Das Erbe des Neandertalers

Das Erbgut der Neandertaler lässt sich einer neuen Studie zufolge bei manchen heute lebenden Menschen noch immer auch optisch erkennen.

Die Kopfformen von Neandertaler (links) und modernem Menschen im Vergleich.

Die Kopfformen von Neandertaler (links) und modernem Menschen im Vergleich.

(Bild: Philipp Gunz (CC BY-NC-ND 4.0)))

Kathrin Zinkant@zinkant

Als der schwedische Genetiker Svante Pääbo vor acht Jahren seine Bombe platzen liess, begann das grosse Rätselraten. Pääbo und ein internationales Team hatten ihren ersten Entwurf des entzifferten Neandertaler-Erbguts veröffentlicht, und sofort wurde klar, dass auch moderne Menschen bis zu drei Prozent Gene ihres letzten ausgestorbenen Verwandten besitzen. Menschen und Neandertaler hatten also offenkundig Sex miteinander gehabt.

Die Frage lautete nun: Machen sich Spuren der längst vergangenen Affäre auch heute noch im Menschen bemerkbar? Gibt es womöglich sogar äussere Merkmale, die das Erbe der Neandertaler verraten?

Tatsächlich spiegeln sich die genetischen Überbleibsel der entfernten Verwandten bei einigen Menschen wohl in der Kopfform. Das zumindest legt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern aus Deutschland und den Niederlanden nahe, die im Fachblatt Current Biology erschienen ist.

Nach hinten leicht abgeflachter Kopf

Das Team um den Anthropologen Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und die Neurogenetikerin Amanda Tilot vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen hat den Einfluss von überkommener Neandertaler-DNA in modernen Genomen auf die Schädelform von mehr als 440 menschlichen Zeitgenossen untersucht. Demnach haben moderne Menschen, die diese genetischen Fragmente besitzen, einen im Vergleich geringfügig länglicheren, nach hinten leicht abgeflachten Kopf - und auch ein entsprechend anders geformtes Gehirn als Menschen ohne die Erbgutabschnitte der vor 40 000 Jahren ausgestorbenen Verwandten.

Ob der Befund auch Unterschiede in der neurologischen Funktion der jeweiligen Gehirne zeitigt, muss in weiteren Studien erst noch untersucht werden. Wie Senior-Autor Simon Fisher vom MPI in Nijmegen jedoch gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Science betont hat, würden solche Unterschiede wohl auch eher marginal ausfallen, die Gehirnentwicklung werde schliesslich von einer Vielzahl von Genen gesteuert. Es geht also nicht um Unterschiede in der Intelligenz.

Zwei Gene erklären, warum das Gehirn moderner Mensch so auffallend rund ist

Das Neandertaler-Erbgut dämpft jedoch offensichtlich die Umsetzung zweier Gene in der neuronalen Entwicklung und könnte umgekehrt erklären, warum das Gehirn moderner Homo-sapiens-Vertreter grundsätzlich so auffallend rund ist. Die betreffenden Gene URB4 und PHLPP1 vermitteln die Produktion von Nervenzellen und isolierenden Nervenumhüllungen im hinteren Bereich des Gehirns, die beim Menschen nach der Geburt stark zunimmt. Neugeborene haben daher noch eher längliche, flache Schädel, die sich innerhalb des ersten Lebensjahres jedoch stark runden.

Zu den neuen Erkenntnissen der Studie gehört, dass Wissenschaftler auf der Grundlage moderner Genome auf die Funktion von Abschnitten im Neandertaler-Erbgut schliessen und dadurch auch anatomische Unterschiede zwischen den beiden Menschenspezies erklären können. Wie die Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Universität Tübingen dem Fachmagazin Science erklärte, ist dieser Ansatz insbesondere für das Gehirn interessant, da das weiche Nervengewebe in fossilen Überresten von Neandertalern nicht erhalten bleibt.

Die Autoren der neuen Studie haben unterdessen angekündigt, die britische UK Biobank für künftige Untersuchungen nutzen zu wollen, um weitere mögliche Einflüsse des Neandertaler-Erbguts auf die Gehirnentwicklung zu untersuchen - und möglicherweise auch erklären zu können, warum die eigentlich sehr grossen Gehirne dieses ausgestorbenen Verwandten dem menschlichen Gehirn am Ende doch unterlegen waren.

Süddeutsche Zeitung

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