Doktortitel leicht gemacht

Ein Schweizer Ghostwriting-Unternehmen liefert massgefertigte Masterarbeiten und Dissertationen. Moralische Bedenken hat der Inhaber keine.

Thomas Nemet, CEO von Acad Write, betreibt ein aussergewöhnliches und umstrittenes Geschäft.

Thomas Nemet, CEO von Acad Write, betreibt ein aussergewöhnliches und umstrittenes Geschäft.

Serkan Abrecht

Wer vor seinen Namen an der Türklingel und auf der Visitenkarte ein «Dr.» schreiben darf, scheint in seinem Leben etwas erreicht zu haben. Der liebe Gott hat zwar den Schweiss vor den Erfolg gestellt, doch es geht auch einfacher: Anstatt viel Zeit aufzubringen, braucht es nur viel Geld. Mehrere Tausend Franken und die Firma von Thomas Nemet mit Sitz in Kloten liefert eine massgefertigte Doktorarbeit. Diese einzureichen ist zwar Betrug, aber das kümmert Nemet nicht; für ihn ist es sein täglich Brot. Seine Firma in Zürich liefert massgeschneiderte akademische Arbeiten für mehrere Tausend Franken und die Schweizer Unis sind dagegen rat- oder machtlos. «Bis jetzt gab es jedoch noch keinen Fall im akademischen Ghostwriting, der disziplinarische Massnahmen nach sich zog», so Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel. Das wundert Thomas Nemet nicht: «Seit wir in der Schweiz sind, ist es noch nie vorgekommen, dass bei einem unserer Kunden die Arbeit nicht angenommen wurde.»

Besonders das Internet hat es ermöglicht, schnell und einfach Plagiate zu entdecken und schneller und noch einfacher zu plagiieren. Genauso simpel ist es, damit Geld zu machen; und diese Aspekte verbindet die Zürcher Firma. Zwar plagiieren sie nicht, das wäre dem Unternehmen zu unprofessionell, sie vermitteln Ghostwriter, die für ihre Kunden Arbeiten wie Masterarbeiten oder Dissertationen schreiben. Wer vor 30 Jahren einen Ghostwriter gesucht hat, musste Zeitungsinserate durchforsten und an schwarzen Brettern nach möglichen Anbietern suchen. 2015 geht man auf Google, gibt «Ghostwriter Schweiz» ein und schon ist man bei der Acad Write – ihr Partner für akademisches Ghostwriting.

Pulitzer im Spitalbett

Seit dem Plagiats-Skandal um den ehemaligen deutschen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Betrug bei akademischen Arbeiten und Texten medial publik geworden, wobei zu Guttenberg nur die Spitze des Eisbergs ist. Vor 61 Jahren lag John F. Kennedy zum wiederholten Mal wegen seinen Rückenproblemen im Spitalbett. Damals war er noch Senator von Massachusetts und während zwei Jahren bettlägrig, konnte nicht politisieren, dafür offenbar einen Roman verfassen: «Profiles in Courage», Zivilcourage, in dem er das Leben von acht US-Senatoren schildert, die sich zwischen Partei und Gewissen entscheiden mussten, brachte ihm 1957 den Pulitzerpreis ein. Doch wie konnte Kennedy so aufwendigen Recherchen nachgehen, wenn er bettlägrig war und nur im Korsett aufrecht gehen konnte? International kamen Zweifel an Kennedys Werk auf. Damals waren es nur Spekulationen und Gerüchte. Erst in den Memoiren seines Redenschreibers Ted Sorensen, hat dieser bekannt gemacht, dass er der wahre Autor von «Profiles in Courage» sei. Das war 2008. Drei Jahre ­darauf fiel auch zu Guttenberg und die Plagiathetze begann.

Der Diebstahl geistigen Eigentums ist keineswegs ein Phänomen der Neuzeit. «Sehr wahrscheinlich gab es schon in der Antike Ghostwriter, es ist ein sehr altes Geschäft. Natürlich hat sich das Writer-Business wie jedes andere in den letzten Jahren drastisch verändert, was auch uns zu Nutzen gekommen ist», so Nemet. Die Digitalisierung hat Plagiieren so einfach gemacht wie noch nie zuvor. Kurz auf Google sich die benötigten Informationen beschaffen, umschreiben, den Schreibstil ändern und schon hat man ein Plagiat, das schwer als solches zu belegen ist.

Unikat statt Plagiat

Es gibt Plagiatsprogramme, die Texte nach deren Originalität überprüfen, indem sie diese mit archivierten oder im Internet zugängigen Arbeiten und Texten abgleichen. Programme wie PlagScan führen sporadisch dazu, dass Personen des öffentlichen Lebens in Verruf geraten, weil Kritiker ihre Dissertationen oder Master durch den Computer rasseln lassen und so Teil- oder Vollplagiate entdecken. Hier kommt dann wieder die Acad Write ins Spiel. «Bei uns wird nicht abgeschrieben», meint Nemet, «jede Arbeit, die wir schreiben, ist ein Unikat. Unsere Autoren holen sich nicht irgendwelche Informationen von Wikipedia und schreiben diese dann um. Für das werden wir nicht bezahlt.»

Aus diesem Grund stellt das Unternehmen nur Autoren mit akademischem Abschluss ein. Dozenten, Doktoren, Juristen und Professoren schreiben individuell auf die Fachrichtung des Auftraggebers ausgerichtet. Dieses professionelle Vorgehen stellt nun die Hochschulen vor ein grosses Problem. Handelt es sich bei der eingereichten Arbeit tatsächlich um ein vom Autor erstelltes Unikat, so ist jedes Plagiatsprogramm nutzlos. Die einzige Möglichkeit, um Studenten daran zu hindern, ihre Arbeit von Ghostwritern schreiben zu lassen, ist die Betreuung der Professoren. Doch eine intensive, individuelle Betreuung ist bei der grossen Anzahl der Studenten schlicht nicht möglich. Darüber hinaus wird der Auftraggeber von seinem Ghostwriter auch regelmässig über den Arbeitsfortschritt informiert, sodass er in den Betreuungsgesprächen über seine Arbeit informiert ist und sie auch erklären und diskutieren kann.

Eine Frage des Geldes

Obwohl sich die Nachfrage nach akademischem Ghostwriting momentan noch in Grenzen hält (2014 sind bei der Ghostwriterfirma aus der Schweiz 115 konkrete Arbeitsaufträge eingegangen, 20 davon aus Basel), kann es für das akademische Bildungssystem prekäre Auswirkungen haben. Der Auftraggeber gibt im Normalfall eine Eigenhändigkeitserklärung bei der entsprechenden Fakultät ab, in der er versichert, dass die eingereichte Arbeit eine Eigenleistung ist. Ein Student, der keine moralische Bedenken beim Bruch dieser Erklärung und ordentlich etwas auf dem Konto hat, kann den Titel kaufen. 10'000 Franken kostet eine Masterarbeit im Durchschnitt, 50'000 eine Dissertation.

Bachelor und Master stellen aber nur das Tüpfelchen auf dem i dar, denn für die Beendigung eines Studiums sind neben der Abschlussarbeit auch eine bestimmte Anzahl Kreditpunkte und Prüfungen nötig. Anders bei der Doktorarbeit: Wer die Dissertation erfolgreich meistert, erhält den Doktortitel im entsprechenden Fachgebiet. «Wir legen niemandem nahe, eine von uns angefertigte Dissertation zur eigenen Promovierung einzureichen. Verbieten können wir es jedoch nicht, es ist schliesslich unser Geschäft.»

Nutzlose Programme

Dass die Schweizer Universitäten das Vorkommnis des akademischen Ghostwriting als «rar» oder sogar als «nicht existent» bezeichnen, lässt auf zwei Szenarien schliessen: Im ersten Szenario werden tatsächlich keine oder kaum Arbeiten eingereicht, die von Dritten verfasst worden sind. Die Universität Zürich dokumentiert nur einen Fall des akademischen Ghostwriting, welcher disziplinarische Massnahmen nach sich zog, während der Uni Basel keiner bekannt ist. Im zweiten Szenario bewahrheitet sich die Aussage von Nemet, dass ihre Arbeiten tatsächlich nicht entdeckt werden. Man kann also gut und gern davon ausgehen, dass 115 Personen dieses Jahr einen Bachelor, Master oder sogar den Doktortitel geschafft haben und dies ganz ohne oder nur mit partieller Eigenleistung. Es stellt sich deshalb die Frage, ob die Master- und Bachelorarbeiten obligatorisch geschrieben werden müssen, um den Abschluss zu erhalten.

Die Dissertation hingegen ist essenziell, um zu promovieren. Was das zweite Szenario noch realistischer aussehen lässt, ist die Tatsache, dass sich die Schweizer Universitäten intern noch gar nicht mit dem Phänomen auseinandergesetzt haben. Die Unis ahnden Ghostwriting genau wie Plagiate und gehen auch genauso dagegen vor. Auf die Anfrage zur Prävention von Ghostwriting antworteten die Unis Basel, Zürich und St. Gallen alle gleich: «Wir verwenden Plagiatsprogramme, um die Echtheit der Arbeiten zu überprüfen.» Da Ghostwriter-Firmen die gleichen Programme auch nutzen und keine ­Plagiate erstellen, ist dieses Vorgehen nutzlos.

Basler Zeitung

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