«Wir haben auch Socken und Stifte verkauft – das hat nichts gebracht»

Chris O’Neill ist der Chef der Notiz-App Evernote. Gegenwärtig arbeitet seine Firma am Ausbau des Zürcher Standorts. Dabei spielen auch Steuervorteile eine Rolle.

Er konzentriert sich bewusst auf einen einzigen Gedanken: Evernote-Chef Chris O’Neill. Foto: Chris Ratcliffe (Bloomberg, Getty Images)

Er konzentriert sich bewusst auf einen einzigen Gedanken: Evernote-Chef Chris O’Neill. Foto: Chris Ratcliffe (Bloomberg, Getty Images)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos
Matthias Pfander@MatthiasPfander

Von welcher Technologie sind Sie derzeit am meisten fasziniert?
Der Sprachsteuerung. In der Zukunft werden wir Geräte mit unserer Stimme bedienen. Dort läuft derzeit viel.

Ein schwieriges Thema. Wir haben einen starken Dialekt. Die Geräte verstehen uns oft nicht.
Heute verstehen uns die Maschinen noch nicht gut. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis sie im Alltag eine grosse Hilfe sein werden.

Neue Trends können eine Firma schnell in ihrer Existenz bedrohen. Ihr Vorgänger hat sich dennoch zum Ziel gesetzt, dass Evernote 100 Jahre alt werden soll. Ein Witz?
Natürlich ist es schwer, vorauszusehen, was in 100 Jahren passiert. Wir wollen eine Firma sein, die gedeiht und wächst. Wir sind gut aufgestellt. 2016 war das beste Jahr, das wir je hatten.

«2016 war das beste Jahr, das wir je hatten.»

Wie sah die Firma aus, als Sie Ihren Job vor anderthalb Jahren antraten?
Damals verbrannte Evernote viel Geld. In einem Markt, in dem viel Risikokapital zur Verfügung steht, ist das kein Problem. Doch diese Zeiten sind vorbei, daher wurde es schwierig.

Und heute?
Diese Herausforderung haben wir mittlerweile gemeistert. Ein weiteres Problem war die Menge an Projekten, die wir gleichzeitig verfolgten. Sie waren Wetten auf die Zukunft. Unternehmen müssen solche Risiken eingehen. Evernote hatte dann aber nicht den Mut, solche Projekte zu beenden, wenn sie keine Resultate lieferten.

Das ist gleichzeitig eine Kritik am bisherigen Evernote-Team.
Das Team hat einen hervorragenden Job gemacht, das Unternehmen dorthin zu bringen, wo es war. Mein Auftrag ist es, die Firma dauerhaft zu etablieren.

Wie lange soll Evernote eine unabhängige Firma bleiben?
So lange wie möglich.

Gibt es Pläne für einen Börsengang?
Nein, darauf legen wir derzeit kein Gewicht. Es kann eine Firma ablenken, wenn man sich darauf konzentriert.

Snap wurde jüngst beim Börsengang mit 24 Milliarden Dollar bewertet. Gibt es Übertreibungen bei den Bewertungen von Jungfirmen?
Ich fürchte mich nicht vor einer Blase. Weder glaube ich an Übertreibungen noch an Untertreibungen. Es gibt eine Kategorie von Firmen, die sich gut entwickeln. Dazu zählen Snap, der Onlinespeicher Dropbox oder wir.

Wie viele Nutzer hat Evernote heute?
2016 haben wir die Marke von 200 Millionen Nutzern überschritten. Jeden Tag kommen 75 000 bis 100 000 neu dazu. Schwieriger als die Nutzerzahl zu steigern, ist es, die Kunden dazu zu bringen, Evernote täglich zu verwenden. Ein Kunde, der uns täglich mehrmals verwendet, ist mir lieber als 30 Kunden, die bloss die App installiert haben.

Wie viele Evernote-Nutzer haben ein Bezahlabo?
Eine absolute Zahl gebe ich nicht preis. Im letzten Jahr sind 40 Prozent neue, zahlende Abonnenten dazugekommen. Unsere Margen haben sich verbessert. Die Bruttomarge ist zuletzt zweistellig gewachsen, in einzelnen Geschäftsbereichen dreistellig. Die Einnahmen helfen uns, in die Technologie zu investieren.

Um dahin zu kommen mussten sie aber Leute entlassen ...
Ja, wir mussten fokussieren. Evernote hat auch Socken und Stifte verkauft. Das brachte uns nicht weiter. Wir hatten zehn Niederlassungen auf der ganzen Welt, was aussergewöhnlich ist für eine Firma mit 360 Angestellten. Wir mussten uns entscheiden, wofür wir unser Geld einsetzen. Unterdessen sind wir stark gewachsen. In den letzten 18 Monaten haben wir 130 Leute eingestellt. In diesem Quartal werden weitere 30 bis 35 hinzukommen.

«Für eine Stelle in Zürich hatten wir 66 Bewerbungen aus ganz Europa.»

Wächst auch der Zürcher Standort?
Ja, wir sind gerade dabei, weitere Mitarbeiter einzustellen. Derzeit suchen wir Verkaufsleute, keine Ingenieure. Grundsätzlich ist Zürich bei den Bewerbern beliebt. Wir hatten neulich für eine Stelle 66 Bewerbungen aus ganz Europa.

Schaffen Sie es, die richtigen Leute nach Zürich zu bringen? In der Schweiz sind die Kontingente für ausländische Fachkräfte knapp.
Wenn man wirklich qualifiziertes Personal holen will, klappt das. Wir hatten noch nie Schwierigkeiten. Doch die Restriktionen werden für die Technologiebranche zum Problem. Es wird auch zunehmend schwierig, qualifizierte Arbeitskräfte in die USA zu bekommen. Die Tech-Industrie wurde von Migranten aufgebaut. Alles, was den internationalen Austausch behindert, ist ein echtes Problem. Die Arbeitskräfte und das Kapital müssen sich frei bewegen können, sonst geht es der Branche nicht gut.

Wieso sind Sie nach Zürich gekommen? Aus Steuergründen?
Mir wurde gesagt, dass es verschiedene Gründe gab. Man findet gute Leute hier. Die Stadt ist sehr international und mit dem Flugzeug gut erreichbar. Dank Google gibt es einen Direktflug von San Francisco nach Zürich mit dem Spitznamen Google-Plane. Und klar waren auch die steuerlichen Faktoren und das wirtschaftsfreundliche Klima wichtig.

Die Konkurrenz bei den Notiz-Apps, namentlich Apple und Microsoft, hat aufgeholt. Wie bleiben Sie vorn?
Wir sind mehr als ein digitaler Notizblock. Das Produkt muss unsere Nutzer produktiver machen. Mit dem letzten Update haben wir alles übersichtlicher und schneller gemacht. Das hilft uns dabei, zur besten App dafür zu werden, um Gedanken zu sammeln und zu strukturieren. Egal, ob die Idee simpel oder nobelpreisverdächtig ist.

Nobelpreisverdächtig klingt gut, so eine Idee hätten wir auch gerne.
(Lacht) Versuchen Sie es! Wir wollen verstehen, wie erfolgreiche Menschen ihre Ideen strukturieren. Vielen erfolgreichen Persönlichkeiten, sei es nun Albert Einstein oder Richard Branson, ist gemein, dass sie Notizen gemacht haben. Es ist faszinierend, dass einflussreiche Persönlichkeiten unsere App nutzen und uns auch Feedback geben.

Wer?
Die US-Fernsehstars Jimmy Fallon und Stephen Colbert zum Beispiel. Es gibt auch viele Topleute aus der IT-Industrie, die sich mit ihrem Feedback bei uns melden. Das freut mich, denn wir wollen ein Tool für diese Kundschaft sein.

Was wissen Sie sonst noch über Ihre Kunden?
Wir lernen viel darüber, wie die Menschen arbeiten.

Und was erfahren Sie dabei?
Dass 40 Prozent der Arbeitszeit beim Umschalten zwischen den einzelnen Arbeitswerkzeugen verloren geht. Das führt dazu, dass man sich nicht fokussieren kann. Hinzu kommt, dass man etwa 2,5 Stunden pro Tag verschwendet, um nach Informationen zu suchen. Heute verwenden Arbeitstätige bis zu 80 Prozent ihrer Zeit für die Zusammenarbeit. Dazu zählen E-Mails, das Benutzen von Chat-Apps oder Sitzungen.

«Facebook ist nicht gratis, man bezahlt mit seinen Daten.»

Kunden speichern sehr persönliche und sensible Informationen ab. Das kann ein Risiko bedeuten ...
Die Daten gehören unseren Nutzern, wir schützen sie und stellen nichts damit an. Unsere Nutzer können die Daten auch einfach in andere Dienste übertragen. Das lassen viele Mitbewerber nicht zu. Facebook ist nicht gratis, man geht eine Abmachung mit der Firma ein und bezahlt mit seinen Daten.

Sie wollen die Zusammenarbeit in Teams vereinfachen. Was läuft hier heute schief?
Die Arbeit in Teams hat unerwünschte Nebenwirkungen: Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten. Die ganze Vernetzung ist aus dem Ruder gelaufen. Bei der Arbeit fühlt es sich an, als gäbe es keine Mauern mehr, und alles dringt gleichzeitig auf einen ein.

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Überflutung um?
Ich versuche wenn möglich, die Benachrichtigungsfunktionen meines Smartphones auszuschalten und mich bewusst auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren. Jeden Tag nehme ich mir vor, einer Sache die ganze Aufmerksamkeit zu geben. Wer sich gegen die Überflutung nicht schützt, wird in einem Burn-out landen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt