Beziehung zu VR-Frau – Gisel soll vorzeitig gehen

Der Raiffeisen-Verwaltungsrat verhandelt über eine Trennung von Chef Patrik Gisel noch vor Ende Jahr.

Noch-Bankchef Gisel mit ­Verwaltungsrätin Laurence de la Serna. Foto: Ausriss aus der «Bilanz»

Noch-Bankchef Gisel mit ­Verwaltungsrätin Laurence de la Serna. Foto: Ausriss aus der «Bilanz»

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Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Brugg-Windisch im Kanton Aargau. Bodenständiger geht es kaum. Genauso möchte die Raiffeisen-Gruppe nach all den Skandalen um Ex-Chef Pierin Vincenz wieder wahrgenommen werden. Daher findet hier am Samstag die ausserordentliche Delegiertenversammlung statt. Mit der Wahl neuer Köpfe und dem Projekt «Reform 21» für bessere Strukturen will die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz in die Zukunft aufbrechen.

Neben der Wahl des neuen Präsidenten Guy Lachappelle steht aber auch Vergangenheitsbewältigung auf dem Programm. So will Raiffeisen Schweiz ihren Noch-Chef Patrik Gisel möglichst rasch loswerden, wie diese Zeitung erfahren hat. Derzeit verhandelt der Verwaltungsrat mit Gisel über eine einvernehmliche Trennung. Sie könnte dem Vernehmen nach schon in den kommenden Tagen verkündet werden. Bisher war der Plan, dass Gisel Ende Jahr gehen soll.

Gisels Beteuerungen

Grund für die Eile: Das Vertrauen der Bankspitze zu Gisel ist zerstört. Denn jüngst machte die «SonntagsZeitung» publik, dass Gisel eine Beziehung mit der früheren Verwaltungsrätin Laurence de la Serna hat. Er legte dies dem Verwaltungsrat gegenüber erst offen, als Medien danach fragten.

De la Serna schied im Juni aus dem Verwaltungsrat aus, offiziell wegen «Veränderungen im beruflichen Umfeld sowie aus persönlichen Gründen». Gisel selbst beteuert, dass er erst nach ihrem Rücktritt die Beziehung begonnen habe. Doch wie es intern heisst, hat der Verwaltungsrat an dieser Darstellung Zweifel und sucht nun den Schnitt. Raiffeisen erklärte auf Anfrage, erst vor kurzem von der Beziehung erfahren zu haben. Weitere Angaben machte die Bank nicht.

Lachappelles Verstrickungen

An der Delegiertenversammlung werde der Verwaltungsrat noch keinen Nachfolger Gisels präsentieren können, heisst es von Insidern. «Das Auswahlverfahren ist aber gut unterwegs, die Shortlist steht», sagt eine Quelle. Drei bis fünf Namen stünden darauf. Namen von Kandidaten oder Kandidatinnen sind bisher noch nicht durchgesickert. Eine zweite interne Quelle sagt, dass binnen zwei Wochen nach der Delegiertenversammlung der neue Chef ernannt werde.

Als möglicher Kandidat wird unter anderem Postfinance-Chef Hansruedi Köng genannt. Postfinance erklärte, «keine Gerüchte zu kommentieren». Auch der Name der früheren Credit-­Suisse-Managerin Dagmar Kamber Borens fällt. Die Baslerin ist kürzlich aus der Geschäftsleitung der Credit Suisse Schweiz ausgeschieden. Laut dem Branchenportal Finews soll sie aber bei Raiffeisen abgewinkt haben.

Vor der Ernennung von Gisels Nachfolger steht die Wahl eines neuen Verwaltungsratspräsidenten. Einziger Kandidat ist Guy Lachappelle, Ex-Chef der Basler Kantonalbank. Da ihn die wichtigsten Regionalpräsidenten unterstützen, gibt es an seiner Wahl keine Zweifel. Offen ist dagegen, mit welchem Ergebnis er gewählt wird.

Zank zwischen Bank und Behörde

Denn Lachappelle ist nicht über alle Zweifel erhaben. Grund dafür ist die Art und Weise, wie sein früherer Arbeitgeber die Affäre um die Betrugsanlagefirma ASE handhabt. Das Eidgenössische Finanzdepartement hat ein Verwaltungsstrafverfahren eröffnet, weil es die Basler Kantonalbank verdächtigt, zu spät eine Geldwäschereimeldung gemacht zu haben.

Das Departement betont, dass sich das Verwaltungsstrafverfahren nicht gegen Guy Lachap­pelle richtet. «Basierend auf dem aktuellen Kenntnisstand, besteht kein Grund zur Annahme, dass sich das ändern wird», teilte es mit. Allerdings zankt sich die Behörde derzeit mit der Bank über alle Instanzen, ob die Ermittler Zugang zu internen Dokumenten bekommen – etwa einem Bericht der Anwaltskanzlei Bär und Karrer. Diese hatte im Auftrag der Bank die ASE-Affäre aufgearbeitet.

Ein Kandidat sagte ab

Der Suche nach einem neuen Raiffeisen-Chef war das laufende Verfahren jedenfalls nicht förderlich. Ein Bankmanager, der von mehreren Raiffeisen-Vertretern angesprochen wurde, ob er den Chefjob machen wolle, hat sich wegen der Unsicherheit um Lachappelles Rolle selbst aus dem Rennen genommen, wie diese Zeitung erfahren hat.

Auch Marc Kaeslin, Präsident der Raiffeisen Horw, sieht Risiken: «Mit dem ASE-Skandal der Basler Kantonalbank handelt sich Raiffeisen Schweiz mit Guy Lachappelle ein zusätzliches Reputationsrisiko ein», sagt er. Und ergänzt: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Guy Lachappelle als CEO der Basler Kantonalbank keine verantwortliche Person dieses Instituts gewesen sein soll. Sollte er strafrechtlich nicht ins Visier der Ermittler geraten, wäre zumindest die Frage nach Moral und Ethik zu stellen», führt er aus.


Video - Die Chronik zum Raiffeisen-Skandal
So kam es zum Rücktritt von Patrik Gisler

Das sieht Thomas Lehner, Präsident des Raiffeisenverbandes Aargau, ganz anders: «Guy Lachappelle hat sich an mehreren Anlässen den Fragen der Delegierten gestellt und hat überzeugende Antworten auf alle Fragen rund um den Fall ASE geben können. Ich bin überzeugt, dass der Fall kein Reputationsrisiko für ihn und damit für Raiffeisen darstellt.»

Am Samstag in Brugg-Windisch werden die Delegierten zeigen müssen, wie geschlossen sie hinter ihrem neuen Spitzenmann stehen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.11.2018, 21:33 Uhr

Raiffeisen will interne Strukturen reformieren

Die Wahl eines neuen Verwaltungsratspräsidenten ist am Samstag das wichtigste Traktandum der Raiffeisen-Delegiertenversammlung. Daneben sollen vier weitere Verwaltungsräte in das Aufsichtsgremium gewählt werden. Die Entlastung des alten Verwaltungsrats steht aber nicht auf der Tagesordnung. Denn noch hat Sonderermittler Bruno Gehrig seinen Abschlussbericht über mögliche weitere Verfehlungen aus der Ära des früheren Bankchefs Pierin Vincenz nicht abgeschlossen. Gehrig wird den Delegierten nur einen vorläufigen Bericht in Kurzform präsentieren können, heisst es.

Neben Spitzenpersonalien soll es am Samstag auch um die Strukturen der Raiffeisen-Bankengruppe gehen. Diese sind von zahlreichen Interessenkonflikten durchzogen. So ist formal Raiffeisen Schweiz eine Tochtergesellschaft der Raiffeisen-Banken. Laut Statuten hat Raiffeisen Schweiz aber das Mandat, die strategische Entwicklung voranzutreiben. Ausserdem ist sie Ansprechpartnerin der Aufsichtsbehörde Finma. Diese hat daher Raiffeisen Schweiz den Auftrag erteilt, eine Umwandlung von der Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft zu prüfen.

Für die Strukturreform wird eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die wohl vom neuen Präsidenten Guy Lachappelle und Kurt Sidler geleitet wird. Sidler ist Leiter der Koordinationsgruppe der Verbandspräsidenten. Die Mehrzahl der Mitglieder dieser Arbeitsgruppe soll von den Raiffeisenbanken und nicht von Raiffeisen Schweiz stammen.

Bei der Strukturreform geht es auch um die Machtverteilung. So gibt es eine starke Lobby dafür, dass künftig jede Bank einen Delegierten stellen soll. Derzeit haben grössere Raiffeisenbanken mehrere Delegierte. Debatten dürfte auch das neue Vergütungsmodell auslösen, das am Samstag vorgestellt werden soll.

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