«Wir erheben den Warnfinger»

Der oberste Postaufseher Hans Hollenstein mahnt, nach den Poststellen gerate schon bald die Hauszustellung ins Visier. Besonders gefährdet seien Streusiedlungen.

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Jahr für Jahr steigt die Zahl der Haushalte, denen die Post nicht mehr regulär zugestellt wird. Ist das ein Problem?
Ja, das ist in der Tat ein Problem.

Warum?
Die Hauszustellung ist ein wichtiger ­Bestandteil der Grundversorgung. Aber die Post steht unter einem enormen ­Kostendruck. Irgendwann ist das Sparpotenzial bei den Poststellen ausgeschöpft, dann gerät die Hauszustellung noch stärker ins Visier.

Im Zeitalter von E-Mails und Chats ist es doch logisch, dass die Post beim Zustellen von Briefen sparen will.
Es geht eben nicht nur um die Brie- fe, sondern auch um Zeitungen und ­Pakete. Letztere haben durch den Internethandel aber enorm an Bedeutung gewonnen.

Kann man denn von jemandem, der weit abgelegen wohnt, nicht verlangen, dass er der Post etwas entgegenkommt?
Doch, das kann man. Es geht um eine Güterabwägung zwischen den Interessen der Post und jenen der betroffenen Haushalte. Das Parlament hat den Bundesrat denn auch ermächtigt, Ausnahmen von der regulären Hauszustellung vorzusehen.

Gemäss der bundesrätlichen Verordnung müssen auf einer Hektare mindestens fünf Häuser stehen, damit die Post eine Siedlung zwingend bedienen muss.Ist dies aus Ihrer Sicht eher knapp oder grosszügig?
Die heutige Regelung geht von kompakten Siedlungen aus. Dies ist aber nicht überall der Fall. Bei sogenannten Strassendörfern – also Dörfern, die sich entlang einer Strasse ziehen – ist die Bedingung schnell einmal nicht mehr erfüllt. Oder denken Sie an die traditionellen Streusiedlungen in Regionen wie Appenzell, dem Toggenburg und dem Jura. Da kann die Post die Hauszustellung stark herunterfahren, ohne gegen die Verordnung zu verstossen. Erschwerend kommt hinzu, wenn in der nächstgelegenen Siedlung keine Poststelle oder Postagentur ist. Die Be­troffenen müssen dann weite Wege zurücklegen, um ihre Pakete oder eingeschriebenen Briefe abzuholen.

Es könnten also schon bald mehrere Zehntausend Haushalte sein, die nicht mehr bedient werden.
Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Haushalte ohne Hauszustellung zunehmen wird. Deshalb erhebt die Postcom den Warnfinger. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung. Noch sind nicht viele Haushalte betroffen, aber im letzten Jahr nahm die Zahl um über 12 Prozent zu.

Wie draufgängerisch nehmen Sie die Post in dieser Sache wahr?
Dies ist von Region zu Region verschieden. Die Westschweiz ist bei den Anfragen und Verfahren überdurchschnittlich vertreten.

Wir erklären Sie sich diese Unterschiede?
Schwer zu sagen, möglicherweise hängt es von den einzelnen Zuständigen ab. Für die Postcom ist wichtig, dass die Post den Haushalten vernünftige Ersatzlösungen anbietet – etwa die Zustellung in einen Briefkasten an der Durchgangsstrasse. Bisweilen haben wir in Streitfällen solche Ersatzlösungen angeordnet. In diesem Frühjahr hat uns das Bundesverwaltungsgericht dies aber untersagt.

Im Parlament hingegen erwächst der Post Widerstand von links und rechts. Soll der Ständerat die Vorstösse wie schon der Nationalrat annehmen?
Ich will nicht politisieren. Aber die Vorstösse gehen in die richtige Richtung. Wir von der Postcom wären schon zufrieden, wenn uns der Bundesrat in der Verordnung ermächtigen würde, Ersatzlösungen anzuordnen.

Der 68-Jährige Hans Hollenstein ist Präsident der Eidgenössischen Postkommission (Postcom), welche die Post beaufsichtigt. Zuvor war er Winterthurer Stadtrat und Regierungsrat des Kantons Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2017, 21:56 Uhr

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Hans Hollenstein

Der 68-Jährige ist Präsident der Eidgenössischen Postkommission (Postcom), welche die Post beaufsichtigt. Zuvor war er Winterthurer Stadtrat und Regierungsrat des Kantons Zürich. (Bild: Keystone )

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