Wildwuchs bei den Regional-Labels

Die meisten Detailhändler verfügen über ein eigenes Label für regionale Produkte. Die Kategorie ist gefragt und lukrativ. Die Gütesiegel sind allerdings zu wenig transparent.

Kartoffelangebot im Migros im Glattzentrum in Wallisellen. Foto: Urs Jaudas

Kartoffelangebot im Migros im Glattzentrum in Wallisellen. Foto: Urs Jaudas

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«Aus der Region», «Feins vom Dorf» oder «Frisch aus der Nachbarschaft». Regionale Produkte versprechen Frische, Qualität und kurze Transportwege. Und die entsprechenden Labels werden immer beliebter. Längst wollen nicht mehr nur Coop und Migros ihren Kunden Produkte aus der Region schmackhaft machen. Auch Manor, Volg, Landi und Spar werben mit eigenen Gütesiegeln für Regionalität. Mit Erfolg: Zwischen 2012 und 2015 hat etwa die Migros den Umsatz mit regionalen Produkten um über 13 Prozent auf knapp 900 Millionen Franken gesteigert. Landi, die ihr Regionallabel erst vergangenen Herbst lancierte, teilte kürzlich mit, ihr «Natürlich vom Hof»-Label habe sehr viel positives Echo ­erfahren.

Begriff «regional» ist dehnbar

Doch der Begriff «regional» ist bei vielen der Labels dehnbar. Was genau darunterfällt, bestimmen die Anbieter selbst – und sind dabei teils grosszügig. Kein Wunder: Wenn die Detailhändler Regionalität fördern, dann nicht nur, um ein Kundenbedürfnis zu erfüllen. Lokale Produkte sind auch besonders lukrativ. Das zumindest legt eine Stichprobe verschiedener Produkte aus Migros und Coop nahe.

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Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Laden in Gstaad. Im Regal sehen Sie eine Rauchwurst, die als regionales Produkt deklariert ist. Woher darf diese Wurst kommen, damit Sie sie noch als regionales Produkt wahrnehmen?







Sechs Bio-Eier gross ohne Regiolabel kosten im Coop 4.95 Franken. Sechs Bio-Eier gross mit Label dagegen kosten 5.20 – ein Aufpreis von mehr als 5 Prozent. Sogar 13 Prozent teurer dank Gütesiegel werden die Cervelats in der Migros: Das Paar ohne Label ist für 1.95 zu haben; mit Label kosten die Würste 2.20. Das extremste Beispiel, das der TA bei der Stichprobe fand, ist der «Aus der Region»-Kartoffelsalat der Migros. Er ist fast doppelt so teuer wie sein Pendant von Anna’s Best.

Wenig Freude am Wildwuchs bei den Regionallabels haben die Konsumentenschützer. Sie beklagen die Intransparenz der meisten Regionallabels und nehmen diese daher unter die Lupe. Laut Josianne Walpen, Leiterin Ernährung und Landwirtschaft bei der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), hat etwa der Coop erst auf Drängen der SKS die Richtlinien überhaupt öffentlich zugänglich gemacht. Sie unterscheiden sich teilweise stark. Dem Label-Wildwuchs Abhilfe schaffen soll ausgerechnet ein neues Siegel, das der Verein Schweizer Regionalprodukte in der vergangenen Woche vorstellte. Das Siegel «­Regio.garantie» sei ein «verlässliches Versprechen», da alle Produkte nach denselben Kriterien zertifiziert würden und die gleichen Richtlinien erfüllten, schreibt die Dachorganisation.

Grafik: Region ist nicht gleich Region Zum Vergrössern anklicken.

Coop und Migros zertifizieren ihre Produkte schon heute gemäss den Vorgaben des Vereins. Von den angefragten Detaillisten sagt daneben nur Manor, das neue Label sei sehr interessant, aber mit dem eigenen Siegel «­Lokal» nicht eins zu eins vergleichbar. Manor prüfe das weitere Vorgehen. Für die anderen Händler ist das kein Thema. Regio.garantie dürfte somit praktisch ausschliesslich von kleinen Anbietern verwendet werden.

Importierte Zutaten erlaubt

Auch die neuen Regeln dürften den Konsumentenschutz nicht vollends zu­friedenstellen. Sie schreiben zwar vor, dass nicht zusammengesetzte Produkte wie Eier, Milch und Gemüse vollständig aus der Region stammen müssen. Produkte aus verschiedenen Zutaten dagegen müssen das jedoch nur zu 80 Prozent erfüllen, solange die Hauptzutat ­regional ist.

So dürfen etwa die Früchte für ein Berner Erdbeerjoghurt statt aus dem Bernbiet aus dem Tessin – oder im Extremfall sogar aus dem Ausland – stammen, ohne dass dies deklariert werden müsste. Das sei gegenüber dem Kunden nicht lauter, findet Konsumentenschützerin Walpen. «Die Konsumenten gehen davon aus, dass nicht nur die Haupt-, sondern auch die wesensbestimmende Zutat – in dem Fall die Erdbeeren – aus der Region kommt.»

Das aus Sicht der Konsumentenschützerin grösste Problem der Regional­labels löst das neue Siegel ebenfalls nicht. Regio.garantie definiere nicht, was eine Region sei, und lasse es den Anbietern völlig frei, wie gross eine Region sein dürfe. Das wird sehr unterschiedlich und zum Teil schwammig definiert. Coop und Spar verwenden beispielsweise je nach Produktkategorie unterschiedliche Kriterien. Man richte sich «nach der Kundenwahrnehmung», sagt Coop-Sprecher Gander, da gewisse Produkte in einem grösseren Umkreis und andere nur in einzelnen Dörfern als regional empfunden würden.

Am weitesten fasst die Migros die Region. Sie lässt das komplette Marktgebiet einer Genossenschaft zu. Bei der grössten Genossenschaft, der Migros Aare, umfasst das die Kantone Bern, Solothurn und Aargau. So kann es auch einmal passieren, dass im Berner Oberland «Aus der Region»-Kartoffeln verkauft werden, die in Winznau, nördlich von Olten, geerntet wurden. «Wir sind jedoch bemüht, wo immer möglich unsere vielfältige Region, die drei Kantone umfasst, in einzelne Kantone aufzusplitten», teilt das Unternehmen dazu auf Anfrage mit.

Kein Nachhaltigkeitslabel

Heikel ist nicht zuletzt, dass sich die Regio­labels gerne einen ökologischen Anstrich geben. Josianne Walpen findet es «grenzwertig», wie in der Werbung die regionale Nähe und das Tierwohl miteinander vermischt werden. Es werde suggeriert, dass die Kühe immer auf der Wiese stünden und die Hühner Zäune nur vom Hörensagen kennten. Dabei hält etwa die Migros auf ihrer Website selber fest: «‹Aus der Region›» ist kein Nachhaltigkeits-, sondern ein Herkunftslabel.» «Juristisch ist die Werbung wohl nicht Kundentäuschung», so Walpen. «Aber hier wird bewusst ein falsches Bild vermittelt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2017, 22:55 Uhr

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