Wieder einbauen statt schreddern

In der Bauteilbörse Bern findet der Heimwerker alles, was sein Herz begehrt - gebraucht, aber gereinigt und technisch geprüft.

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Hans Galli

Die Wohnung ist erst fünf Jahre alt, der Besitzer muss sie verkaufen, weil er eine neue Stelle im Ausland antritt. Er findet problemlos einen Käufer, aber diesem gefällt die Küche nicht: Das ist ein Fall für die Bauteilbörse Bern: Bereichsleiter Enzo Corleto rückt mit seinen Männern an und gemeinsam demontieren sie die Küche sorgfältig.

Schränke und Apparate werden an die Frankenstrasse 70 in Bern-Bümpliz transportiert. Dort werden sie gereinigt und falls nötig repariert. Dann wird die Küchenkombination im Ausstellungsraum wieder montiert und wartet auf Käufer. «Wir sind keine Recyclingfirma, welche die gebrauchten Teile schreddert und die Rohstoffe zurückgewinnt. Unser Ziel ist, dass die Bauteile wieder verwendet werden», sagt Tom Schilter, Leiter Soziales der Bauteilbörse.

Es müssen nicht gleich ganze Küchen sein. Auch einzelne Kühlschränke, Kochherde, Backöfen, Lavabos und WCs werden abgeholt und zur Wiederverwendung bereitgestellt. Bei Elektrogeräten wird in der Werkstatt der Stromverbrauch über mehrere Stunden gemessen. «Zwanzigjährige Kühlschränke vermitteln wir nicht mehr weiter, weil sie zu viel Strom verbrauchen», sagt Schilter. Schliesslich habe sich die Bauteilbörse zur Nachhaltigkeit verpflichtet.

Ab ins Säurebad Bei Sanitärgeräten wird geprüft, ob die Wasserschläuche dicht sind und die Ventile funktionieren. Lavabos, WC-Schüsseln und Keramikplatten kommen ins Säurebad. Danach sehen sie wie neu aus. Vor dem Verlassen der Werkstatt werden sie kontrolliert.

Dann fotografiert ein Mitarbeiter sie und stellt die Bilder ins Internet: Unter der Adresse www.bauteilclick.ch präsentieren sieben Bauteilbörsen von Lausanne bis Winterthur ihre Angebote. «Heimwerker, Schulhausabwarte und Leute, die bestimmte Stücke suchen, informieren sich im Internet und kommen dann in unser Verkaufslokal», sagt Schilter.

Dort sind auf den Gestellen Dutzende von Lavabos, WC-Anlagen, aber auch Kochherde und Backöfen aufgereiht. Auf der ganzen Länge der ehemaligen Autowerkstatt stehen Schubladenschränke gefüllt mit Kleinteilen: Wasserhahnen, Türbeschlägen, Gittern und Einhängeteilen für Kühlschränke und Dutzende weitere Objekte. Wer in seiner Wohnung Apparate hat, für welche der Hersteller keine Ersatzteile mehr liefert, wird hier möglicherweise fündig.

Der Badewannensessel

Für gebrauchte Badewannen hat die Bauteilbörse einen neuen Verwendungszweck gefunden: Die Mitarbeitenden schneiden die Wanne in der Mitte auseinander und machen aus den Teilen originelle Badewannensessel.

Alte Möbel führt die Bauteilbörse Bern aus Platzgründen nicht – mit einer Ausnahme: Maler Roger Schenk überholt alte Küchenschränke. Er ist mit Leib und Seele dabei. Die Fotos an den Wänden und die Tätowierungen auf den Armen zeigen, dass er SCB- und YB-Fan ist. Früher habe er selber Fussball gespielt, beim FC Zähringia in der 2. Liga, sagt er.

Momentan sind sechzig Mitarbeitende in der Bauteilbörse tätig – alle mit Teilpensen. Betreut werden sie von drei Bereichsleitern. Die Mitarbeitenden sind ausgesteuerte Langzeitarbeitslose. Sie erhalten von der Stadt Bern Sozialhilfe sowie eine Integrationszulage und eine Entschädigung für das Mittagessen. «Das Ziel ist, sie wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen», sagt Schilter.

Von der Stadt zur Syphon AG

Bis im vergangenen Jahr gehörte die Bauteilbörse zum Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern. Weil der Kanton die Beiträge für Arbeitsintegrationsprojekte kürzte, beschloss die Stadt, die Bauteilbörse zu schliessen. Rettung kam von der Syphon AG in Biel: Diese betreibt in Brügg die Bauteilbörse und führt nun auch den Betrieb in Bern.

Im Dezember zog letzterer von Köniz an die Frankenstrasse in Bümpliz. Als Übergangslösung sagte die Stadt Bern zu, im Jahr 2016 noch 20 Einsatzplätze und bis Ende 2017 noch 8 Abklärungsplätze zu finanzieren. Anschliessend will sie 50  Einsatzplätze im geplanten Veloverleihsystem schaffen. Die heutigen Mitarbeitenden der Bauteilbörse sollen künftig dort eingesetzt werden. Die Stadt Bern kann laut Felix Wolffers, Leiter Sozialamt, Geld sparen: Die Einsatzplätze beim Veloverleihsystem kosteten sie weniger als jene bei der Bauteilbörse.

Weil der bei der Ausschreibung unterlegene Anbieter Beschwerde eingereicht hat, verzögert sich der Start des Veloverleihsystems wahrscheinlich bis Frühjahr 2018. Deshalb will die Stadt Bern laut Wolffers in den kommenden Wochen entscheiden, ob der Vertrag mit der Bauteilbörse um ein Jahr verlängert werden kann.

«Diese Verlängerung wäre höchst willkommen», sagt Uwe Zahn, Verwaltungsratspräsident der Syphon AG. Dann hätte die Bauteilbörse Bern mehr Zeit, sich neu auszurichten. Positiv für sie ist, dass die Stadt Bern gemäss Wolffers die Zusammenarbeit bei den dreimonatigen Abklärungsplätzen längerfristig weiterführen will. Zudem ist die Syphon AG mit andern Gemeinden im Gespräch: Die Bauteilbörse Bern könnte nicht nur für Langzeitarbeitslose eine Chance sein, sondern auch für die Integration von Flüchtlingen.

Der Bund

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