er möchte es jetzt mit noch mehr Beiträgen in der jeweiligen Heimatsprache ausbauen. Derzeit gibt es auf Englisch über 5 Millionen Artikel, auf Deutsch über 2 Millionen, aber auf Hindi bisher nur rund 124'000. Und dies, obwohl Hindi in Indien die Muttersprache von 370 Millionen Menschen ist.

Allen Unkenrufen zum Trotz hat Wales es geschafft, eine eingeschworene Wikipedia-Community aus Tausenden Freiwilligen auf der ganzen Welt zu gründen, die mit grossem Engagement Seiten erstellen, um ihr Know-how mit anderen zu teilen. Weil Wikipedia für jeden zum Bearbeiten offen ist, können entweder aus Unkenntnis oder durch Vandalismus auch Fehler entstehen. Um dies zu verhindern, kontrollieren erfahrene «Elite-Wikipedianer» die Einträge. Im Extremfall dürfen sie eine Seite sperren oder löschen. «Wir sind zwar nicht perfekt, aber ziemlich gut», betont Wales. Sie seien auch keine fanatischen Web-Anarchisten, sondern flexibel mit der Methodik, um der neutralen und faktenbasierten Wiki-Philosophie treu zu bleiben.

Neues Nachrichtenportal gestartet

Jimmy Wales wäre nicht Jimmy Wales, wenn er nicht schon Weiteres ausgeheckt hätte. Sein neuster Clou: WikiTribune, eine neue Nachrichten-Plattform, bei der ein paar Journalisten, die über Crowdfunding bezahlt werden, mit der Hilfe von Freiwilligen aus der globalen Wiki-Gemeinschaft Beiträge erstellen. Ziel des Projekts sei es, einen Gegenpol zu Fake News zu setzen, sagt Wales. Denn durch die kollektive Zusammenarbeit könnten Artikel ständig verbessert und mit weiteren Aspekten erweitert werden. Wales, der bereits als Schüler stets die Nachrichten verfolgte, liegt ein qualitativ hochwertiger Journalismus am Herzen. «Als Jugendlicher trug ich in meiner Heimatstadt Huntsville jeweils am Nachmittag Zeitungen aus», sagt er. Manchmal sei er bei diesem Job auch zu spät gewesen, weil er die aktuellen Nachrichten erst noch gelesen habe.

Wales reist rund 200 Tage im Jahr, um irgendwo auf der Welt Vorträge zu halten oder an Meetings teilzunehmen. Hin und wieder schreibt er aber auch für Wikipeda. Zurzeit an einem Beitrag für das Projekt «Women in Red», das die Liste der noch fehlenden Biografien von bekannten Frauen aufarbeitet. Ihre Namen tauchen im Onlinelexikon bisher zwar als Hyperlink auf, aber nur in roter anstatt in blauer Farbe. «Ich bin nach wie vor ein Wikipedianer», sagt der Amerikaner stolz, der nach dem Gespräch ­sofort zur nächsten Veranstaltung springt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 22:06 Uhr

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