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Die «Unterbeschäftigten»

Hunderttausende Teilzeiter in der Schweiz würden ihr Pensum gerne aufstocken – ohne Erfolg. Also helfen sie sich selber.

Immer mehr Menschen nehmen mehrere Jobs gleichzeitig an. Bild: Keystone/Gaetan Bally
Immer mehr Menschen nehmen mehrere Jobs gleichzeitig an. Bild: Keystone/Gaetan Bally

Von Arbeitslosen spricht man oft, falls sie ohne Stelle sind und stempeln gehen. Dass es in der Schweiz aber ein Heer von Leuten gibt, die einer Teilzeitarbeit nachgehen und gerne aufstocken würden, ist kaum bekannt. Sie werden verharm­losend als «Unterbeschäftigte» bezeichnet, 345'000 an der Zahl. Dies entspricht 7,1 Prozent aller Erwerbstätigen und ist mehr als doppelt so viel wie die im Juni gemeldeten 133'603 Stellensuchenden. Gleichzeitig nehmen immer mehr Leute mehrere Teilzeitjobs an. Dies zeigt eine am Dienstag publizierte Auswertung der Arbeitskräfte­erhebung (Sake) des Bundes.

Die Finanzkrise bewirkte einen Schub. Die Zahl der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten hat seit 2009 um 80'000 zugenommen. Warum sie keine Stelle finden, sagt die Statistik nicht, denn das zuständige Bundesamt (BFS) befragte die Teilnehmer zu diesem Punkt nicht. So ist das Feld frei für Spekulationen, wie dies zu bewerten sei und ob politischer Handlungsbedarf bestehe. Insbesondere Frauen und die Generation der 45- bis 54-Jährigen sind überdurchschnittlich betroffen. Jedenfalls wünschen sich die Betroffenen erheblich mehr Arbeit: Die Hälfte bevorzugt einen Vollzeitjob, ein Drittel will das Pensum um mindestens zwei Tage pro Woche erhöhen.

Reicht ein einziger Job nicht?

Parallel dazu beobachtet die Statistik, dass immer mehr Leute mehrere Teilzeitjobs annehmen. Ob freiwillig oder nicht, verrät die Erhebung nicht. Heute arbeiten 8 Prozent aller Erwerbstätigen oder 400'000 Menschen an zwei oder mehr Stellen. Der Anteil hat sich seit 1991 verdoppelt. Reicht ein Job allein nicht mehr zum Leben? Der Basler Arbeitsmarktökonom George Sheldon hat die neuesten Ergebnisse nicht analysiert. Noch 2013 verneinte er die Frage. Zwar sei die Datenlage dünn, gesicherte Erkenntnisse darüber, warum Menschen mehr als einer Tätigkeit nachgehen, «unklar». Doch Indizien zeigten, dass die Mehrheit «nicht unzufrieden» sei. Sie betreffe «tendenziell Personen mit hohem Bildungsniveau» und mit «mehrheitlich unbefristeten Arbeitsverträgen» in Bildung, Informatik, Forschung und Entwicklung und den Immobilien. Sein Fazit: «Von prekären Verhältnissen keine Spur.»

Zumindest ein Fakt spricht dagegen: Teilzeitjobs sind deutlich schlechter bezahlt als Vollzeitjobs. Wer vier Arbeitspensen zu je 25 Prozent verrichtet, verdient monatlich im Schnitt brutto 5400 Franken, während ein Vollzeitjob 6500 Franken einbringt. «Bei vielen reicht das Einkommen per Erstjob nicht», sagt der Gewerkschaftsbund. Vor allem Familien im tiefen Lohnbereich seien gezwungen, Teilzeitpensen anzunehmen, um auf genügend Einkommen zu kommen. Dieser Druck sei «mehrheitlich klar ungesund». Mehrere Jobs zu ­haben, führe zu «mehr Pendlerei und grösserer zeitlicher Belastung». Travailsuisse sagt, die Zunahme der Mehrarbeitstätigen führe zu grösseren Lücken in der Altersvorsorge und erschwere «die Planung der Einsätze, Pausen und Ferien».

Für den Arbeitgeberverband sind pauschale Interpretationen «nicht zulässig», doch Unterbeschäftigung sei nicht erstrebenswert. Dass immer mehr Leute mehrere Jobs haben, könne nicht «einzig auf finanzielle Notwendigkeit» zurückgeführt werden. Gewisse Angestellten empfänden diese Arbeitsform «als Bereicherung und Abwechslung». Dies lege die Erhebung nahe, die «grundsätzlich eine hohe Zufriedenheit der Personen mit Mehrfachbeschäftigung festgestellt» habe. Dennoch sei es «wirtschaftlich wünschenswert», dass Unter­beschäftigte ihre Pensen erhöhen können – «wegen des Fachkräftemangels in diversen Branchen».

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