Dealen mit Trump in Davos

Wie der US-Präsident den Abend am WEF verbrachte – und weshalb die europäischen Wirtschaftsführer plötzlich den USA huldigen.

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Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Am Tisch mit europäischen Konzernchefs hat US-Präsident Donald Trump in Davos zu Abend gegessen – und Lob geerntet. Der US-Präsident sagte, mit der Reform flössen «Milliarden und Abermilliarden Dollar» in die USA.

Trump wollte das Treffen nutzen, um für den Wirtschaftsstandort USA zu werben. «Glückwunsch zur Steuerreform», sagte Siemens-Boss Joe Kaeser. Ein anderer Konzernchef sagte, Trumps Steuerreform habe «Schwung in die Weltwirtschaft gebracht».

Trump wurde bei dem Dinner von Mitgliedern seiner Regierung begleitet, darunter Aussenminister Rex Tillerson, Heimatschutzministerin Kirstjen Nielson und dem Nationalen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster. Unternehmer aus der Schweiz, aus Deutschland, Grossbritannien und Norwegen waren beim Abendessen dabei.

Trump gibt den Takt vor

Noch vor der Ankunft von Donald Trump in Davos erklärte sein Handelsminister Wilbur Ross gestern vor den versammelten Weltmedien, dass sein Präsident mehr an bilateralen als an multilateralen Abkommen interessiert sei. Die Begründung: So können viel schneller Vereinbarungen getroffen werden. Diese Haltung der Trump-Administration ist ein deutlicher Bruch mit dem bisher auch am WEF hochgehaltenen Prinzip, dass internationale Abkommen vorzuziehen seien, weil sie der Macht der Stärkeren Einhalt gebieten.


Video-Analyse: Die Amerikaner mischen das WEF auf

Das Team um Donald Trump gibt in Davos den Ton an, sagt Markus Diem Meier.


Doch bei vielen am Weltwirtschaftsforum versammelten Unternehmensführern kommt Donald Trump vor allem wegen der beschlossenen Steuersenkungen und der Absicht, Regulierungen abzubauen, gut an: «Viele Unternehmen in der entwickelten Welt sagen über die USA, das ist der Ort, an dem man sein muss», meinte Stephen Schwarzman, Chef des Fondsanbieters Blackstone, auf einem Podium. Er höre von Unternehmen von überall, dass sie in den USA eine grössere Präsenz anstreben würden. «Das Umfeld ist dort sehr viel einladender, als es das zuvor war», sagte Schwarzman weiter.

Auch als Bank sehen wir das, bestätigte Credit-Suisse-Konzernchef Tidjane Thiam die Begeisterung der Unternehmen für die USA. Zu Trumps Steuerreform meinte er: «Das ist genau das, was wir für das Wachstum der Weltwirtschaft brauchen.» Eine dadurch ausgelöste Verschlechterung der US-Staatsfinanzen wäre laut Thiam kein Problem: «Der Rest der Welt ist sehr glücklich, das Defizit der Amerikaner zu finanzieren», sagte er.

Alles dreht sich um Deals

Diese Begeisterung kommt den Amerikanern entgegen, die nach Davos gekommen sind, um Deals auszuhandeln, anders als andere Staatschefs, die bisher zuerst die internationale Zusammenarbeit beschwörten. US-Finanzminister Steven Mnuchin erklärte vor den Medien, dass er sich bereits mit einer grösseren Anzahl anderer Finanzminister – auch mit Bundesrat Ueli Maurer – und vielen Unternehmenschefs getroffen habe. Am Mittwochabend durften denn auch eine ganze Reihe Unternehmensführer mit dem US-Präsidenten dinieren, darunter die Chefs der Schweizer Konzerne Nestlé, Novartis und ABB.


Video: Nächtliche Anti-Trump-Aktion am WEF

Greenpeace projizierte ihren Protest an einen Davoser Berg.


Gegen den Vorwurf, dass die USA unter Trump von einer Politik des Freihandels Abschied nehmen, wehrten sich auf verschiedenen Podien sowohl Finanzminister Steven Mnuchin wie auch Handelsminister Wilbur Ross mit dem Argument, dass die Amerikaner nach wie vor die offenste Volkswirtschaft der Welt seien. Die Kritik an der protektionistischen Rhetorik von Trump ist leiser geworden. «Wenn jahrzehntealte Handelsabkommen neu evaluiert werden, bedeutet das noch nicht, dass man gegen den Freihandel ist» erklärte Larry Fink, Chef der weltgrössten Fondsgesellschaft, gestern.

Gegenüber dieser Zeitung bestätigt Martin Wolf, Chefkommentator der britischen «Financial Times», dass Trump bisher auf eine protektionistische Politik verzichtet habe, wie man sie anfänglich von ihm erwartet habe. Niemand könne aber wissen, was noch komme. Die grösste Sorge bereite ihm, wie wenig sich Trump um bisher hochgehaltene fundamentale Normen schere, die für die USA eine grosse Bedeutung gehabt hätten. Zu diesen vernachlässigten Normen gehöre die Respektierung des Rechtsstaats, die Absage an Korruption in der Regierung, die Freiheit der Medien oder die Trennung des Amtes von persönlichen Interessen. «Das stellt die ganze Legitimation des demokratischen Projekts infrage», meint Wolf.

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