Welchen Anteil Gene an unserer Intelligenz haben

Nicht jeder Mensch kann alles erreichen. Zu diesem unbequemen Schluss kommen britische Forscher. Was bedeutet das für die Bildungspolitik?

Vererbt oder erlernt? Eine Studie mit Zwillingspaaren liefert neue Erkenntnisse. Foto: iStock

Vererbt oder erlernt? Eine Studie mit Zwillingspaaren liefert neue Erkenntnisse. Foto: iStock

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Welcher Beruf darf es sein? Rechtsanwalt oder Dieb, Kaufmann oder Bettler – oder doch lieber Arzt? Alles ist drin, für jeden. So schrieb es sinngemäss der Psychologe John Watson in den 1930er-Jahren. Er hielt den Menschen, dessen Bildung und Intelligenz ausschliesslich für das Produkt der Erziehung. Biologische Einflüsse spielten keine Rolle, meinte Watson. Beweise dafür habe er allerdings nicht, räumte er ein.

Ein knappes Jahrhundert später mangelt es nicht mehr an Daten – und die zeigen in eine andere Richtung. Wie lange jemand zur Schule geht, ob sie oder er mit Anfang zwanzig in einem Hörsaal sitzt, hängt zu einem Teil vom Erbgut ab. Bis zu 60 Prozent des unterschiedlichen Bildungsniveaus von Menschen sind genetisch bedingt, haben Forscher um Robert Plomin vom King's College London ermittelt.

DNA prägt Lust zu lernen

Wie Plomin und seine Koautoren nun in der Fachzeitschrift «Scientific Reports» schreiben, spielen Gene sogar für Details des Bildungswegs eine erhebliche Rolle, etwa für die Frage, ob sich ein angehender Student an einer besonders renommierten, als anspruchsvoll bekannten Uni bewirbt. «Unsere Ergebnisse zeigen erstmals, dass die Lust, die junge Menschen auf höhere Bildung entwickeln, zum Teil von ihrer DNA geprägt ist», sagt die Erstautorin der Studie, Emily Smith-Woolley.

Sie und ihre Kollegen werteten Genomdaten von gut 1500 ein- und zweieiigen britischen Zwillingspaaren aus, die Mitte der 1990er-Jahre zur Welt kamen und deren Bildungskarrieren den Forschern bekannt waren. Derartige Zwillingsstudien erlauben es, die Erblichkeit etwa von Körpermerkmalen, Verhaltensweisen oder Leistungsfähigkeit zu ermitteln. Dabei beschreibt der Begriff «Erblichkeit» lediglich das Ausmass, in dem sich die individuellen Unterschiede zwischen Menschen – etwa der erreichte Schulabschluss – genetisch erklären lässt.

Die Daten dazu sind recht solide, mehrere Studien sind zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen. Doch wenn vom starken Einfluss der Gene auf Bildung und Intelligenz die Rede ist, dann kommt es in der öffentlichen Wahrnehmung schnell zu Ängsten und Missverständnissen. «Das ist besonders in Deutschland ein heikles Thema», sagt André Reis. Der Humangenetiker vom Universitätsklinikum Erlangen hat soeben zusammen mit dem Saarbrücker Psychologen Frank Spinath eine Übersichtsarbeit zur Erblichkeit von Intelligenzunterschieden veröffentlicht.

Nicht jeder Mensch kann alles erreichen.


Schnell werden Erinnerungen an die Eugenik und deren barbarische, pseudowissenschaftliche Argumente wach. Die Eugenik war es auch, der John Watson mit seiner Behauptung vom beliebig formbaren Menschen etwas entgegensetzen wollte – schliesslich verfüge «die Gegenseite» ebenso wenig über Beweise wie er selbst, schrieb der Psychologe.

Tatsächlich hat der Befund, dass die Gene den erreichten Bildungsgrad mitbestimmen, nichts mit dem Determinismus der Eugenik zu tun. Doch selbst wer nicht an historische Gräueltaten denkt, mag Unbehagen empfinden.

Zu Recht darf man zweifelnd fragen: Wenn die Gene einen derart grossen Einfluss auf den Bildungsweg haben – ist dann für Menschen mit ungünstigen Erbanlagen jede Mühe sinnlos? Tatsächlich führen die Studienergebnisse zu einem Schluss, der schwierig zu akzeptieren sein mag: Nicht jeder Mensch kann alles erreichen.

Anders im Einzelfall

So gesellschaftlich relevant die Erkenntnisse der Verhaltensgenetiker sind, so sehr verlangen sie nach einigem Fachwissen, um richtig interpretiert zu werden. Wie für alle statistisch ermittelten Ergebnisse gilt auch hier: Die Prozentangaben beziehen sich lediglich auf den Durchschnitt, nie auf einen Einzelfall.

Statistisch gesehen bedeutet eine hohe Erblichkeit von Bildungsniveau und Intelligenz, dass Eltern mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Kinder mit ähnlichen Fähigkeiten haben. Selbstverständlich gibt es die Ausnahmen von der Regel: die Chefärztin, deren Mutter und Vater Hilfsarbeiter waren, oder den Schulabbrecher aus einem intellektuellen Elternhaus. Wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen, kann vieles passieren, was die Intelligenz und die Bildungsvoraussetzungen eines Kindes in beide Richtungen von denen seiner Eltern abweichen lässt. Daher lassen sich aus populationsgenetischen Studien zwar Aussagen für grössere Gruppen ableiten, nicht aber für einen einzelnen Menschen.

Und sogar auf den Durchschnitt bezogen bedeutet der Einfluss des Erbguts nicht, dass damit jegliche Eigeninitiative umsonst wäre, weil die Entscheidung für oder gegen Matur und Uniabschluss seit der Zeugung vermeintlich schon feststehe. «Es ist falsch, ‹genetisch› mit ‹unveränderbar› gleichzusetzen», sagt die Psychologin und Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Gene und Umwelt beeinflussen sich gegenseitig auf so komplexe Weise, dass Forscher immer tiefer gehende Antworten auf die alte Frage «Nature or nurture» – vererbt oder erlernt – finden. Zunehmend wird klar: Unpassend an dieser Frage ist vor allem das mittlere der drei Worte, das «oder». Gene und Umwelt stehen nicht in einer Entweder-oder-Beziehung. Stattdessen müsse es «nature via nurture» heissen, schreiben Stern und ihr Grazer Kollege Aljoscha Neubauer in ihrem Buch «Intelligenz – Grosse Unterschiede und ihre Folgen».

Das Potenzial ausreizen

Darin erklären sie das intellektuelle Potenzial eines Menschen anhand einer Blume. Deren Gene befähigen sie, eine üppige Blüte hervorzubringen. Doch damit es dazu kommt und die Pflanze ihr Potenzial voll ausschöpfen kann, benötigt sie genügend Nährstoffe, Licht und Wasser. Andernfalls würde sie höchstens kümmerlich blühen, da nützen die besten Gene nichts.

Dieses Prinzip gilt für jedes Lebewesen, den Menschen eingeschlossen. Wenn zu Hause viele Bücher herumstehen und die Eltern ihr Kind zum Lernen motivieren, dann kann das intellektuelle Potenzial des Kindes aufblühen. Unbegrenzt ist diese Entwicklung jedoch auch in der besten Umgebung nicht. Die obere Grenze bestimmen – eine optimale Förderung vorausgesetzt – die Gene. Um im Bild der Pflanze zu bleiben: Selbst mit noch so guter Pflege wird eine Blume, die die Gene eines Gänseblümchens in sich trägt, keine rote Rosenblüte hervorbringen.

Die beste Prognose, ob ein Kind für die Matur geeignet ist, liest man immer noch aus dem Zeugnis.


Eines sind die Erkenntnisse über den genetischen Einfluss auf Bildung und Intelligenz jedenfalls nicht: eine Rechtfertigung dafür, alle Fördermassnahmen für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern einzustellen. Schliesslich ist bei ihnen die Wahrscheinlichkeit grösser, dass noch nicht ausgeschöpftes Potenzial brachliegt. Erreicht ein Schüler mit wenig privilegierter Herkunft einen Maturaschnitt von 4,0, steckt womöglich mehr in ihm, wenn er eine lern-freundlichere Umgebung findet. Wer dagegen trotz gebildeter Eltern, reichlicher Anregungen sowie eigener Motivation die genannte Note erreicht, hat vermutlich bereits das Beste aus sich herausgeholt.

Doch was, wenn die Eltern eines Kleinkinds wissen wollen, ob sie später zu seiner Maturafeier gehen werden? Wird ihnen bald ein Erbguttest weiterhelfen, um das genetisch bedingte Bildungspotenzial ihres Kindes zu bestimmen? «Davon sind wir Lichtjahre entfernt», sagt die Lernpsychologin Stern. Der Humangenetiker Reis glaubt nicht, dass es einen Markt für solche Gentests gibt. Zum einen hätten diese «eher die Qualität eines Horoskops, und das wird auch noch lange so bleiben». Zum anderen existiert längst eine viel einfachere Prognosemöglichkeit. Die bringt jedes Kind ohnehin zweimal im Jahr nach Hause: das Zeugnis. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.11.2018, 09:17 Uhr

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