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Wie die Türkei den Lira-Zerfall bekämpft

Die Lira-Krise wird sich auf Europa ausweiten. Was kann die Zentralbank tun? Und was sind die Folgen für die Schweiz? Die wichtigsten Antworten.

«Uns bleibt nichts anderes übrig als euro einzutauschen»: Die Türken zeigen sich besorgt über Währungskrise. Video: Reuters

Die türkische Zentralbank kämpft gegen den freien Fall der Lira. Doch bislang konnte sie den Absturz der Landeswährung, die seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent an Wert verloren hat, nur zeitweise aufhalten. Hinter dem Kursverfall stehen unter anderem Sorgen der Investoren über einen wachsenden Einfluss des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf die Geldpolitik. Dazu kommen Zweifel, ob die Notenbank es schafft, die aktuell zweistellige Inflationsrate zu senken. Es folgt eine Übersicht über die bisherigen Schritte der Zentralbank und mögliche weitere Massnahmen.

Wie könnte die Zentralbank am meisten Wirkung erzielen?

Die stärkste Waffe sind die Leitzinsen. Um den seit Monaten anhaltenden Kurssturz zu beenden, hat sie dieses Instrument schon mehrmals eingesetzt. So hob sie in einer Krisensitzung im Mai den Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld auf 16,5 von zuvor 13,5 Prozent an. Doch die Effekte verpufften rasch. Im Juni erhöhte sie den Leitzins dann um 1,25 Punkte auf das aktuelle Niveau von 17,75 Prozent. Auch dies beruhigte die Finanzmärkte nur zeitweise. Da zudem die Inflation zwischenzeitlich auf über 15 Prozent gestiegen war, rechneten Ökonomen fest mit einem erneuten Zinsschritt im Juli. Doch Notenbankchef Murat Cetinkaya machte nichts. Die Folge: Der Kurssturz der Lira beschleunigte sich.

Wie vermeidet die Notenbank Liquiditätsengpässe?

Der Währungsverfall setzt den Banken des Landes zu, die dadurch in Liquiditätsengpässe geraten könnten. Um das zu verhindern, lockerte die Notenbank schon mehrmals die Verpflichtungen der Banken für Geldreserven. In der vergangenen Woche senkte sie zum Beispiel eine wichtige Obergrenze für Fremdwährungsreserven. Durch die Herabsetzung verschaffte die Notenbank den Instituten 2,2 Milliarden Dollar an zusätzlicher Liquidität.

Am Montag lockerte sie zudem die Bestimmungen für Lira- und einige andere Währungsverbindlichkeiten. Zudem sollen zusätzlich zum Dollar auch Euro zur Absicherung der Lira-Reserven genutzt werden können. Durch diese Schritte erhält die Finanzwirtschaft gut zehn Milliarden Dollar an Liquidität. Die Notenbank kündigte darüber hinaus an, den Geldhäusern jedwede benötigte Liquidität bereitzustellen

Könnten Dollar-Verkäufe helfen?

Die Zentralbank könnte zur Stützung der heimischen Währung auch Dollar verkaufen. Bisher gibt es allerdings an den Devisenmärkten keine Anzeichen dafür. Die Notenbank hat rund 21 Milliarden Dollar an Reserven. Einschliesslich aller verfügbaren Mittel und Regierungskonten sind es ungefähr 100 Milliarden Dollar. Die Notenbank hat allerdings wiederholt erklärt, dass für sie direkte Interventionen am Devisenmarkt nicht länger eine politische Option sind. Experten halten die Höhe der Devisenreserven nicht für ausreichend, um eine Wirkung zu erzielen.

Was empfehlen Experten?

Die Notenbank könnte ihre Geldpolitik jetzt weiter straffen, indem sie etwa den Zinskorridor für Tagesgeld verändert. Der wirksamste Schritt wäre nach Einschätzung von Volkswirten aber eine sehr kräftige Zinsanhebung. Diese müsste aus ihrer Sicht verknüpft werden mit der Botschaft, dass die Notenbank unabhängig handele und ihre Schlüsselsätze noch für lange Zeit auf hohem Niveau belassen werde. Dafür müssten die Währungshüter ihren Leitzins nach Einschätzung von Ökonomen auf deutlich über 20 Prozent anheben.

Wie reagiert die Schweizer Nationalbank auf den Lira-Zerfall?

Die Turbulenzen um die türkische Lira haben auch den Euro auf Talfahrt geschickt. Im frühen Handel markierte er zum Franken bei 1,1287 – das ist der niedrigste Stand seit August 2017. Im Mai hatte der Euro-Franken-Kurs noch bei 1,19 gelegen. Trotz des Absturzes habe die Schweizerische Nationalbank wohl noch nicht am Devisenmarkt eingegriffen, sagt Thomas Flury, Chef-Währungsanalyst der UBS. «Der aktuelle Euro-Franken-Kurs ist noch nicht so tief, dass er die Schweizer Wirtschaft stark beeinträchtigen würde», sagt Flury.

Diese habe sich vor allem in den letzten Quartalen relativ stabil entwickelt. Flury erwartet eine Intervention erst dann, wenn der Euro zum Franken unter 1,10 sinkt und der europäische Wirtschaftsraum stark unter Druck gerät. Das scheine im Moment noch nicht der Fall zu sein. «Europäische Banken sind zwar mit nennenswerten Beträgen in der Türkei engagiert, aber sie wurden von der Europäischen Zentralbank enorm stabilisiert.» Die Verwerfungen rund um die Türkei sollten sie deshalb wegstecken können.

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