Zuckerberg verspricht Waffe gegen Hassreden – in fünf bis zehn Jahren

Facebook will den Nutzern mehr Rechte geben. Für die totale Kontrolle ihrer Daten sollen sie künftig bezahlen.

«Ich trage die Verantwortung»: Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei der Anhörung in Washington. Foto: Tom Brenner (NYT, Redux, Laif)

«Ich trage die Verantwortung»: Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei der Anhörung in Washington. Foto: Tom Brenner (NYT, Redux, Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Mark Zuckerberg war es, 14 Jahre nach der Gründung des Unternehmens, der erste Auftritt vor dem Kongress. Der 33-Jährige erschien nicht in seiner üblichen Hoodie-Kluft, sondern in dunklem Anzug, weissem Hemd und blauer Krawatte. Mental hatte er das Büsserhemd übergestreift. 44 von 100 Senatoren hatten sich für die Anhörung eingetragen, ein Rekord. Für Senator Chris Coons, einem gemässigten Demokraten, war die Angelegenheit eine persönliche, nachdem Facebook ihm mitgeteilt hatte, zwei betrügerische Profile vermutlich russischer Herkunft identifiziert und geblockt zu haben. «Doch wie antwortet Facebook einem Durchschnittsnutzer in Smyrna, Delaware?», fragte Coons.

Pappkameraden: Demonstranten platzierten gestern 100 Zuckerbergs aus Karton vor dem Capitol in Washington. Foto: Getty Images

Zuckerberg war gut vorbereitet, trat selbstsicher auf und antwortete kurz und bestimmt. An der Börse reagierte die Facebook-Aktie zunächst mit einem markanten Anstieg. Senator Bill Nelson, Präsident der Handelskommission, aber war weniger überzeugt. Zuckerberg nehme die Lage ernst und wolle sich verbessern, so Nelson, «doch ich bleibe skeptisch. Wenn Sie und andere Social-Media-Plattformen die Lage nicht unter Kontrolle bekommen, so haben wir bald keine Privatsphäre mehr.» Senator John Thune warnte Zuckerberg: Facebook stehe zwar für den amerikanischen Traum, «aber es ist Ihre Verantwortung, dass daraus kein Albtraum für die Privatsphäre wird». Beide machten auch klar: Falls Facebook nicht ein wachsamer Hüter der Personendaten werde, so werde der Kongress eingreifen.

Nutzer hintergangen?

Die grossen Probleme hat Facebook vorderhand in den USA. Hier untersucht die Handelskommission der Regierung, ob das Unternehmen eine Vereinbarung zum sorgfältigen Umgang mit Personendaten von 2012 unterlaufen und die Nutzer hintergangen hat. Sollte Facebook für schuldig befunden werden, drohen astronomische Strafen von bis zu 41 484 Dollar für jeden der vom Missbrauch betroffenen 87 Millionen Nutzer. Die volle Busse dürfte die Kommission zwar kaum einsetzen, doch das Risiko einer drakonischen Sanktion ist mit den Hearings gestiegen. Schliesslich steht der Kongress selber unter dem Druck, sämtliche Social-Media-Plattformen stärker regulieren zu müssen.

Zuckerberg versicherte, die Kontrolle der Daten durch die Nutzer verbessern und explizit die Einwilligung für sensitive Anwendungen wie etwa die Gesichtserkennung einholen zu wollen. Doch eine grosse Ausnahme bleibt: Die Opt-out-Klausel soll in Zukunft verschiedene Ebenen umfassen. Die höchste Ebene, das Ausschalten der gezielten Werbung, soll kostenpflichtig werden. Zuckerberg bestätigte dies etwas widerwillig und fügte an, auch Facebook brauche ein Geschäftsmodell.

Schlecht kam die Hinhaltetaktik von Facebook wegen der Einmischung von Kreml-gesteuerten Hackern in die US-Wahlen an. Es vergingen zehn Monate, bis Zuckerberg endlich die Tragweite der Schmierenkampagne einräumte. Und erst dank den Hearings ist nun das ganze Ausmass bekannt: 126 Millionen Facebook- und Instagram-Nutzer waren gemäss Zuckerberg russischen Manipulationen ausgesetzt. Zuckerberg sagte, grosse Fortschritte im Kampf gegen ausländische Agitatoren gemacht zu haben. Inzwischen würden 99 Prozent der verdächtigen terroristischen Propaganda ausgeschaltet, bevor sie das Publikum sehe. Er deckte auch unerwartet auf, dass Facebook mit Ex-FBI-Chef Robert Mueller bei den Ermittlungen rund um die Trump-Wahl zusammenarbeitet. Noch nicht unter Kontrolle sei die Hassrede, «etwas vom Schwersten, das wir meistern müssen». Die Instrumente dazu dürften erst in fünf bis zehn Jahren bereitliegen.

Ob es in den USA eine ähnlich strikte Regulierung braucht wie in der EU, liess er offen. Facebook sei aber bereit, in Zukunft die Nutzer innert höchstens 72 Stunden über Missbräuche zu informieren, und unterstütze auch den Honest Ads Act, ein Gesetz zur Offenlegung politischer Werbung.

«Kosmetische Anpassungen»

In Ländern wie Indonesien, Sri Lanka, den Philippinen und Burma ist Facebook die dominierende Nachrichtenquelle geworden und der Verantwortung klar nicht gewachsen, wie das Hearing zeigte. Die Missbräuche in Burma sind derart gravierend, dass Zuckerberg vor der Anhörung zum ersten Mal persönlich auf die Hilferufe von lokalen Bürgerrechtsgruppen reagierte und sich entschuldigte. Das Regime betreibt eine Treibjagd auf die Minderheit der Rohing­­ya-Muslime. Zuckerberg müsste 800 vollamtliche Kontrolleure einstellen, fordern die Bürgerrechtsgruppen. Zuckerberg versprach Abhilfe, doch die Protestierenden sind skeptisch und sprechen von «lediglich kosmetischen Anpassungen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 23:06 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt wird Datenschutz teuer

Die EU macht mit einer neuen Datenschutzverordnung Ernst. Diese gilt auch für Schweizer Unternehmen. Doch hierzulande scheine das Problembewusstsein noch nicht gross zu sein, kritisieren Experten. Mehr...

Gehören Sie zu den Opfern von Cambridge Analytica?

Ab heute informiert Facebook die Betroffenen des Datenskandals. Wie Sie herausfinden, ob Sie dazugehören. Mehr...

Mark Zuckerberg sagt schon mal «Sorry»

Am Dienstag wird der Facebook-Chef vor dem US-Kongress in die Mangel genommen. Welche Fragen ihn zum Datenskandal erwarten könnten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Künstliche Intelligenz: Der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov wird an der «Hannover Messe» vom Tischtennisroboter «Forpheus» gefordert. (22. April 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...