Viel Stolz und ein wenig Nostalgie

Viereinhalb Jahre nach Baubeginn ist am Donnerstag der 300 Millionen Franken teure Post-Parc eingeweiht worden.

Begehrte Adresse: Im neuen Postparc (Blick von Osten) sind praktisch keine Büros mehr zu vermieten.

Begehrte Adresse: Im neuen Postparc (Blick von Osten) sind praktisch keine Büros mehr zu vermieten.

(Bild: Adrian Moser)

Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

Soll niemand mehr sagen, Bern sei die Wiege der Bescheidenheit und des Understatements! Am Donnerstag jedenfalls, bei der offiziellen Einweihung des Post-Parc an der Schanzenstrasse, übertrumpften sich die Redner mit Superlativen.

Dass die neue Berner Hauptpost die grösste Poststelle der Schweiz ist, war zwar schon seit Februar bekannt. Franz Huber, Leiter Poststellen, wies gleichwohl genüsslich darauf hin, dass Bern Zürich hier für einmal den Rang abgelaufen habe. «Wären wir Apple, würden wir von einem Flagship Store reden», sagte Huber, so erlaube er sich einfach festzuhalten, dass das neue Post-Parc-Gebäude eine «heisse Kiste» sei und in der neuen Hauptpost täglich zwischen 7.30 und 21 Uhr bis zu 4000 Kunden bedient werden könnten.

Nicht weniger euphorisch klang sein Kollege Hansruedi Köng, Leiter der Postfinance, der Besitzerin des Post-Parc. Er sei glücklich, einen Teil der Liquidität des Finanzinstituts der Post in ein solches Leuchtturmprojekt «einbetoniert» zu haben, sagte Köng und verwies darauf, das Stadtbild werde durch den Neubau erheblich aufgewertet.

Zudem zeigte er sich hochzufrieden mit der Nachfrage nach Verkaufs- und Büroflächen. Von den rund 30'000 Quadratmetern im neuen Post-Parc seien nur noch 700 unvermietet, Interessenten gebe es haufenweise. Die zentrale Lage mit direkter Anbindung an den öffentlichen Verkehr sei ein schlagendes Argument, ebenso die flexibel gestaltbaren Büroräume.

Andrea Roost, der Architekt des Neubaus, schlug vergleichsweise moderate Töne an und antwortete indirekt auch auf die mancherorts laut gewordene Kritik, der Post-Parc sei architektonisch kein grosser Wurf. Er habe bewusst auf modischen Sauglattismus verzichtet und einen «auffällig unauffälligen» Gebäudekomplex entworfen, sagte der 74-Jährige. Durch die formale Anlehnung an die für Bern prägenden Brücken sei es gelungen, der «Anonymität und Gesichtslosigkeit» des Westzugangs zur Stadt entgegenzuwirken.

Da durch den Abbruch der alten Schanzenpost mehr Flächen nutzbar geworden seien, habe ein neuer Platz zum Verweilen geschaffen werden können, der gleichzeitig als Durchgang vom Bubenbergplatz zur Grossen Schanze und von der Welle zum Postauto-Bahnhof diene. Das «neue Plätzchen» sei «ungleich lebendiger» als die Europa-Allee in Zürich hinter der Sihlpost.

Beeindruckende Zahlen

Daniel Ducrey, Chef der federführenden Generalunternehmung Steiner, steuerte die Superlativen in Zahlen bei. 6000 Ausführungspläne, 85 Kilometer Rohrleitungen, 2800 Tonnen Stahl, 600 Kilometer Kabel und 850'000 Arbeitsstunden seien erforderlich gewesen, um dieses gigantische Projekt innert 4,5 Jahren zu realisieren, ohne die bis zu 80'000 Passanten pro Tag aufzuhalten oder zu gefährden. Gravierende Unfälle habe es keine gegeben, aber einmal habe ein Extremkletterer nachts unbemerkt den höchsten Kran erklommen und die Stadt von oben fotografiert.

Nur Stadtpräsident Alexander Tschäppät mimte den Empörten und monierte, zuerst habe man ihm die Poststelle im Bundeshaus weggenommen, dann jene am Bärenplatz, und nun sei auch noch das Haus, in dem er als Jugendlicher für 20 Franken pro Stunde Päckli und Briefe sortiert habe, abgerissen worden, was ihn wie vieles in diesem letzten Präsidialjahr an die Vergänglichkeit erinnere.

Immerhin, schloss Tschäppät versöhnlich, Nationalrat dürfe er noch bleiben. Und als solcher werde er sich gerne dafür einsetzen, dass die Postfinance möglichst bald auch Kredite vergeben dürfe – unter der Bedingung, dass die Poststelle 3003 im Bundeshaus den Betrieb wieder aufnehme.

Der Bund

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