Hitze setzt der Psyche mehr zu als Dunkelheit

Der Psychiater Thomas Müller hat die Eintritte in eine Berner Klinik von 1973 bis 2017 mit dem Klima abgeglichen und kam zu einem verblüffenden Ergebnis.

«Die psychische Verletzlichkeit kommt in den Gedanken über den Klimawandel viel zu kurz»: Psychiater Thomas Müller. Foto: David Birri

«Die psychische Verletzlichkeit kommt in den Gedanken über den Klimawandel viel zu kurz»: Psychiater Thomas Müller. Foto: David Birri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn die Tage vor Weihnachten kürzer und dunkler werden, neigen angeblich viele unter uns auch zu dunklen Gedanken. Besonders für Menschen mit Depressionen gelten der lichtarme November und Dezember als schwierige Monate. In den psychiatrischen Kliniken müssten die Betten in diesen Wochen also jeweils voll sein. Das sind sie aber nicht. Der Ansturm in den Kliniken ist vielmehr dann am grössten, wenn es in der warmen Jahreszeit extreme Wetterwechsel gibt. So wie in den Hitzesommern von 2003 oder 2015.

Zu diesem verblüffenden Befund ist der Psychiater Thomas Müller (51) mit seiner aussergewöhnlichen Berner Studie gelangt. In Kooperation mit Meteorologen hat er aus dem Zeitraum von 1973 bis 2017 über 80'000 Patienteneintritte in die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) in der Berner Waldau mit der Wetterlage am jeweiligen Eintrittstag abgeglichen. Müller war bis 2016 stellvertretender Direktor der UPD Waldau, seit 2017 wirkt er als ärztlicher Direktor der Privatklinik Meiringen, an der Universität Bern hat er eine Titularprofessur für Psychiatrie inne.

Schweizer Pionierstudie

Eine vergleichbare und derart langfristige Studie über das Zusammenspiel von Klima und Psyche hat es in der Schweiz, ja in Europa noch nie gegeben. Im Frühjahr sollen die Ergebnisse in einer Wissenschaftszeitschrift publiziert werden, bestätigt Müller gegenüber dieser Zeitung. Arbeitstitel: «When the Weather Drives Mad» – wenn uns das Wetter verrückt macht.

Ist also der Winterblues bloss eine Legende? «Nein», widerspricht Thomas Müller, «viele Menschen reagieren auf die dunkle Jahreszeit, die saisonale Herbst- und Winterdepression wird gar als eigene Krankheitsunterart anerkannt. Noch stärker als durch anhaltend trübe Tage wird die Psyche aber offenbar von extremen Wetterwechseln und Hitzeausschlägen gestresst.»

«Als ich jung war, wollte ich Meteorologe werden, meine Eltern fanden das aber keine so tolle Idee.»Thomas Müller, Psychiater

Ihren Anfang nahm die Studie im Frühling des Hitzejahrs 2003. Damals sass Müller, seinerzeit Oberarzt in der UPD Waldau, im Laborgebäude der Klinik und realisierte, dass nicht weniger als 30 von rund 220 Betten unbelegt waren. «Das kann doch nicht sein, so viele leere Betten», habe er sich gewundert. «Ich schrieb es der offenbar beruhigenden Wirkung des stabilen, warmen Frühlingswetters mit Temperaturen von über 20 Grad zu», erinnert sich Müller.

Frühjahrshitze füllte Klinik

Im April aber kündigte sich mit einem ersten verfrühten Hitzeschub der Rekordsommer an. «Die Klinik war nun plötzlich rappelvoll», berichtet Müller. Und sie füllte sich nach jedem weiteren Hitzeschub von neuem. Es wurde in jenem Sommer zu einem Muster des Ansturms. Schizophrene, Depressive, Altersdemente – sie alle vertrugen offenbar die immer wieder auf fast 40 Grad gestiegenen Temperaturen schlecht.

Dass aus Müllers ersten Beobachtungen im Hitzesommer 2003 dann eine Hypothese über unsere Wetterfühligkeit und schliesslich eine Pionierstudie erwuchsen, ist auf zwei schöne Zufälle zurückzuführen. Der erste: Psychiater Müller ist ein Meteorologiefan. «Mein Grossvater war Beobachter an einer klösterlichen Wetterwarte. Als ich jung war, wollte ich Meteorologe werden, meine Eltern fanden das aber keine so tolle Idee», erzählt er mit einem Lächeln.

«Ja nicht wegwerfen!»

Der zweite Zufall: 2006 erhielt Müller einen Anruf der UPD-Direktionsassistentin. Es gebe da noch alte Patienteneintrittsakten zurück bis zum Jahr 1973, teilte sie mit und fragte, ob er diese gebrauchen könne oder ob sie sie vernichten solle. «Auf keinen Fall vernichten!», antwortete Müller hellsichtig. Er erbte ein Papierkonvolut, das ihn in die Frühzeit des Computerzeitalters zurückführte. «Die ältesten Daten befanden sich auf einer über 20 Meter langen Papierbahn, es war ein alter Computerausdruck», erzählt Müller.

In tagelanger Kleinarbeit kämmten er und ein Doktorand die 110'000 anonymisierten Tageseintritte durch. Sie sortierten Verdoppelungen aus und ordneten die Eintrittsbefunde in die Klassifikation der psychischen Krankheiten ein. Die anonymisierten Eintrittsdaten ab 1996 konnte ihm die Klinik dann in elektronischer Form zur Verfügung stellen. Nach der Bereinigung verfügte Müller über rund 80'000 hieb- und stichfeste Daten.

«Man kann annehmen, dass ruhiges, nicht zu kaltes und nicht zu heisses Wetter die Psyche beruhigt.»Thomas Müller, Psychiater

«Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und rief im geografischen Institut der Uni Bern an. Ich sagte, ich hätte da eine etwas ungewöhnliche Anfrage zur interdisziplinären Forschung», erinnert sich Müller. Die Geografen fanden die Anfrage überhaupt nicht ungewöhnlich und verwiesen Müller gleich an den Meteorologen Jürg Luterbacher. Der hatte auch schon die Dicke der Jahresringe in den Bäumen mit dem Klima in Verbindung gebracht. Heute ist Luterbacher Professor für Meteorologie an der Universität Giessen in Deutschland – und Müllers wichtigster Koautor bei der Studie über das verrückt machende Wetter.

Das Forscherteam aus der Waldau und dem geografischen Institut bestätigte, dass die Belegung der Klinik vor allem nach heftigen Wetterwechseln in der warmen Jahreszeit hochschnellte. Aus dem Datenmaterial liess sich aber nicht ableiten, welche psychische Krankheitstypen in welchem Masse auf die Wetterlage reagieren. Müller kann auch nicht explizit sagen, welche Wetterlagen unserer Seele besonders gut tun. «Man kann aber annehmen, dass ruhiges, nicht zu kaltes und nicht zu heisses Wetter die Psyche beruhigt», sagt er. Und fügt an, dass in der Psychiatrie die an Schizophrenie und an Altersdemenz Leidenden als besonders verletzlich gelten.

Dass auch psychiatrische Kliniken ihre Kapazitäten auf den Klimawandel ausrichten müssen, wird noch verkannt.

Übrigens habe das zu Ende gehende Jahr in seinem Team noch für eine kleine Irritation gesorgt, gesteht Müller. Obwohl es eines der wärmsten seit Messbeginn war, erlebten die Kliniken nicht den gleichen Andrang wie in früheren Hitzeperioden. Müller vermutet dahinter zwei Gründe: Der Sommer 2018 war durchgehend warm, aber ohne heftige Spitzen, so dass sich die Psyche besser an die Wärme gewöhnen konnte. Und der 2018 neu eingeführte Psychiatrietarifvertrag hat in allen Schweizer Kliniken zu einer Verkürzung der Liegedauer geführt. «Das Jahr 2018 ist vielleicht die Ausnahme, die die von uns entdeckte Regel bestätigt», sagt Müller.

Leiden in Extremregionen

Der Psychiater liess sich auch von den paar raren Studien aus dem Ausland leiten, die die psychischen Folgen des Klimawandels erforschen. So wurde untersucht, wie das Abschmelzen der Polarregion den Inuit oder die Hitze in den Dürreregionen Afrikas, Asiens und Australiens den eingeborenen Bauern zusetzt. Die Polarvölker reagieren mit Traumatisierungen und Alkoholsucht auf das Verschwinden ihrer Lebensgrundlagen und Jagdgründe. Bei den Bauern in Dürreregionen ist ein Ansteigen der Suizidrate zu erkennen.

«Die psychische Verletzlichkeit kommt in den Gedanken über den Klimawandel viel zu kurz», sagt Thomas Müller. Als Folge der Klimaerwärmung diskutiere man die Ausbreitung der Malaria oder der durch Zecken übertragenen Borreliose. Die Psyche aber werde wie so oft erst ganz zuletzt beachtet.

«Im Frühling haben Depressionskranke wieder Schwung, verspüren aber noch negative Wintergefühle.»Thomas Müller, Psychiater

Beflügelt von seiner Studie hat Müller kürzlich am Bundesamt für Gesundheit (BAG) über den Zusammenhang von Klima und Psyche referiert. «Ich bin dabei noch nicht auf viel Gehör gestossen», sagt er. Zwar gebe es BAG-Prognosen, wie sich die Apotheken- und Hausarztbesuche infolge der Klimaerwärmung bis ins Jahr 2050 häufen könnten. Dass aber auch psychiatrische Kliniken ihre Kapazitäten auf den Klimawandel ausrichten müssen, werde noch verkannt.

Hohe Suizidrate im Frühjahr

Über das Bundesamt für Gesundheit kam Müller immerhin in Kontakt mit dem Swiss Tropical and Public Health Institute in Basel in Kontakt. Das frühere Tropeninstitut hat eben eine Untersuchung über das Zusammenspiel des Klimas mit der Suizidrate in der Schweiz durchgeführt. Die Basler Befunde decken sich mit Müllers Berner Erkenntnis: Heftige klimatische Veränderungen setzen der Psyche zu. Aufgrund der Google-Abfragen nach Suizidmethoden erkannten die Basler, dass sich die Suizide weniger in den dunklen Wintermonaten, sondern im Frühjahr häufen. «Im Frühling haben Depressionskranke wieder Schwung, verspüren aber noch negative Wintergefühle», erklärt Müller das zeitlich verzögerte Zusammenspiel.

Er möchte nun mit dem Basler Tropeninstitut eine schweizweite Studie über Klima und Psyche durchführen. Noch gibt es aber ein Problem: Das Bundesamt für Statistik verfügt zwar über die anonymisierten Eintrittsdaten aller psychiatrischen Kliniken im Land. Es ist aber gesetzlich festgelegt, dass die Daten nur monats-, nicht tageweise freigeben werden. Was abrupte Wetterwechsel auslösen, könnte so nicht nachvollzogen worden.

Ein kleines Projekt dürfte da schon eher realisierbar sein. Thomas Müller will in seiner neuen Wirkungsstätte, der Privatklinik Meiringen, bei den Eintritts- und Austrittsgesprächen künftig auch erfragen, ob der berüchtigte Haslitaler Föhn den Patienten Kopfschmerzen und andere Beschwerden beschert.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 26.12.2018, 19:24 Uhr

Artikel zum Thema

«Hochwasser und Stürme werden negativer erlebt als Hitze»

Interview Wie der Hitzesommers auf das Klimabewusstsein wirkt und das eigene Umweltverhalten falsch eingeschätzt wird. Mehr...

«Bei der Hitze kann ich überhaupt nicht denken»

Interview Ein Psychologe erklärt die fünf Typen der Wetter-Jammerer, was die Nörglerei nützt und wie man sie stoppt. Mehr...

«Wir beamen uns gerade in eine Heisszeit»

Interview Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber kennt die Kritik an seinem Forschungsfeld, die Resignation und die Ohnmacht. Aber er glaubt an einen Wandel – noch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Mit Sack und Pack: Die Pinguine im Eis- und Schneepark von Harbin müssen Ihren Proviant im Rucksack selber mittragen (13. Januar 2019).
(Bild: Tao Zhang/Getty Images) Mehr...