Mit dieser Technik lernte David Mzee wieder gehen

Der Paraplegiker machte im Rahmen einer neuen ETH-Therapie nach nur fünf Tagen erste Schritte. So funktioniert die Methode.

«Da wusste ich, jetzt ist etwas kaputt»: David Mzee erzählt von seinem Unfall, und wie er Jahre später wieder die ersten Schritte ging. Video: Sabina Bobst/Anthony Ackermann

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«Ein, zwei, drei Schritte», sagt David Mzee. Und dies nach all den Jahren im Rollstuhl, ergänzt der 30-jährige Sportlehrer. Seit November 2010 ist er durch einen Unfall beim Training querschnittgelähmt. Es sei ein unglaubliches Gefühl gewesen, das erste Mal wieder freihändig zu gehen. «Einfach cool. Das war ein Schlüsselerlebnis, das ich bestimmt nie vergessen werde.»

Seit knapp zwei Jahren kann David Mzee nun also wieder laufen. Genauer gesagt: Er kann mit einer Gehhilfe – und ohne andere Unterstützung – ein paar Schritte tun, vielleicht zehn, zwanzig Meter weit. Und er kann wieder sicherer stehen, ohne sich stützen zu müssen. Er kann also Dinge tun, von denen die allermeisten querschnittgelähmten Patienten ein Leben lang nur träumen.

Was wie ein medizinisches Wunder klingt – ist keines. Vielmehr verdankt Mzee seine teilweise wiedererlangten motorischen Fähigkeiten einer neuartigen, in der Schweiz entwickelten Elektrostimulationstherapie sowie fünf Monaten hartem Rehabilitationstraining. «Nach den Trainings war ich jeweils total k.o.», sagt David Mzee.

«Ein riesiger Schritt»

Die neue Therapie wurde im Rahmen einer klinischen Studie am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (Chuv) an bislang drei Patienten getestet. Mit grossem Erfolg: Auch die beiden anderen Rückenmarksverletzten, der Holländer Gert-Jan Oskam und der Freiburger Sébastien Tobler, machten im Rahmen der Therapie ähnlich grosse Fortschritte wie David Mzee. Dies berichtet ein Forscher- und Ärztekonsortium um Grégoire Courtine von der ETH Lausanne (EPFL) heute im Wissenschaftsmagazin «Nature». «Das ist ein riesiger Schritt bei der Behandlung von bislang als unheilbar geltenden Querschnittlähmungen», schreibt der Neurotechnologe Chet Moritz von der University of Washington in Seattle in einem Kommentar zur Studie.

Für ihre neue Therapie setzte das Team um den Neurowissenschaftler Courtine und die Neurochirurgin Jocelyne Bloch vom Chuv auf eine elektrische Stimulation des Rückenmarks. Dazu pflanzte Bloch David Mzee und den anderen Patienten eine Elektrodenplatte mit 16 Kontakten in das Rückenmark ein, und zwar im Lendenwirbelbereich, unterhalb der Verletzung. Das ist jene Region, welche die Beinmuskulatur steuert.

Bloch positionierte die Elektroden bei der Operation so präzise, dass die einzelnen Kontakte unterschiedliche Muskeln anregen konnten, den Hüftbeuger etwa oder den Kniestrecker, und zwar zeitlich und räumlich gestaffelt. Zudem implantierte die Neurochirurgin den Patienten einen Pulsgenerator, wie er zur Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Patienten verwendet wird. Dieser sendet die elektrischen Impulse an die Elektroden.

Die Forscher programmierten den Pulsgenerator dann derart, dass dieser bei David Mzee und den anderen Patienten eine möglichst natürliche Laufbewegung auslösen konnte. Dazu benutzten sie verschiedene in Echtzeit gemessene Parameter wie die Aktivität der Beinmuskeln und die Körperbewegungen. Laut Courtine ist dieses zeitlich und räumlich auf die geplanten Bewegungen abgestimmte Stimulationsmuster der Schlüssel zum Erfolg. «Das ist absolut zentral.» Bei früheren Versuchen hätten andere Forscher kontinuierlich stimuliert, und daher habe es dort fast ein Jahr gedauert, bis die Gelähmten wieder laufen konnten. «Bei uns können sie in nur fünf Tagen erste Schritte machen.»

Das habe vor allem damit zu tun, dass die gezielte Elektrostimulation natürliche Bewegungsabläufe verstärke, erzählt Courtine. Die meisten Querschnittgelähmten hätten im Bereich der Verletzung noch anatomisch intakte Nervenfasern, die aber funktionell stillgelegt seien. Die Stimulation könne diese Fasern quasi wecken, wenn der Stromimpuls gleichzeitig mit dem Befehl aus dem Hirn im Rückenmark ankomme. «Es braucht beides, Hirnbefehle plus Stimulation, um die Faser zu reaktivieren.»

«Am Anfang hat es noch nicht gut geklappt», sagt David Mzee, «weil die Stimulation nicht das gemacht hat, was ich genau wollte.» Doch nach nur einer Woche sei bei allen drei Studienteilnehmern die Stimulation richtig eingestellt gewesen, und sie hätten die ersten Schritte machen können, sagt Courtine.

In den ersten Wochen und Monaten der Therapie schlüpften die Patienten bei den Trainings jeweils in einen Tragegurt, der ihr Gewicht entlastete. Denn neben den Bewegungsabläufen, welche die Patienten wieder lernen mussten, hatten sie noch ein zweites Problem: Durch die lange Inaktivität war ihre Beinmuskulatur stark zurückgebildet. «Sébastien Tobler hatte Beine wie Spaghetti», sagt Grégoire Courtine. «Er brauchte vier Monate, um an Muskelmasse zuzulegen.»

Zunahme der Muskelmasse

Mit der Zeit lernten David Mzee und die anderen Patienten, ihre Bewegungen immer besser zu koordinieren. Sie brauchten, je länger die Therapie dauerte, desto weniger Entlastung des Eigengewichts und legten auch deutlich an Muskelmasse zu. Gegen Ende des fünf Monate langen Trainings konnten David und Gert-Jan sogar ohne Elektrostimulation einige Schritte tun. David Mzee schaffte es gar, die paar Meter zwischen zwei Barrenholmen ganz frei zu laufen – ohne Entlastung, ohne sich dabei abzustützen und ohne Stimulation. «Das war ein grosser Erfolg für mich», sagt Mzee. Für Courtine war es schlicht «wahnsinnig!».

Auch nach Ende des intensiven Trainings im Rahmen der Studie geht die Therapie für die drei Patienten weiter. Sie haben die Möglichkeit, das Training zu Hause fortzusetzen und die Fortschritte monatlich von den Studienärzten kontrollieren zu lassen. Courtine ist überzeugt, dass sie dabei weitere Verbesserungen machen würden: «Ganz ohne Gehhilfe werden sie wegen der fehlenden Balance aber vermutlich nie laufen können», sagt er und fügt gleich an: «Man sollte das, was wir erreicht haben, nicht überbewerten.»

Grössere Studie geplant

Derweil planen Courtine und Bloch schon die nächsten Schritte. Nach Abschluss der aktuellen Studie mit fünf weiteren Patienten wollen sie ab Sommer 2019 im Rahmen einer zweiten Studie insgesamt 20 Patienten mit Rückenmarksverletzungen behandeln. An vier verschiedenen Zentren, darunter in Lausanne und in Zürich, sollen dabei verbesserte Elektroden zum Einsatz kommen, und vor allem wollen sie Patienten behandeln, deren Verletzungen maximal vier Wochen zurückliegen – und nicht bis zu sechs Jahren wie in der aktuellen Studie. «Das Potenzial für funktionelle Verbesserungen», sagt Chirurgin Jocelyne Bloch, «ist bei frisch Verletzten viel grösser.»

Andere Experten sehen das ähnlich. Die Ergebnisse seien so interessant, dass die Therapie an einer grösseren Anzahl von Patienten erprobt werden sollte, sagt Rainer Abel, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Querschnittgelähmte in Bayreuth. Alltagstauglich sei die Methodik noch nicht. «Das kann sie aber mit vertretbarem Risiko werden, wenn sie sich bewährt.»

Der jetzige Therapiedurchbruch ist das Ergebnis von zehn Jahren Grundlagenforschung in Courtines Labor, zuerst an querschnittgelähmten Ratten, die 2009 wieder laufen lernten, später auch mit Rhesusaffen. «Wir haben zwar einen Meilenstein erreicht», sagt Courtine, «aber letztlich ist das nur ein erster Schritt.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.11.2018, 08:26 Uhr

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