Zum Hauptinhalt springen

Zwei Baumagnaten demontieren sich

Die Waadtländer Unternehmer Bernard Nicod und Avni Orllati wollten einst gemeinsam einen Turm bauen. Dann bekamen sie Streit. Mittlerweile gilt dieser Zwist als grösster Wirtschaftsskandal des Kantons seit Jahrzehnten.

Bernard Nicod bei einem Anlass im September 2014 in Saint-Maurice VS. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)
Bernard Nicod bei einem Anlass im September 2014 in Saint-Maurice VS. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

In der Baubranche herrschen raue Sitten. Firmen ringen um jeden Auftrag, jede Parzelle, jeden Ziegelstein. So auch in einer schon lange dauernden Fehde zwischen zwei Waadtländer Bau- und Immobilienunternehmern, welche die Zeitung «Le Temps» nun genauer ausgeleuchtet hat. Die Affäre, die auch die Justiz beschäftigt, gilt als grösster Wirtschaftsskandal des Kantons seit Jahrzehnten. Und sie könnte auch die Politik erfassen.

Zwei illustre Figuren stehen im Mittelpunkt: der Westschweizer Immobilienmogul Bernard Nicod und der aufsteigende Bauunternehmer Avni Orllati. Nicod besitzt mehrere Hundert Millionen Franken, wirkt neben dem Immobiliengeschäft als Konsul von Panama, pflegt einen exzentrischen Lebensstil, trägt ausgefallene Mode, erscheint stets in Begleitung junger, ausnehmend schöner Frauen und wurde in jüngeren Jahren wegen eines Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt.

Avni Orllati ist das pure Gegenteil. Er kam in den 90er-Jahren als kosovarischer Migrant in die Schweiz, stieg innert weniger Jahre vom einfachen Baustellenarbeiter zum erfolgreichen Bauunternehmer und Immobilieninvestor auf und hat heute ein grosses Problem: Er hat sich mit Nicod überworfen. Und nebst Nicod ärgert er etablierte Westschweizer Bauunternehmen, weil er sie bei gut dotierten Bauprojekten mit Tiefpreisofferten regelmässig unterbietet und damit aus dem Markt drängt.

Detektiv auf der Mülldeponie

Der Streit zwischen Nicod und Orllati eskalierte im Februar 2016. Sie besitzen in Chavannes-près-Renens VD aneinandergrenzende Grundstücke. Darauf wollten sie gemeinsam einen 117 Meter hohen, 200 Millionen teuren Turm bauen. Die Gemeinde hatte 2014 für das Projekt votiert. Doch Nicod und Orllati zerstritten sich.

Gemäss «Le Temps» setzten Nicod und weitere Bauunternehmer einen Privatdetektiv auf Orllati an, um dessen Geschäftspraktiken und das Geheimnis seiner Tiefstpreise aufzudecken. Ein Verdacht war, dass er giftige Abfälle nicht sachgerecht entsorgte. Der Privatermittler wurde auf Orllatis grossflächige Bauabfalldeponie in der Gemeinde Bioley-Orjulaz entsandt. Er registrierte Nummernschilder von Lastwagen, besorgte bei staatlichen Stellen Zertifikate ihres Ladegewichts, identifizierte Frachtgut und entnahm Proben, die er zur Prüfung in ein Labor brachte.

Die Auftraggeber erwarteten, das Labor würde die Existenz illegaler Stoffe nachweisen: Beweise für eine Giftmülldeponie. Doch einzig in Gewässerproben stellte man einen dreissigfach überschrittenen Chlortoluronwert fest, für den ein Landwirt verantwortlich sein soll.

Was der Detektiv nicht wusste: Seine Recherchen landeten auf dem Pult des langjährigen «24 Heures»-Chefredaktors Fabien Dunand. Auch er recherchierte und verfügte über Aussagen ehemaliger Mitarbeiter Orllatis, die ihren Ex-Chef belasteten. Dunand gelangte wiederholt in anonymisierten Schreiben und Mails an die Waadtländer Regierung und Journalisten, um auf angeblich strafbare Handlungen Orllatis hinzuweisen. Er forderte Interventionen. Insbesondere Regierungsrätin Jacqueline de Quattro, verantwortlich für Raumplanung und Umweltschutz, bekam regelmässig Post. De Quattro traf daraufhin Bauunternehmer und schaltete die Justiz ein. Die Staatsanwaltschaft suchte im September 2016 auf Orllatis Schutthalde nach Spuren für illegales Handlen. Erfolglos.

Von der IP-Adresse verraten

Nun hatten De Quattro und ihr Departement genug von den anonymen Anschuldigungen und erstatteten Anzeige wegen versuchter Drohung und Rufschädigung, worauf die Justiz sich mit dem unbekannten Denunzianten zu beschäftigen begann. Und den pensionierten Journalisten Fabien Dunand anhand seiner IP-Adresse identifizierte.

«Le Temps» wirft Dunand vor, ein Komplott gegen Orllati orchestriert zu haben. Dunand lud gestern Journalisten zu einem Gespräch ein und betonte, er sei nicht Denunziant, sondern Whistleblower, und setzte sich für die Bürger und die Einhaltung der Gesetze ein. Er präsentierte ein Gerichtsurteil gegen Orllatis Firma aus dem Jahr 2007. Gemäss dem Urteil verstiess Orllati gegen Umweltschutzauflagen und betrieb seine Deponie, ohne eine Baubewilligung eingeholt zu haben. Dunand zeigte anhand von Karten, dass Orllatis Schutthalde neben einem Naturschutzgebiet liegt, das dem Kanton Waadt gehört. Der Kanton, so Dunant, habe das Gebiet 2008 für 7,5 Millionen Franken sanieren und von giftigen Stoffen reinigen müssen. Die Gemeinde Bioley-Orjulaz und der Kanton hätten Orllati vieles durchgehen lassen.

Dunand und sein Anwalt fordern vor Bundesgericht, das eingestellte Verfahren gegen Bauunternehmer Orllati wieder aufzunehmen. Zudem soll der Staatsanwalt abgesetzt werden, der nun nach dem Strafverfahren gegen Orllati eines gegen Dunand führt. Orllati selbst hat Nicod wegen Nötigung eingeklagt. Unklar ist die Rolle von Regierungsrätin de Quattro. Ihr Departement teilte gestern mit, Dunands «Behauptungen» seien nicht neu. Man prüfe sie.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch