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Warum Frauen seltener Chefin werden

Forscher haben untersucht, weshalb Frauen weltweit nur 18 Prozent aller Firmen leiten. Und was Männer damit zu tun haben.

Dass Frauen weniger Managerpositionen innehaben, liegt nicht an mangelnder Führungskompetenz, sagt die Forschung. Foto: Keystone
Dass Frauen weniger Managerpositionen innehaben, liegt nicht an mangelnder Führungskompetenz, sagt die Forschung. Foto: Keystone

Fernsehen für die Wissenschaft: Etliche Stunden lang sah sich das niederländische Forscherteam alle Folgen der Fernsehshow «Deal or No Deal» an. Die Wissenschaftler sind keine Fans der Show. In ihr spielen Kandidaten um Summen bis in Millionenhöhe – oder sie geben auf und bekommen dafür einen kleineren, aber sicheren Preis. Durch den Videomarathon wollten die drei Ökonomen untersuchen, ob sich Männer und Frauen im Wettbewerb um viel Geld unterschiedlich verhalten. Und tatsächlich zeigen ihre Berechnungen: Frauen neigen dazu, den Wettbewerb gegen Männer zu meiden.

Frauen, so das Ergebnis der Studie, stiegen doppelt so häufig wie Männer vorzeitig aus der Show aus. Und sie tendierten stärker zum Aufhören, wenn ihr Gegenüber männlich war. Bei Männern wiederum galt das Gegenteil. Trafen sie auf weibliche Gegenspieler, spielten sie offensiver und wählten seltener den Spielausstieg als gegen gleichgeschlechtliche Opponenten. Männer riskieren also mehr, wenn sie Frauen im Wettbewerb gegenübertreten.

Eine Frage der Dominanz

Die drei Forscher Dennie van Dolder, Martijn van den Assem und Thomas Buser haben ihre Ergebnisse online veröffentlicht, damit Kollegen sie diskutieren können. Die Phänomene aus der Spielshow lassen sich auf das Berufsleben übertragen, sagen die Forscher. «Das kann die anhaltende und zahlenmässige Überlegenheit von Männern auf höheren Karrierestufen mit erklären», so Dolder. Die männliche Dominanz in Führungspositionen zeige beispielsweise auch der «Gender Gap Report» des Weltwirtschaftsforums: Frauen leiten weltweit demnach nur rund 18 Prozent aller Firmen. Dieses Missverhältnis liege keineswegs an mangelnder Führungskompetenz von Frauen, sagt Verhaltensökonom Dolder.

Auch in «Deal or No Deal» lösten beide Geschlechter die Aufgaben gleich gut. Vielmehr, vermutet Dolder, schreckten Frauen öfter davor zurück, bei Stellenausschreibungen in direkten Wettbewerb mit Männern zu treten. Sie bewerben sich erst gar nicht, wenn sich männliche Konkurrenz ankündigt. Das wäre auch ein Erklärungsansatz für den Gender Pay Gap, so Dolder: «Viele Studien zeigen, dass Wettbewerbsaffinität Karriereentscheidungen von Menschen beeinflusst.» Solange Frauen vor Konkurrenzsituationen mit Männern zurückschreckten, bekämen sie auch niedrigere Positionen – und damit auch weniger Geld. Die Dominanz von Männern bei Karriere und Gehalt werde so zum sich selbst erhaltenden Zustand, sagt der Forscher.

Wer aus der Analyse einen Karrieretipp für Frauen ableiten will: Häufiger mal ein Risiko eingehen.

Die Fernsehshow der niederländischen Staatslotterie lieferte den Ökonomen gutes Datenmaterial. Häufig arbeiten die Forscher mit Studienteilnehmern, die in Experimenten nur wenige Euro erspielen können. Es bleibt offen, ob sie sich anders verhalten würden, wenn es um viel mehr Geld gehen würde – eben um Millionen wie bei «Deal or No Deal». Dafür gebe es schlichtweg kein Budget, sagt Dolder. Die Sendung sei daher ein sogenanntes natürlich auftretendes Experiment. Ausserdem werden die Gäste zufällig unter allen niederländischen Teilnehmern der Postleitzahl-Lotterie ausgewählt, die Gruppe sei also gut gemischt. Und wer genau gegen wen antritt, entscheidet ebenfalls das Los.

Die Forscher haben Folgen seit 2002 untersucht. Das geschlechterspezifische Verhalten der Kandidaten habe sich seitdem kaum verändert.Woran die Wettbewerbsscheu der Frauen gegenüber Männern liegt, können die Wissenschaftler allein aus der Show nicht beantworten. Frauen seien aber nicht generell weniger wettbewerbsaffin.

Andere Studien deuten in eine Richtung: Besetzt eine gesellschaftliche Gruppe häufig wichtige Positionen, geht sie tendenziell härter in den Wettbewerb mit Menschen, die nicht zur Gruppe zählen. Umgekehrt scheuen die als unterlegen geltenden Gruppen die direkte Konkurrenz zu dominanten Gruppen, haben Forscher für eine Studie in Bangladesh beobachtet. Die Betroffenen investieren etwa weniger in Bildung und bewerben sich seltener auf hohe Ämter. Das könnte parallel auch für die Frauen und die Millionenwetten gelten, sagen die niederländischen Ökonomen.Wer aus der Analyse der Spielshow einen Karrieretipp für Frauen ableiten will, der landet also bei: Häufiger mal ein Risiko eingehen.

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