Die Wut der Fabrikarbeiter: «Wir werden alles kaputt machen»

Ganz unten in der französischen Wirtschaft: Warum Mitarbeiter damit drohen, ihren Betrieb in die Luft zu sprengen.

Die Zerstörung hat bereits begonnen: Trümmer der Maschine, mit der Airbags hergestellt wurden. Foto: Pascal Lachenaud (AFP Photo)

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«Achtung, nur nicht zu nah an die Gastanks», warnt Jean-Marc Ducourtioux. «Hier ist alles vermint!» Auf dem Gelände von GM & S Industry haben Ducourtioux und seine Kollegen Gasflaschen verteilt und mit Zündkabeln verbunden. «Die Keller sind voller Benzinkanister», raunt Ducourtioux. Er behauptet, mit den selbst gebastelten Bomben liesse sich der ganze Betrieb in die Luft jagen. Und damit klar ist, dass es den Arbeitern ernst ist mit der angedrohten Zerstörung ihrer Produktionsmittel, haben sie vor ein paar Tagen bereits damit begonnen. Im Werkshof liegen noch die Trümmer der Maschine, mit der beim insolventen Autozulieferer GM & S Airbags gefertigt wurden. Vor ein paar Tagen haben sie das Gerät mithilfe eines Gabelstaplers verschrottet.

Ducourtioux, 52 Jahre alt und Industriemechaniker, gehört der linksradikalen Gewerkschaft CGT an. Er ist einer von 277 Beschäftigten bei GM & S im ­zentralfranzösischen Städtchen La ­Souterraine. Seit rund zwei Wochen ­halten sie die Fabrik besetzt, um in ihrer Verzweiflung irgendwie eine Rettung herbeizuerzwingen, ehe ein Handelsgericht diese ­Woche womöglich die Abwicklung des maroden Betriebs anordnet. Die Werks­hallen sind heruntergekommen, einige der Maschinen, die darin stehen, museumsreif.

«Wir werden alles kaputt machen», ist auf ein Gasreservoir im Hof geschmiert. Doch die Frage ist, ob die Fabrik ausser den Mitarbeitern jemandem fehlen wird. Finanziell betrachtet hat sie ­keinen Wert. Ihre bisherigen Hauptkunden, die Autohersteller PSA Peugeot ­Citroën und Renault, können sie ent­behren. Da wirkt die Zerstörung, die Ducourtioux und seine Kollegen aufmerksamkeitswirksam inszenieren, wie ein Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Wirtschaftlich unterirdisch

GM & S in La Souterraine – das ist das düstere Kontrastprogramm zur vermeintlichen Lichtgestalt Emmanuel Macron, dem neuen, jungdynamischen Präsidenten, der Frankreichs Wirtschaft wieder erstrahlen lassen will. La Souterraine, «die Unterirdische», ist nach einer im Fels verborgenen Krypta benannt. Jetzt aber steht der beschauliche Ort mit nur 5500 Einwohnern im ländlichen Herzen Frankreichs für «ganz unten». Für die wirtschaftliche Realität eines Teils des Landes. Für das andere, das abgehängte Frankreich, das sich nicht in Macrons Zuversicht wiedererkennt und bei der Präsidentenwahl für Abschottung gestimmt hat. Bei GM & S in La Souterraine kommt vieles zusammen, was die Sorgen der französischen Industrie ausmacht: mangelnde Investitionen, strategische Fehlentscheidungen, Konfliktkultur statt Sozialpartnerschaft.

Wichtige Kennziffern der französischen Wirtschaft insgesamt mögen sich positiv entwickeln. Die Gewinnmargen und Investitionen der Unternehmen steigen, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Speziell die Deindustrialisierung aber ist nicht gestoppt: Das produzierende Gewerbe stellt heute zehn Prozent weniger her als zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren. Vor allem abseits der Ballungsräume schwindet die industrielle Struktur unaufhaltsam. Oft, weil die Unternehmen technologisch den Anschluss verloren und zu wenig in die Aufwertung ihrer Produkte investiert haben, um im Preis-Leistungs-Verhältnis mit ausländischen, aber auch mit französischen Konkurrenten mitzuhalten.

GM & S ist einer dieser dramatischen Fälle, die schnell zum politischen ­Problem für Macron werden können. Auch die Schliessung einer Fabrik im nordfranzösischen Amiens, in der Wäschetrockner für den US-Konzern Whirlpool gefertigt werden, gehört dazu. Oder der Glashersteller Arc International, der in Geldnot ist und in Frankreich mehr als 5000 Mitarbeiter beschäftigt.

Retten, was zu retten ist

Im Wahlkampf hatte Macron gesagt, er wolle mit den üblichen Rettungsversprechen von Politikern brechen, weil das keine langfristige Perspektive für unwirtschaftliche Betriebe böte. Es sei besser, mehr in die Umschulung der Mitarbeiter von Pleitefirmen zu investieren. Doch nun, da schon der erste Praxistest ansteht, versucht Macrons seit wenigen Tagen amtierender Wirtschaftsminister Bruno Le Maire selbstverständlich, bei GM & S zu retten, was zu retten ist. Le Maire hat einige Gewerkschafter der Fabrik empfangen und ihnen versprochen, Druck auf Peugeot und Renault auszuüben.

Er nötigte den Chefs der beiden Konzerne, an denen der Staat als Grossaktionär beteiligt ist, Bestellungen an GM & S ab. Die neuen Aufträge in Höhe von 7 Millionen Euro sind betriebswirtschaftlich gesehen für die Autohersteller zwar womöglich unsinnig. Doch ohne die Zwangsbestellungen würde das Handelsgericht wohl das Aus der Firma besiegeln. Sollte GM & S dank der Rettungsaktion nun einen Investor finden, mahnt Le Maire, komme das Unternehmen aber nicht umhin, «sich an die Bedingungen des Wettbewerbs anzupassen». Das klingt wie «unvermeidlicher Arbeitsplatzabbau» – und ist deshalb nicht gut für Jean-Marc Ducourtioux.

Mehr Bestellungen von Peugeot und Renault sind zwar genau das, was er und seine Kollegen fordern. «Aber Stellenstreichungen werden wir erbittert ­bekämpfen», sagt er. Das Werk produziert vor allem Metallkomponenten für den Unterboden und Türen von Autos. Präzisionsteile durchaus, allerdings kein Hightech.

In einer der besetzten Hallen nehmen die Arbeiter ihr Essen ein: belegte ­Baguettes und Billigwein aus dem Zehn-Liter-Kanister. Ducourtioux steht im Blaumann an der Schneidemaschine, wo der Kessel mit den Nudelresten vom Vorabend steht. Sein Gesicht wirkt müde von der Arbeit. Und vom Arbeitskampf. Es ist schon das fünfte Mal seit den Neunzigerjahren, dass seine Firma im Insolvenzverfahren steckt. In dieser Zeit wurde die Belegschaft halbiert – unter neun verschiedenen Eigen­tümern. «Fast alle diese Gauner haben öffentliche Zuschüsse eingestrichen», sagt Ducourtioux und wird dabei etwas laut.

800 Familien betroffen

Für die meisten der Beschäftigten von GM & S wäre der Verlust des Jobs ­gleichbedeutend mit Langzeitarbeitslosigkeit. Es gibt ja weit und breit nichts für Facharbeiter in La Souterraine. Macrons Lösung, die Umschulung, sorgt bei einem wie Ducourtioux auch nicht für Hoffnung: «Selbst, wenn ich noch mal was Neues anfange, müsste ich wegziehen, um einen Job zu bekommen», sagt er. Aber seine Frau habe zum Glück noch Arbeit hier. ­«Macron hat doch keine Ahnung. Er denkt nur an die Menschen in den Grossstädten.»

Macht GM & S dicht, sind mindestens 800 Familien betroffen. Also streiten sie um ihre Jobs, mit allen Mitteln. Im Arbeitskampf legen sie die Betonung auf «Kampf», wie es bei Ducourtioux’ Gewerkschaft CGT Tradition hat. An echter Mitsprache im Unternehmen wie in Deutschland fehlt es Frankreichs Gewerkschaften bisher. Das will Macron zwar ändern. Dennoch wenden sich die Bewohner von La Souterraine Jean-Luc Mélenchon zu, Macrons linksradikalem Gegner aus der Präsidentschaftswahl. Erst vorige Woche hat der linke Volks­tribun einen Demonstrationszug mit 2000 Teilnehmern angeführt.

La Souterraine und das GM&S-Werk sind auch Schauplätze der politischen Spaltung Frankreichs, die sich bald noch verschärfen dürfte: Im Juni stehen ­Parlamentswahlen an. Im Sommer will ­Macron per Verordnung eine Liberalisierung des Arbeitsrechts verfügen. Dagegen werden auch die GM&S-Arbeiter auf die Strasse gehen. In spektakulärem Protest haben sie ja Übung. Nicht nur auf ihrem Fabrikgelände. Mehrmals pro Woche ziehen sie derzeit vor die Präfektur ihres Departements, die örtliche Vertretung des Pariser Zentralstaates, zünden dort laute Böller und werfen dem Präfekten die Ölwannen in den Vorgarten, die ihnen keiner mehr abkauft.

Aber eigentlich hoffen sie auf Alain Martineau. Wieder so ein Firmenaufkäufer, der Interesse an GM & S signalisiert hat. Martineau, so das Kalkül, werde die Firma übernehmen, da Peugeot und Renault von Macrons Regierung zu Aufträgen an den Zulieferer verpflichtet wurden. «Martineau kann uns retten», sagt Ducourtioux. Martineau selbst erklärt auf Anfrage: «Erzwungene Aufträge sind keine gute Basis. Egal, wie man es dreht und wendet: Es ist kein Platz für alle da.» Höchstens für 90 Leute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 23:29 Uhr

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