Wenig Lust auf Beraterroboter

Eine neue Umfrage zeigt, dass Schweizer Bankkunden gegenüber neuen Finanztechnologien sehr zurückhaltend sind. Sogar die junge Generation ist skeptisch.

Kontakt erwünscht: Geht es um Geld, lassen sich Schweizer Bankkunden gerne persönlich beraten. Foto: Jan Stromme (Getty Images)

Kontakt erwünscht: Geht es um Geld, lassen sich Schweizer Bankkunden gerne persönlich beraten. Foto: Jan Stromme (Getty Images)

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Die neuen Finanztechnologien wirbeln derzeit die Bankenbranche durcheinander. Digitale Brieftaschen auf dem Smartphone oder robotergestützte Geldanlagen gelten dort aktuell als besonders innovative Themen. Doch scheinen viele Schweizer Kunden damit noch nicht viel anfangen zu können. Laut einer exklusiv DerBund.ch/Newsnet vorliegenden Studie des US-Vermögensverwalters Legg Mason wollen die meisten Schweizer, wenn es um ihr Vermögen geht, lieber mit ihrem Kundenbetreuer sprechen.

Edi Aumiller, Länderchef Schweiz von Legg Mason, sagt, dass sich ein Verhaltensmuster nicht einfach von heute auf morgen ändere und die Vermögensverwaltung grundsätzlich ein sehr persönliches Geschäft sei. Das gelte unabhängig der Vermögensgrösse der Bankkunden. 72 Prozent der befragten Schweizer sind der Meinung, dass ein persönlicher Kundendienst wichtig sei und sich nicht durch Technologie ersetzen lasse. Die grosse Mehrheit findet zwar Onlinetools und Apps interessant, sie will aber immer noch die Meinung eines Experten hören. Diese Einstellung ist bei allen Altersklassen anzutreffen. So etwa auch bei rund zwei Dritteln der Millennials, der Gruppe der 18- bis 35-jährigen.

Das ist im Ausland anders. Andere Studien haben etwa ergeben, dass besonders in China Fintech-Anwendungen schon weit verbreitet sind. In vielen Schwellenländern ist die Smartphone-App die erste Wahl, wenn ein Bankkunde sein Geldhaus kontaktieren will. Weltweit könnten sich laut der Legg-Mason-Studie 34 Prozent der Befragten vorstellen, alle ihr Geldangelegenheiten am Smartphone abzuwickeln. In der Schweiz trifft das nur für 18 Prozent zu. Auch hier sind es eher Jüngere, die darin einen Vorteil sehen, doch liegt auch bei dieser Altersklasse der Zuspruch nur bei 25 Prozent. Zudem fragen Schweizer lieber bei ihrer Familie und ihren Bekannten nach, wie sie ihr Geld anlegen sollen, als dass sie danach im Internet suchen.

Kunde erwartet Mehrwert

Die Zurückhaltung in der Schweiz gegenüber digitalen Angeboten sei in der Finanzbranche gross, berichtet ein Zürcher Vermögensverwalter. Sogar professionelle Grosskunden würden es bevorzugen, ein PDF-Dokument zugeschickt zu bekommen, das sie dann ausdrucken und ablegen können, statt das Dokument aus einer Cloud-Anwendung selber zu beziehen.

Infografik: Schweizer wollen auf Bankberater nicht verzichten Grafik vergrössern

Diese Skepsis bestätigen ein Kenner der hiesigen Privatbanken. Der Kunde erwarte einen Mehrwert von einem digitalen Angebot. Wenn er den Eindruck erhalte, es gehe der Bank nur darum, mit einer Technologie wie einem Robo-Advisor Kosten einzusparen, dann stehe er ihr eher ablehnend gegenüber.

In der Schweiz sind Robo-Advisors noch nicht sehr verbreitet. Onlinebanken wie beispielsweise Swissquote oder Saxo verfügen über solche Angebote. Zudem sind in den vergangenen Jahren mehrere Jungunternehmen an den Start gegangen, die automatisierte Anlageportfolios führen. Beispielsweise bieten Descartes Finance oder True Wealth Online-Vermögensverwaltung mit tiefen Anlagekosten und ermöglichen auch Kunden mit kleineren Vermögen eine diversifizierte Geldanlage.

Experten gehen aber davon aus, dass die Jungfirmen den Banken das Geschäft nicht streitig machen werden. In der letzten Fintech-Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen in Luzern heisst es, dass Jungfirmen eher mit Banken kooperieren dürften und ihnen künftig als Zulieferer dienen werden. So ist etwa True Wealth vor einem Jahr eine Partnerschaft mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank eingegangen.

Doch offenbar ist es auch für Grossbanken nicht einfach, die Kunden von einem Robo-Advisor zu überzeugen. Die UBS lancierte 2016 in Grossbritannien ihren Anlageassistenten Smart Wealth. Die Bank sei zwar zufrieden mit dem Angebot, sagte UBS-Vermögensverwaltungs-Chef Jürg Zeltner in einem Interview mit Reuters. Doch stelle sich schon die Frage, wie Smart Wealth schneller wachsen könne.

Dass neue Finanztechnologien in Asien besser ankommen, habe wohl auch damit zu tun, dass dort viele Menschen direkt beim Smartphone und dem mobilen Internet gelandet seien, ohne den Desktop-Computer mit Festnetztelefonie erlebt zu haben, so Aumiller von Legg Mason. «Die Finanztechnologien werden künftig wohl auch in der Schweiz mehr Zuspruch erhalten.» Es dauere halt wahrscheinlich einfach etwas länger als anderswo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 23:41 Uhr

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Jährliche Umfrage

Angst vor dem Schockmoment

Der US-Vermögensverwalter Legg Mason hat zu Beginn des Jahres mehr als 15?000 Personen dazu befragt, wie sie mit ihrem Geld umgehen – 900 davon kommen aus der Schweiz. Die Studie wird jährlich durchgeführt. Dieses Jahr wurden aber mehr Fragen zur Einstellung gegenüber neuen Finanztechnologien gestellt als bei früheren Umfragen. Für die Studie wird auch in Erfahrung gebracht, welche finanziellen Ängste die Befragten umtreiben. Dabei zeigt sich eine interessante Besonderheit: So sorgt sich die Mehrheit der befragten Schweizer Babyboomer, also der heute 53- bis 71-Jährigen, wegen eines Schockmoments, der sich negativ auf das Finanzsystem auswirken könnte. Damit steht diese Gruppe allein da. Die jüngeren Alterskategorien teilen diese Sorge nicht. (jb)

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