«Wie lange gibt es in Bern noch zwei Tageszeitungen?»

Tamedia-Präsident Pietro Supino trat gestern in Bern auf und scheute sich nicht vor konkreten Antworten. Dabei wurde ein bisher unbekannter Bern-Bezug von Tamedia öffentlich.

Pietro Supino, Präsident des Medienunternehmens Tamedia, gab am Mittwoch Einblick, wie lange es rentiert, in Bern zwei Tageszeitungen zu betreiben.

Pietro Supino, Präsident des Medienunternehmens Tamedia, gab am Mittwoch Einblick, wie lange es rentiert, in Bern zwei Tageszeitungen zu betreiben.

(Bild: Reto Oeschger)

Mischa Stünzi

Pietro Supino, Präsident von Tamedia und Verleger von «Bund» und «Berner Zeitung», stellte sich die Frage, auf die alle Anwesenden eine Antwort erwarteten, gleich selber: «Wie lange wird es in Bern noch zwei Tageszeitungen geben?» Der Zürcher war am Mittwoch Gastreferent der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern (VWG) im Kursaal.

Ob es in Bern noch lange zwei Zeitungen gebe, hange nicht von ihm ab, meinte Supino, sondern vom Berner Publikum. Er erhalte stets viel Lob für die Berner Blätter. Gleichzeitig schrumpften aber die Abonnentenzahlen. Heute beträgt die gemeinsame Auflage von «Bund» und «BZ» noch 124'000. Um beide Blätter wirtschaftlich und in hoher Qualität weiterbetreiben zu können, sei eine Gesamtauflage von gut 100'000 nötig, sagte Supino und schob nach: Zwei Zeitungen in einem so kleinen Raum wie Bern, das sei weltweit fast einzigartig.

Im Zweifelsfall müsse er als Verleger sich für die Qualität und gegen die Vielfalt entscheiden. Zudem solle man weniger eine schrumpfende Medienvielfalt beklagen – so etwas gebe es angesichts der unzähligen Plattformen vor allem im Internet ohnehin nicht. Vielmehr solle man bedauern, dass es keine grossen Plattformen mehr gebe, auf denen sich das Volk austausche.

Um den Zeitungen eine prosperierende Zukunft zu gewährleisten, brauche es drei Dinge, so Supino: Erstens müsse die Medienkompetenz der Jungen gefördert werden. Das sei auch Aufgabe von Staat und Schule. Zweitens dürfe der Staat den Wettbewerb nicht verzerren, indem er etwa die Online-Portale der SRG finanziell unterstütze. Und drittens müsse die staatliche Zustellermässigung für Zeitungen und Zeitschriften erhöht werden.

Kritik wegen Preiserhöhung

Supino bekam in Bern auch kritische Stimmen zu hören, etwa das Votum von Alt-SVP-Nationalrat Hermann Weyeneth, der sich über die Verteuerung seines BZ-Abos beschwerte. Supino räumte mit Blick auf die Preiserhöhungen der letzten Jahre ein: «Ich bin mir nicht sicher, ob wir da alles richtig gemacht haben.»

Am anschliessenden privaten Apéro der Von-Graffenried-Gruppe, der Sponsorin des VWG-Anlasses am Mittwoch, sprach der Präsident der Gruppe, Stephan Herren, über einen bisher eher unbekannten Bern-Bezug von Tamedia. Schon vor der Übernahme von Espace Media durch die Zürcher habe Charles von Graffenried für Tamedia gewirkt und beispielsweise die Familie Supino und den heutigen Tamedia-Präsidenten freundschaftlich begleitet. Er war es, der Pietro Supino einst für den Verwaltungsrat vorgeschlagen hatte. Und sogar der Name Tamedia sei eine Erfindung des Berners.

2007 verkaufte von Graffenried die Espace Media für den Mehrheitsaktionär Erwin Reinhardt-Scherz an Tamedia – für rund 300 Millionen Franken. Für die Verkaufsverhandlungen habe von Graffenried, Herrens Schwiegervater, die wichtigsten Punkte auf einer einzigen A4-Seite handschriftlich festgehalten, so Herren.

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