Wer andern eine Grube gräbt . . .

Leo Klimm, Frankreich-Korrespondent, über den landesweiten Streik bei der Staatsbahn SNCF.

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Wie hübsch: Ihre Auseinandersetzung mit Emmanuel Macron nennen Frankreichs Bahngewerkschaften einen «Perlen-Streik». Wie an einer Perlenkette auf­gereiht sollen sich die Streiktage über die nächsten Monate verteilen. Doch der jetzt beginnende Streit gleicht eher einem hässlichen, erbitterten Kampf – in dem der junge Staatschef am meisten zu verlieren hat. Macron hat den Arbeitnehmervertretern eine Grube gegraben, weil er glaubt, ein Sieg über die Gewerkschaften mache ihn zum starken Präsidenten.

Der sozialliberale Staatschef und seine Regierung treiben eine tief greifende Reform der Staatsbahn SNCF voran, die erst gar nicht auf ihrem Arbeitsprogramm stand. Als sei ihm bisher alles zu leicht gefallen, hat sich Macron mit dieser Reform die stärksten und am besten organisierten Gegner ausgesucht, die es in Frankreichs Wirtschaft gibt: die SNCF-Mitarbeiter. Die Auseinandersetzung spitzt er mit Absicht auch noch zu, indem er sie auf die Abschaffung arbeitsrechtlicher Sonderregeln für Bähnler fokussiert.

Hinter Macrons Eskalationsstrategie steht die in seinem Land verbreitete Vorstellung, der Präsident müsse sich zu Beginn seiner Amtszeit in einer «Mutter aller Schlachten» als starker Anführer durchsetzen. In dieser Logik steigert ein Sieg gegen einen starken Gegner Macrons Autorität als Frankreich-Reformer insgesamt. Das zeugt nicht nur von einem archaischen Verständnis von Autorität. Die Veränderung bei der SNCF zum Zeichen der Modernisierungsfähigkeit Frankreichs insgesamt zu überhöhen, droht sich darüber hinaus gegen Macron selbst zu wenden. Denn es ist nicht auszuschliessen, dass die SNCF-Reform am massiven Widerstand der Bahnbeschäftigten scheitert – und damit der Präsident als gescheitert oder mindestens als geschwächt gilt. Andere Reformen, die weniger Widerstand hervorrufen, wären auch blockiert.

In der Sache hat Macron übrigens recht. Der Status der Lokführer und ihrer Kollegen ist der Zeit nicht mehr angemessen. Und die SNCF ist in schlechtem Zustand – Millionen Kunden erleben es jeden Tag. Nur: Um die Sache geht es in dem Kampf, der jetzt beginnt, nicht so sehr. Um Macrons Macht dafür umso mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2018, 00:09 Uhr

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